9. November

»Zivilcourage zeigen«

Geschichtsunterricht: Eine Schulklasse besucht das Berliner Holocaust-Mahnmal. Foto: dpa

In der »Reichspogromnacht« am 9. November 1938 wurden in Deutschland Tausende Synagogen, Geschäfte und jüdische Friedhöfe zerstört, Juden wurden verhaftet, verprügelt und ermordet. Heute, 77 Jahre nach den Novemberpogromen, verblasst die Erinnerung an die Ereignisse, und es gibt immer weniger Zeitzeugen, die sie durch eigenes Erleben schildern könnten. Wie kann angesichts dessen wichtiges Wissen an zukünftige Generationen weitergegeben werden?

Ein Thema, das in Deutschland schon häufig für Diskussionen unter Politikern, Lehrern und Wissenschaftlern sorgte. Besonders die Frage, wie, wann und auf welche Weise Schülern das Thema des Nationalsozialismus vermittelt werden soll, ist sehr umstritten. In einigen Bundesländern ist der Besuch eines KZs für Schüler bereits Pflicht, so etwa in Bayern. Anfang dieses Jahres setzte sich Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, dafür ein, Besuche in KZ-Gedenkstätten für Schulen in allen Bundesländern obligatorisch zu machen. Jeder Schüler ab der 9. Klasse solle zumindest einmal eine Holocaust-Gedenkstätte besucht haben, so der Zentralratspräsident.

Lehrpläne Das Thema der Schoa ist, unabhängig von den Besuchen bei Holocaustgedenkstätten, fest in deutschen Lehrplänen verankert. In jedem Curriculum für Geschichte lässt sich das Thema der Verfolgung und der Massenvernichtung der Juden finden. An manchen Schulen wird es zusätzlich auch in anderen Fächern, anhand Lektüren im Deutsch- oder Ethikunterricht etwa, behandelt. Ein Forschungsbericht der Universität zu Köln von 2011 stellte fest, dass die Stundenzahl, die dem Thema des Nationalsozialismus gewidmet wird, in der Regel doppelt so hoch ist wie die durchschnittliche Stundenzahl, die für andere Themen zur Verfügung steht. Dennoch gibt es innerhalb der Länder große Unterschiede.

Obwohl also dem Holocaust an deutschen Schulen besondere Aufmerksamkeit zukommt, gibt es offensichtlich große Schwierigkeiten bei der angemessenen Vermittlung wichtiger Inhalte. Das zeigte eine Forsa-Umfrage von 2012. Ihr zufolge konnten nur 21 Prozent der 18- bis 30-Jährigen etwas mit dem Begriff »Auschwitz« anfangen.

Authentizität
Für diese Defizite fand die Kölner Universität einige Erklärungen. Sie nennt in ihrem Forschungsbericht vier Faktoren, die den Unterricht erschweren. So gebe es immer weniger Zeitzeugen, die das Thema authentisch vermitteln könnten. Außerdem rückten die geschichtlichen Ereignisse in eine immer größere zeitliche Distanz. Kinder der vierten Generation haben oft keinen persönlichen Bezug mehr zum Zweiten Weltkrieg und zum Holocaust. Ein weiteres Problem stellt die mediale Abdeckung des Themas dar. Dessen Präsenz, insbesondere im Fernsehen, führt nicht zu nachhaltigem Wissen, erweckt aber das Gefühl, der Bereich würde im Überfluss behandelt. Zudem sind viele Schüler durch die Brutalität, die heutzutage in den Medien zu finden ist, bereits abgestumpft. Bilder, die zum Thema Nationalsozialismus gezeigt werden, schockieren Jugendliche immer weniger.

Entgegen der Forschungen der Universität Köln findet Radion (19), ehemaliger Schüler eines Gymnasiums in Köln, vor allem Filme bei der Bildung zum Holocaust wichtig. »Die haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen und viele zum Nachdenken gebracht.« Auch die Behauptung des Forschungsberichts, Jugendliche seien durch die Medien bereits abgestumpft, trifft auf Radion nicht zu. »Die Bilder von in Flammen stehenden Synagogen, von Menschen, die auf der Straße sterben oder im KZ verhungern, haben mich sehr bedrückt.« Diese Bilder, so glaubt er, ließen niemanden kalt.

Lernfähigkeit Enttäuscht ist Radion von den Lehrern, denen das Thema sichtlich unangenehm war. Er glaubt, dass der Holocaust deshalb nur am Rande behandelt werde. Auch, dass er als Jude gebeten wurde, seine Kenntnisse und Erfahrungen mit der Klasse zu teilen, findet er schwierig. »Die meistgestellte Frage der Mitschüler war dann aber: ›Wie ist es denn so als Jude?‹« Gefehlt habe auch die Frage danach, welche Schlüsse man aus der Geschichte ziehen muss.

Sophie ist 16 Jahre alt und besucht ein Kölner Gymnasium. Sie findet, dass die neunte Klasse ein guter Zeitpunkt sei, um über den Nationalsozialismus zu sprechen. »Die meisten sind dann aus der kindischen Phase raus und fangen an, reife Gedanken zu entwickeln.« Obwohl die Lehrerin sich viel Mühe gegeben habe, den Unterricht authentisch zu gestalten, fehlte Sophie dennoch etwas. »Ich verbinde den Holocaust mit Zeitzeugen, wie etwa meinen Großeltern.«

Für dieses Problem, das auch der Forschungsbericht anspricht, hat sie eine eigene Lösung gefunden. In einem Vortrag hat sie von der Lebensgeschichte ihrer Großmutter erzählt. »Das kam sehr gut bei meinen Mitschülern an. Sie haben dadurch verstanden, dass das Ganze doch viel näher ist, als sie vielleicht denken.«

»Viele Jugendliche wissen so gut wie gar nichts über den Holocaust.« Sophie wundert das, schließlich ist es erst drei Generationen her – im Gegensatz zu den Forschern der Universität schätzt sie die historische Distanz als gering ein. Das Gedenken an den Holocaust sei für sie persönlich etwas Selbstverständliches, müsse aber für alle essenziell sein, schließlich sei es wichtig zu wissen, was damals geschah, um es heute verhindern zu können.

mitläufer Als ehemaliger Schüler einer Kölner Gesamtschule spricht der 19-jährige Felix ein anderes Thema an: »Der Holocaust war eigentlich seit der 9. Klasse immer präsent, in der Schule, aber auch im Fernsehen, in Filmen und Büchern.« Er empfinde das als nicht übertrieben, was ihm jedoch fehlt, ist Wissen darüber, wie es zum Nationalsozialismus kommen konnte. Es sei doch zu einfach, jede Frage mit »die bösen Nazis« zu beantworten. Felix meint, dass die Schulen es sich nicht so leicht machen sollten. »Schließlich kann so etwas wie der Nationalsozialismus jederzeit wieder passieren, denn Mitläufer wird es immer geben.«

Verhindern könne man das nur, wenn Schüler dazu gebracht würden, selbstständig zu denken, sich und andere zu hinterfragen, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Felix ist nicht jüdisch und hat dennoch nicht das Gefühl, sich schuldig fühlen zu müssen. Der Sorge der rechten Szene, die behauptet, die deutsche Jugend würde dazu erzogen, sich schuldig zu fühlen, widerspricht Felix vehement. Vielmehr, so sagt er, trage er eine Verantwortung dafür, dass so etwas nie wieder passiert. »Vorwürfe bringen nichts, man muss Zivilcourage zeigen.«

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