Stuttgart

»Wir sind die Mehrheit«

Preisverleihung im Neuen Schloss Foto: Brigitte Jähningen

»In was für einer Gesellschaft leben wir?«, fragte Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne) bei der Preisverleihung der Joseph-Ben-Issachar-Süßkind-Oppenheimer-Medaille. Die Ergebnisse der aktuellen »Mitte-Studie« der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung beunruhigen sie.

Die Mitte der Gesellschaft werde immer empfänglicher für menschenfeindliche Positionen, acht Prozent hätten ein rechtsextremes Menschenbild, 6,6 Prozent der Befragten wollten eine rechtsgerichtete Diktatur mit starkem Führer und einer einzigen Partei, zitiert sie. Gegen die Ratlosigkeit fordert Aras »einen Diskurs in der Sache, hart, aber anständig und respektvoll«. Menschen wie die Preisträger Anat Feinberg und Anton Maegerle hätten einen »unermüdlichen Einsatz für unsere Demokratie und die unantastbare Würde des Menschen« gezeigt, so Aras.

auszeichnung Anat Feinberg, Autorin, Literaturwissenschaftlerin und ausgewiesene Kennerin Israels, und der Journalist Anton Maegerle, der aus Sicherheitsgründen unter diesem Pseudonym über Themen des Rechtsextremismus, Rechtsradikalismus und über die Neuen Rechten pub­liziert, wurden in diesem Jahr mit der Oppenheimer-Medaille ausgezeichnet. Die Israelitische Religions­gemeinschaft Württembergs (IRGW) und der Landtag von Baden-Württemberg verleihen die Auszeichnung seit 2015 gemeinsam. Die Verleihung fand bei einem Neujahrsempfang im Neuen Schloss statt.

»Es kommt auf uns an, welches Schicksal die Welt nimmt«, sagte Barbara Traub vor etwa 300 geladenen Gästen aus Religion, Wirtschaft, Politik und Diplomatie. »Rosch Haschana ist Neujahrstag und Jahrestag der Schöpfung zugleich, er macht uns deutlich, was es bedeutet, in Gottes Welt ein Mensch zu sein«, so die Vorstandssprecherin der IRGW.

Mit Feinberg und Maegerle würden zwei Persönlichkeiten ausgezeichnet, die mit ihrem Wirken über Jahrzehnte dazu beigetragen hätten, diesem Anspruch gerecht zu werden, so Traub. Sie dankte den Kindern der Jüdischen Kindertagesstätte Gan Ha Shalom und den Schülern der Jüdischen Grundschule Stuttgart, »der neuen Generation«, für ihre musikalische Begrüßung.

laudatorin Feinberg lehrt an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Laudatorin Rachel Salamander stellte sie auch als Autorin vor. In ihrem Werk Die Villa in Berlin. Eine jüdische Familiengeschichte 1924–34 habe die Autorin die herrschaftliche Villa ihrer Großmutter Braina Grüngard als Treffpunkt ostjüdischer und zionistischer Persönlichkeiten skizziert. 1934 wanderte die Familie nach Palästina aus. »Berlin, die Welt, die die Grüngards kreiert hatten, ging mit dem Nationalsozialismus unwiederbringlich kaputt«, so Salamander.

Sie selbst habe Feinberg kennengelernt, als diese – in Israel geboren – ausgerechnet in Deutschland hebräischsprachige Literatur in einer speziellen Literaturhandlung entdeckte. »Anat Feinberg wurde zum Dreh- und Angelpunkt israelischer Literatur in Deutschland, Autoren wie David Grossman, Meir Shalev oder Zeruya Shalev wurden durch sie in Deutschland bekannt«, so Salamander.

Anton Maegerle, wie Anat Feinberg auch Autor dieser Zeitung, wurde vor Jahren von den Neuen Rechten dermaßen bedroht, dass er höchsten polizeilichen Schutz bekam und aktuell auch seinen Preis im Neuen Schloss nicht persönlich entgegennehmen konnte.

verflechtungen »Der Journalist ist ein Einzelkämpfer, weder finanziell noch rechtlich abgesichert und seit der Gründung der Partei Die Republikaner Beobachter der organisatorischen und personellen Verflechtungen im Rechtsextremismus, Rechtsradikalismus und der Neuen Rechten«, sagte Wolfgang Zimmermann. Als Leiter des Generallandesarchivs in Karlsruhe nahm Zimmermann stellvertretend die Ehrung Maegerles entgegen.

2020 hatte das Land die Dokumentationsstelle Rechtsextremismus in Karlsruhe eingerichtet. Kern und Ausgangspunkt ist das digitale wie analoge Archiv von Anton Maegerle. Zimmermann agierte auch als Laudator für Maegerle. Dieser hatte statt einer Dankesrede eine »Brandrede« verfasst. »Die größte Bedrohung kommt von rechts«, ist Maegerle überzeugt. Die Gefahr komme aus der radikalisierten Mitte der Bevölkerung.

»Die Grenzen des Sagbaren werden entgrenzt, Führerkult, Rassenhass, rechtsstaatliche Rhetorik und Rohheit sind die neue politische Realität«, so Zimmermann aus der Brandrede Maegerles. Mit Demokratiefeinden könne man keine Zusammenarbeit leisten. Stattdessen sollte die Mehrheit lauter werden. »Wir sind die Mehrheit, und wir sind gefordert«, so Maegerle. Auschwitz mahne: Nichts sei vergessen, und niemand sei vergessen.

dankesrede Auch Anat Feinberg forderte in ihrer Dankesrede in Erinnerung an individuelle Schicksale schulische Initiativen, Ausstellungen, Lesungen und Erinnerungsorte im städtischen Raum.

Letzteres heißt in der baden-württembergischen Landeshauptstadt auch die Umgestaltung des Joseph-Süß-Oppenheimer-Platzes. Süß-Oppenheimer, erst einflussreicher Finanzrat am Hof des Herzogs Karl Alexander von Württemberg, später Opfer eines judenfeindlichen Justizmordes in Stuttgart, wurde im Jahr 1998 zum Namensgeber eines Platzes in Stuttgart.

Aufgrund einer lieblosen Gestaltung und Vermüllung wurde der Platz jedoch immer wieder als »Unort« kritisiert. 26 Jahre später, 2024, soll dieser Platz in der Stuttgarter City endlich zu einem Platz werden, an dem über Oppenheimers Person, seine Rezeption und zum Thema Antisemitismus informiert wird.

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