Hamburg-Neuengamme

Zukunft der Vergangenheit

Das KZ Neuengamme wurde 1938 als Außenlager des KZs Sachsenhausen errichtet. Foto: imago/Hauke Hass

Es ist eines der drängendsten Themen der kommenden Jahre: Wie gehen wir mit dem Verlust der letzten Zeitzeugen um? Wie können wir es schaffen, die Erinnerung an die Geschehnisse der NS‐Zeit auch ohne sie weiterzuvermitteln? Eine Konferenz in Neuengamme will sich diesen Fragen widmen. Anfang Mai treffen sich in der KZ‐Gedenkstätte vor den Toren Hamburgs Nachkommen und Angehörige von NS‐Verfolgten, um sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen und ihr gemeinsames Netzwerk auszubauen.

Es ist bereits das vierte Mal, dass das Forum »Zukunft der Erinnerung« organisiert wird. Die erste Tagung fand 2015 statt, um den 70. Jahrestag der Befreiung von Nazi‐Deutschland zu feiern. Am 1. Mai dieses Jahres werden sich Kinder, Enkel und Urenkel in Neuengamme treffen. »Wir bieten den Nachkommen von NS‐Verfolgten einen geschützten Raum, um sich über ihre Familiengeschichte und die Rolle, die diese in ihrem Alltag spielt, auszutauschen«, sagt Mitorganisatorin Swenja Granzow‐Rauwald.

Es geht auch darum, eine gemeinsame Kultur künftigen Erinnerns zu schaffen. Daher sei das Forum auch eine Art Grundstein einer europäischen Gedenkkultur. Ein Teil dieser gemeinsamen Erinnerungskultur ist der mehrsprachige Blog »Reflections«, auf dem Nachkommen ihre Familiengeschichten teilen und sich miteinander zu vernetzen können. Unterstützt wird diese Plattform von Organisationen der Nachkommen aus verschiedenen Ländern.

Kooperationsprojekt Hierzu soll auch die Geschichte außerhalb Deutschlands und Europas einbezogen werden. Susanne Lewerenz, eine der Organisatorinnen des Forums, erzählt, warum in diesem Jahr ein besonderes Augenmerk auf die Repräsentation internationaler Geschichten gelegt wurde: »Bei der Themenwahl war uns wichtig, zu zeigen, dass Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg Menschen aus den verschiedensten Ländern – aus dem globalen Norden wie auch dem globalen Süden – auf jeweils ganz spezifische Art und Weise betroffen haben und noch heute betreffen.«

Gemeinsam mit ihrem Augsburger Kollegen Philipp Bernhard rief sie deshalb das Kooperationsprojekt »Verflechtungen. Koloniales und rassistisches Denken und Handeln im Nationalsozialismus: Voraussetzungen, Formen, Folgen« ins Leben. Hier sollen Multiplikatoren ausgebildet werden, die das Thema an Schulen und Bildungseinrichtungen vermitteln können.

In mehreren Podiumsgesprächen wird es um internationale Perspektiven gehen. Nachkommen von Tätern und Opfern der Franco‐Diktatur berichten von ihren Erfahrungen, die persönlichen Geschichten von Nachkommen aus den von Deutschen besetzten europäischen Ländern werden vorgestellt, und auch die als beispielhaft geltende Aufarbeitung des Genozids in Ruanda wird Thema eines Podiums sein.

Migranten Bei dieser Tagung soll auch eine Brücke geschlagen werden zu den Erfahrungen heutiger Migranten in Deutschland. Es ist ein Versuch, die historische Aufarbeitung mit Lebenswelten zu verknüpfen, die dichter am Alltag beispielsweise von Schülern liegen.

Das Bremer Projekt »MultipeRSPEKTiv« versucht mit einem partizipierenden Ansatz, die Perspektiven und Geschichten von Geflüchteten auf die internationalen Auswirkungen der NS‐Zeit einzubeziehen. Auch beim Theaterstück Blickwechsel, das zur Gedenkfeier am 3. Mai aufgeführt wird, geht es darum, die Schüler an die Formen des Erinnerns heranzuführen. Schließlich sollen die kommenden Generationen in der Lage sein, die Geschichte der NS‐Zeit glaubhaft und zeitgemäß weiterzuvermitteln. Die Ausbildung zu Multiplikatoren an Schulen, Universitäten und Bildungseinrichtungen wird dafür maßgeblich sein.

Anmeldungen sind noch bis zum 20. April möglich.

Kontakt:
Sophia Annweiler, KZ‐Gedenkstätte Neuengamme, Studienzentrum 040/428 13 15 43, studienzentrum@bkm.hamburg.de
Veranstaltungsort: KZ‐Gedenkstätte Neuengamme

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