Interview

»Wir wollen Brücken bauen«

»Wir müssen die mittlere Generation ansprechen«: die neue Gemeindedezernentin im Zentralratspräsidium, Barbara Traub Foto: Marco Limberg

Frau Traub, Sie haben im Präsidium des Zentralrats das Ressort »Gemeinden« übernommen. Welche Aufgaben haben Sie?
Ich stelle mir vor, dass ich Ansprechpartnerin für die Gemeinden bin, für ihre Sorgen und Anliegen. Ich sehe dieses Ressort, das ja neu geschaffen wurde, in einer Brückenfunktion zwischen den Gemeinden und dem Zentralrat.

Warum ist diese Brückenfunktion notwendig geworden?
Die Gemeinden sind dank der Zuwanderung von Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion gewachsen. Mit der Vielfältigkeit und Dynamik entstehen mehr Anliegen, mehr Bedarf an Austausch und Information. Ich finde es wichtig, dass die Gemeinden auch voneinander lernen können. Man kann sich beispielsweise von größeren Gemeinden Informationen holen. Es entstehen natürlich immer Reibungsflächen. Da ist es wichtig, dass man miteinander ins Gespräch kommen und sich austauschen kann. Die Zuwanderung war eine große Chance, die wir nutzen wollen und sollen. Daher war es dem Präsidenten des Zentralrats, Dieter Graumann, wichtig, die Zusammenarbeit zwischen Zentralrat und Gemeinden zu stärken und ein solches Referat zu schaffen. Aufgrund meiner beruflichen Ausrichtung als Psychologin, die gewohnt ist, mit Menschen und im Team zu arbeiten, bringe ich Erfahrungen mit, die ich in diese Arbeit einbringen kann.

Wie wird das praktisch umgesetzt, haben Sie ein Kummertelefon oder gehen Sie in die Gemeinden?
Beides. Es gibt eine Anlaufstelle im Zentralrat, an die man sich wenden kann, schriftlich zu meinen Händen. Es gibt natürlich über die Stuttgarter Gemeinde weiterhin die Möglichkeit, mit mir in Kontakt zu treten. Ich bin aber sehr interessiert daran, mir die Gemeinden vor Ort anzuschauen, sie kennenzulernen und ihre Anliegen zu hören.

Wie sehen diese Probleme Ihrer Ansicht nach aus?
Für kleinere Gemeinden geht es ja generell darum, Infrastruktur aufzubauen, damit sie als Gemeinden weiter bestehen können. Das Problem kennen wir auch aus Stuttgart. Dort gab es ja lange Zeit eher eine kleinere Gemeinde, die dank der Zuwanderung in die Riege der mittleren Gemeinden aufgestiegen ist. Außerdem braucht man eine Infrastruktur, um junge Leute und die Mitglieder, die im Beruf stehen, in der Gemeinde halten zu können. Man muss entsprechende Angebote schaffen, und das kann nicht jede kleine Gemeinde selbst tun. Hier ist die Vernetzung wichtig, damit die Kleineren am Angebot größerer Gemeinden teilhaben können. Wenn eine größere Gemeinde eine Jugendveranstaltung anbietet, dann könnte sie beispielsweise eine kleinere dazu einladen.

Der Boom durch die Zuwanderung ist gestoppt, jetzt müsste alles zementiert werden, oder?
Das ist genau die Arbeit der nächsten Jahre. Dass man diese Welle, diesen Aufwind, den man durch die Zuwanderung hatte, entsprechend für die Gegenwart und vor allem für die Zukunft nutzt.

Wie wollen Sie die mittlere Generation, der Beruf und Familiengründung zunächst wichtiger sind als die Gemeinde, zurück ins Boot holen?
Ein Mittel könnte der vom Zentralratspräsidenten initiierte Gemeindetag sein, der im Herbst dieses Jahres größer und umfangreicher werden wird als die bisherigen. Hier sollen Mitglieder die Möglichkeit haben, sich über mehrere Tage hinweg kennenzulernen und auszutauschen, sich über Workshops zu informieren und ins Gespräch zu kommen. Auch wenn dies nur eine punktuelle Veranstaltung ist, erfahren wir durch sie, wo die Anliegen und Probleme der Gemeinden liegen. Die mittlere Generation anzusprechen, ist sehr wichtig, weil sie in den Gemeinden Entscheidungsfunktion übernehmen soll.

