Gedenken

»Wir verdanken ihm unendlich viel«

Paul Spiegel sel. A. (1937–2006) Foto: ddp

Gedenken

»Wir verdanken ihm unendlich viel«

Vor 15 Jahren verstarb Paul Spiegel – Wegbegleiter erinnern an den ehemaligen Zentralratspräsidenten

von Ralf Balke  29.04.2021 22:40 Uhr

Die Leerstelle spürt man noch heute. Als Paul Spiegel vor 15 Jahren verstarb, ging ein Mann von der politischen Bühne, der mehr war als nur der Repräsentant der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. Gewiss, als er am 9. Januar 2000 zum Präsidenten des Zentralrats der Juden gewählt wurde, konnte er bereits auf Erfahrungen als Gemeinderat und Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf zurückblicken.

Auch hatte der Vater zweier Töchter als Journalist Karriere bei der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung gemacht und eine erfolgreiche Künstleragentur gegründet. Doch was ihn in seiner Zeit als Zentralratspräsident an Herausforderungen erwarten sollte, war von einem anderen Kaliber.

Sprengstoffattentat Denn schon kurz nach Amtsantritt überschlugen sich die Ereignisse: zwei Anschläge auf Synagogen sowie das Sprengstoffattentat am S-Bahnhof Wehrhahn in Düsseldorf innerhalb weniger Monate. Und 2002 der erste Bundestagswahlkampf, bei dem ein Politiker, Jürgen Möllemann von der FDP, mit offen antisemitischen Parolen auf Stimmenfang ging. All das ließ Spiegel, der als Kind versteckt bei katholischen Bauern in Belgien die Schoa überlebt hatte, immer wieder an Deutschland zweifeln. Doch zugleich mobilisierten diese Vorfälle bei ihm den Willen, sich dagegen zur Wehr zu setzen. »Ich würde nicht in Deutschland leben, wenn ich nicht gerne hier leben würde.«

Paul Spiegel hielt viele Vorträge in Schulen, um über das Judentum aufzuklären und um Verbündete im Kampf gegen den Rechtsextremismus zu werben.

Unermüdlich plädierte er für mehr Aufklärung, für mehr Zivilcourage, hielt Vorträge in Schulen, um über das Judentum aufzuklären und um Verbündete im Kampf gegen den Rechtsextremismus zu werben. »Paul Spiegel sel. A. hatte wie kein Zweiter die Gabe, auf Menschen zuzugehen«, erinnert sich Josef Schuster. »Das ist während seiner Amtszeit als Präsident des Zentralrats der jüdischen Gemeinschaft zugutegekommen«, so der amtierende Zentralratspräsident.

»Zugleich hat er klare Worte nicht gescheut. Nach dem Anschlag auf seine Düsseldorfer Heimatsynagoge war er tief erschüttert und hat sein Engagement gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus noch erhöht. Ein Höhepunkt seiner Amtszeit war sicherlich seine Rede beim ›Aufstand der Anständigen‹. Paul Spiegel war eine herausragende Persönlichkeit, der wir unendlich viel verdanken.«

Zuwanderung Ein weitaus erfreulicheres Feld war das Wachsen der jüdischen Gemeinschaft durch die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion, die Spiegel angesichts der deutschen Vergangenheit als ein Wunder bezeichnete. Für die Integration der Zuwanderer setzte er sich leidenschaftlich ein. Umso wichtiger auch in dieser Phase: der Abschluss eines Staatsvertrages mit der Bundesrepublik im Januar 2003.

Doch die negativen Erfahrungen sollten nicht spurlos an ihm vorübergehen. Knapp ein Jahr vor seinem Tod sagte er dem Nachrichtenmagazin »Der Spiegel«: »Mein Vorgänger Ignatz Bubis hat zum Ende seines Lebens ein Interview gegeben mit dem Tenor: ›Ich habe nichts oder fast nichts bewirkt.‹ Damals gab es einen großen Aufschrei. Ich habe ihm auch gesagt: ›Ignatz, du hast so viel bewirkt, das stimmt doch nicht.‹ Jetzt aber kann ich ihn verstehen.«

In Düsseldorf bleibt Spiegel unvergessen. »Uns als Jüdische Gemeinde Düsseldorf ist es sehr wichtig, dass wir das Erbe von Paul Spiegel weiterhin pflegen und es in Erinnerung behalten«, betont Oded Horowitz. »Zusammen mit seiner Witwe Gisèle tun wir alles dafür, um seine Projekte und seine Ideen zu verwirklichen«, so der Gemeindevorstand. »Paul Spiegel war ein großer Mensch, mehr noch, er war ein Menschenfreund, dem es gelungen war, mit seiner Art und Weise auch nichtjüdische Menschen anzusprechen, sie zu erreichen und ihnen etwas zu vermitteln. Dadurch sorgte er für eine positive Öffentlichkeit des jüdischen Lebens in Deutschland.«

Düsseldorf

Zwei Familien, eine Freundschaft

Die Rubinsteins und die Spiegels erlebten wichtige Momente gemeinsam. Erinnerungen an einen Freund

von Herbert Rubinstein  29.04.2026

Erinnern

»Paul, du fehlst«

Vor 20 Jahren am 30. April starb Paul Spiegel. Als Zentralratspräsident hat er das Land geprägt und sich für Verständigung eingesetzt. Wie würde er auf das Heute blicken? Gedanken von Gisèle Spiegel

von Gisèle Spiegel  29.04.2026

Jubiläum

»Wir richten den Blick nach vorn«

Toby Axelrod über 20 Jahre Limmud Deutschland, Herausforderungen und eine ganz besondere Aktion

von Christine Schmitt  28.04.2026

Militär

Für Deutschland kämpfen?

Nach der Schoa war es für Juden unvorstellbar, wieder in einer deutschen Armee zu dienen. Doch wie blickt die jüdische Gemeinschaft heute auf die Bundeswehr?

von Joshua Schultheis  28.04.2026

Gedenken

17 neue Stolpersteine für Magdeburg

Seit dem Jahr 2007 wurden in Magdeburg mehr als 860 Stolpersteine für Opfer der Verfolgungen in der Zeit des Nationalsozialismus verlegt. Am 4. Mai kommen weitere 17 Steine an den Wohnorten von jüdischen Mitbewohnern hinzu

 28.04.2026

Berlin

Festakt zur Umbenennung in Margot-Friedländer-Platz

Der Vorplatz des Berliner Abgeordnetenhauses wird zum 7. Mai umbenannt

 28.04.2026

Berlin

»Ich will mich nicht verstecken«

Ron Dekel wurde angepöbelt, weil er eine Kippa trug. Ein Video davon ging viral, er wurde im Netz beleidigt, man lauerte ihm vor der Synagoge auf. Hier spricht der Präsident der Studierendenunion darüber, was ihm passiert, seitdem er sich sichtbar als Jude zeigt

von Mascha Malburg  27.04.2026

Anschlag

Hakenkreuz an Synagoge in Cottbus

Innerhalb weniger Tage ist die Cottbuser Synagoge zweimal von Unbekannten beschmiert worden. In der Nacht zum Montag wurde an der Fassade ein Hakenkreuz entdeckt. Zeitgleich wurde ein alternatives Wohnprojekt mit einer Rauchbombe attackiert

 27.04.2026

Genuss

Küche der Kindheit

Die Foodbloggerin Lena Bakman kocht die bucharischen Gerichte ihrer Großmutter

von Alicia Rust  24.04.2026