Interview

»Wir wollen starke Gemeinden«

Doron Kiesel Foto: Marco Limberg

Herr Kiesel, in Erfurt startet jetzt der Masterstudiengang »Management und Interkulturalität«. An wen wendet er sich?
Das Angebot richtet sich in erster Linie an Mitglieder jüdischer Gemeinden, die perspektivisch Leitungsaufgaben übernehmen wollen.

Sind die Gemeindeführungen nicht professionell genug?
Ich würde es anders formulieren: Um eine Gemeinde heute in Anbetracht der komplexen sozialen, ökonomischen und politischen Bedingungen erfolgreich leiten zu können, ist es notwendig, umfassende Kenntnisse zu besitzen: Management, Finanzen, Sozialpolitik und Netzwerkarbeit. Genau diese Grundlagen sollen in Zusammenhang mit methodischen und rhetorischen Kompetenzen vermittelt werden. Darüber hinaus geht es um Interkulturalität – das heißt, wie setzen wir uns mit anderen religiösen, kulturellen und ethnischen Gemeinschaften auseinander, wie präsentieren wir uns im Reigen der multikulturell zusammengesetzten deutschen Gesellschaft und versuchen, unsere Interessen überzeugend zu platzieren?

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, diesen Studiengang einzurichten?
Ich komme relativ viel rum im Land, und auch bei den Serviceseminaren für Gemeindearbeit der Bildungsabteilung des Zentralrats ist mir aufgefallen, dass es auf den Führungsetagen Defizite gibt. Es gibt sehr gute und funktionierende Vorstände, und es gibt Vorstände und Gemeindeleitungen, die mangels Erfahrung und Möglichkeiten noch nicht so weit sind, Gemeinden erfolgreich leiten zu können. Das ist kein Vorwurf: In den meisten unserer Gemeinden stellen Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion die überwiegende Mehrheit der Gemeindemitglieder. Die Institution »Jüdische Gemeinde« war in der ehemaligen Sowjetunion nicht bekannt, sodass die Voraussetzungen eines Gemeindeaufbaus erst erlernt werden müssen. Zahlreiche Gemeindemitglieder haben daher den berechtigten Wunsch nach einem solchen Studiengang geäußert.

Nehmen also vorwiegend Zuwanderer dieses Studiums auf? Und wie viele Studenten haben sich angemeldet?
Es nehmen 16 jüdische Zuwanderer und fünf Nichtjuden das Studium auf. Wir haben insgesamt 25 Plätze. Der Studiengang ist damit nahezu ausgebucht. Die Studierenden kommen aus der gesamten Bundesrepublik. Ihr Alter liegt zwischen 28 und 45 Jahren.

Es gibt in Erfurt schon den Bachelor-Studiengang »Jüdische Sozialarbeit«. Wie unterscheidet er sich vom Management-Studium?
Das Studium der Sozialarbeit hat Personen im Blick, die Zuwanderern bei Alltagsproblemen und ihrer Integration zur Seite stehen. Bei dem Management-Studium geht es um Leitungsaufgaben. Ziel ist die Weiterentwicklung der Gemeinden in Hinsicht auf ihre religiösen, sozialen, bildungsbezogenen und kulturellen Aufgaben. Der Aufbau starker Gemeinden erfordert klare und transparente Strukturen und professionelle Führungskonzepte.

Mit dem Professor für Interkulturelle Pädagogik und Soziale Arbeit an der FH Erfurt und wissenschaftlichen Direktor der Bildungsabteilung des Zentralrats sprach Ayala Goldmann.

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