Auf regionaler Ebene findet bereits ein Austausch statt. Am vergangenen Sonntag hätte es einen Gemeindetag in Sachsen‐Anhalt geben sollen, der wegen des Hochwassers abgesagt werden musste. Wir wissen von Jugendtreffen in Sachsen und Nordrhein. Kennen Sie andere Beispiele?
Wir hatten im vergangenen Jahr in Württemberg anlässlich von 20 Jahren Zuwanderung ein Treffen, das wir nicht Gemeindetag genannt haben. Wir hatten Mitglieder aus unseren Zweigstellen‐Gemeinden für einen Tag eingeladen. Wir versuchen alle zwei Jahre, sie zu regionalen Treffen nach Stuttgart einzuladen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen und nach ihren Bedürfnissen zu fragen. Derzeit sind wir dabei, unsere Satzungen dahingehend zu ändern, dass wir die Zweigstellen stärker einbinden. Beim großen Gemeindetag im Herbst wird es auch einen Workshop zu den Anliegen einzelner Gemeinden geben.

Wobei kann ein Gemeindetag darüber hinaus behilflich sein?
Ich erwarte mir entsprechende Rückmeldungen, um zu hören, wo man noch verstärkt arbeiten kann, um die Netzwerkfunktion zu verstärken. Der Zentralrat wird einerseits durch die Gemeinden gestärkt, und umgekehrt soll auch der Zentralrat wieder die Gemeinden stärken. Es soll einen gegenseitigen Austausch und Bereicherung geben. Viel ist auch schon durch die vom Generalsekretär Stephan J. Kramer initiierte Intranet‐Verbindung passiert. Herr Kramer und sein Büro haben in den vergangenen Jahren dafür schon eine wichtige Arbeit geleistet. Da ich auch nicht immer überallhin reisen kann, muss mich das Büro sehr wohl unterstützen, sonst wird aus der Ehrenarbeit eine hauptberufliche Tätigkeit.

Gemeinden spielen politisch eine immer größere Rolle, damit ist auch das Amt des Gemeindevorsitzenden anspruchsvoller geworden. Wie können Sie hier unterstützen?
Wir sind heute als Gemeinden keine isolierten Inseln mehr, sondern stehen mitten im gesellschaftlichen Leben. Und da ist es wichtig, dass wir uns vernetzen und uns mit Politik und Gesellschaft auseinandersetzen. Es gibt ja schon seit Längerem Seminare des Zentralrats zur Gemeindeleitung. Auch die Jüdische Akademie bietet solche Fortbildungen an. Die Anforderung an einen Vorsitzenden ist heute wesentlich größer. Sie hat teilweise den Umfang einer Geschäftsführung. Dabei gewinnt man natürlich auch wertvolle Erfahrungen. Es ist eine Herausforderung. Ich halte es für sehr wichtig, dass man die Kollegen, die nachkommen und ein solches Amt übernehmen, in der Arbeit in Politik und Gesellschaft unterstützt.

Wie wollen Sie das machen?
Wir werden über den Zentralrat und über die Jüdische Akademie weiter entsprechende Seminare zur Verfügung stellen. Ich selbst biete an, dass ich, wenn eine Gemeinde Hilfe braucht, zu ihr komme.

Eine Herausforderung ist auch der immer sichtbarer werdende Antisemitismus. Was kann in diesem Punkt getan werden?
Leider hören wir immer wieder von Vorfällen bis hin zu Tätlichkeiten, wie jüngst in Offenbach gegen Rabbiner Gurewitz. Sicherlich sind einige Gemeinden schon sehr gut davor geschützt, andere, wahrscheinlich auch eher kleinere Gemeinden brauchen meiner Meinung nach Hilfe. Für sie ist es wichtig, zu wissen, dass sie sich bei uns Unterstützung holen können.

Was sollte Ihr Amt idealerweise erreichen können?
Ich wünsche mir, dass wir unsere jetzige Stärke erhalten. Dass wir auch die jüngere Generation dafür gewinnen, dass sie Funktionen übernimmt und sich in den Gemeinden engagiert. Und dass die Gemeinden noch stärker zusammenwachsen.

Mit der Gemeindedezernentin im Präsidium des Zentralrats sprach Heide Sobotka.

Barbara Traub wurde 1957 in Wien geboren und studierte dort zunächst Literaturwissenschaften und Philosophie. Anschließend absolvierte sie eine Fachhochschulausbildung in
Psychotherapie und Sozialpädagogik und arbeitet heute in der Psycho‐Onkologie, wo sie zwischen Patienten, Ärzten, Pflegepersonal und Arbeitgebern vermittelt. Die Rolle als Moderatorin ist ihr deshalb sehr vertraut. Die Mutter von vier Kindern lebt seit 1992 in Stuttgart und ist dort von 2002 bis 2005 und seit 2009 Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinden Württembergs. Das Direktorium des Zentralrats der Juden in Deutschland wählte Traub im Februar dieses Jahres ins Präsidium, wo sie das Dezernat »Gemeinden« übernommen hat. Disziplin, Organisation, lösungsorientiertes Arbeiten und Rückhalt in der Familie sind für sie wichtige Voraussetzungen, um Beruf, Familie und Ehrenämter unter einen Hut zu bringen.

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