Interview

»Zeit für uns selbst nehmen«

ZWST-Direktor Aron Schuster Foto: Uwe Steinert

Interview

»Zeit für uns selbst nehmen«

Aron Schuster über den Jugendkongress, moderne Gemeinden und Redebedarf

von Katrin Richter  28.02.2024 00:36 Uhr Aktualisiert

Herr Schuster, unter dem Motto »You Make the Difference« findet ab dem 29. Februar der Jugendkongress der ZWST und des Zentralrats statt. Was können, sollen oder müssen junge Jüdinnen und Juden heute bewegen?
Die junge Generation kann oder muss vieles vielleicht sogar besser machen als die Generationen vor ihr, angesichts einer Welt, die sich zunehmend radikalisiert, spaltet und aufrüstet. Weltfrieden, soziale Gerechtigkeit, Klimawandel in Zeiten der Rezession, aber auch die Zukunftsfähigkeit der jüdischen Gemeinden – diese Generation steht vor gigantischen Herausforderungen.

Der JuKo findet in einer schwierigen Zeit statt. Wie spiegelt sich das im Programm?
Wir wollen bewusst auch Räume schaffen, in denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Möglichkeit haben, die extrem herausfordernde, schwere, belastende Zeit seit dem 7. Oktober ein Stück weit zu verarbeiten und darüber ins Gespräch zu kommen. Es gibt »Safer Spaces«, moderiert von Expertinnen. Wir haben gespürt, der Bedarf nach stabilisierenden Settings ist deutlich gestiegen.

Können Sie auf einige Punkte näher eingehen?
Beim Jugendkongress werden Überlebende des Nova-Festivals zu Wort kommen, ein Knessetabgeordneter wird die politische Dimension intensiver beleuchten. Eine weitere Säule geht der Frage nach, wie die deutsche Politik auf all diese veränderten Umstände reagiert. In diesem Jahr haben wir uns ganz gezielt auf junge Politikerinnen und Politiker, Aktivistinnen und Aktivisten konzentriert, darunter Kevin Kühnert, Ricarda Lang und Düzen Tekkal.

Ein Panel heißt »Meine Zukunft, meine Gemeinde«. Wie sieht die Gemeinde von morgen aus?
Sie muss zukunftsfähiger, inklusiver und moderner werden, damit sie für die junge Generation attraktiv bleibt. Es gibt innerhalb der großen Zahl jüdischer Gemeinden in Deutschland durchaus das eine oder andere Vorbild. Wir haben aber auch Gemeinden, bei denen ich durchaus Nachholbedarf sehe, diese Prozesse anzustoßen. Wir müssen uns ehrlich machen und über eine veränderte Gemeindelandschaftskarte in 20 Jahren sprechen und – damit einhergehend – über neue Formen von Kooperationen unter den Gemeinden. Insbesondere da wollen wir junge Stimmen zu Wort kommen lassen. Diese innerjüdische Debatte soll umrahmt von der Vollversammlung der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD) den Kongress abschließen.

Worüber freuen Sie sich persönlich?
Dass die Nachfrage für den JuKo sehr hoch war und wir eigentlich ausgebucht sind. Seit dem 7. Oktober sind der Wunsch und der Bedarf, sich miteinander auszutauschen und zu vernetzen, noch größer geworden. Mit Blick ins Programm denke ich, dass der Auftritt des Oberkantors der israelischen Armee ein emotionales Highlight werden wird.

In drei Bundesländern finden in diesem Jahr Landtagswahlen statt. Wie sind die jüdischen Gemeinden in Ostdeutschland Ihrer Ansicht nach darauf vorbereitet?
Die Umfragewerte bereiten gerade der jungen Generation große Sorge. Viele stellen sich vermehrt die Frage, an welchem Ort Sie in Zukunft unbeschwerter leben können. Ähnliche Überlegungen höre ich inzwischen auch von Personen in Berlin. Uns allen ist deutlich geworden, dass Antisemitismus ein weltweites Phänomen ist, vor dem auch Grenzen nicht halt machen. Aber es kristallisieren sich Regionen und Städte heraus, die jüdisches Leben verträglicher machen als andere. Die Landtagswahlen in den ostdeutschen Bundesländern könnten diesen Effekt nochmal verstärken. Jüdische Studierende werden ihre Hochschulstandorte zukünftig noch stärker nach anderen Kriterien als der Reputation und Qualität der Lehre auswählen.

Mit dem Direktor der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) sprach Katrin Richter.

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