Projekt

»Wir mögen dieselben Filme«

Von Weitem könnte man meinen, es handele sich um einen Flohmarkt. In einem Raum des Deutschen Filminstituts in Frankfurt am Main sitzt eine Gruppe von deutschen und israelischen Jugendlichen im Kreis auf dem Boden.

In ihrer Mitte befindet sich ein kleiner Orientteppich, auf dem scheinbar wahllos ganz verschiedene Dinge ausgebreitet sind: ein Schuhkarton, ein Bilderrahmen, eine ausgebeulte Tasche, ein goldener Ring, ein Flugticket und eine Kamera. Ein Junge deutet auf einen Schlüsselanhänger mit einem kleinen Schuh daran: »Vielleicht hat jemand einen einzelnen Schuh gefunden, und nun sucht er auf der ganzen Welt nach dem Mädchen, dem dieser Schuh gehört?«, fragt er träumerisch.

Jeder Gegenstand auf diesem Teppich hat seine eigene Geschichte. Aber die wurde zunächst nicht verraten. Vielmehr sollten die Jugendlichen Mutmaßungen darüber anstellen, warum das Foto vom Strand, warum das Flugticket oder der goldene Ring so wichtig für jemand anderen aus der Gruppe waren, dass er sie für dieses Treffen ausgewählt hat. Das war die Aufgabe: ein Utensil, eine bedeutsame Requisite aus dem eigenen Leben mitzubringen, die den anderen etwas über einen selbst erzählt. Denn die zwei Gruppen von jungen Menschen haben sich gerade erst kennengelernt, und sie stammen aus ziemlich verschiedenen Welten.

Annäherung Die einen wachsen in dem von der Kinder- und Jugendalija betriebenen Jugenddorf Kannot in Israel auf, die anderen leben in Frankfurt und gehen auf die Max-Beckmann-Schule, ein Oberstufengymnasium, das von vielen Schülern mit Migrationshintergrund in der Mainmetropole besucht wird. Aber sind es nicht dennoch dieselben Dinge, die diese 15- und 16-Jährigen wie alle anderen Jugendlichen überall auf der Welt am meisten beschäftigen: Liebe, Freundschaft, Musik, Zukunft, aber auch Angst, Hass und Feindschaft? Welche Wertvorstellungen teilen sie, welche kulturellen Grenzen trennen sie, und wie lassen sich diese überwinden?

Das waren die Fragen, auf die die insgesamt 26 Jugendlichen in der vergangenen Woche Antworten finden wollten. Aber ihre Annäherung an diese Themen sollte keine begrifflich-intellektuelle sein, sondern vielmehr eine bildhafte, ästhetische. So durften die Jugendlichen in Eigenregie vier Kurzfilme drehen, wobei sie die Themen selbst wählen konnten. Beraten und unterstützt wurden sie dabei von dem australischen Regisseur Jack Rath und Fachkräften des Deutschen Filminstituts.

Das Spiel mit den Souvenirs aus der eigenen Biografie hat den Jugendlichen nicht nur geholfen, sich am ersten Tag besser kennenzulernen. »Im Grunde«, sagt Pava Raibstein, »wurden dabei auch schon die Ideen für die Filme geboren.« Raibstein, Geschäftsführerin der Kinder- und Jugendalija in Frankfurt, ist die Initiatorin des Projekts »Israelische und deutsche Jugendliche im filmischen Dialog«.

»Von dieser wunderbaren Idee waren auch wir sofort angetan«, versichert Claudia Dillmann, Direktorin des Deutschen Filminstituts. Denn »in der Begegnung zwischen Jugendlichen aus verschiedenen Ländern mit verschiedenen Sprachen ist Film ein ideales Medium, um Brücken zu bilden und miteinander ins Gespräch zu kommen sowie eine gemeinsame (Bild-)Sprache zu finden.«

Kinosaal Tatsächlich ist es erstaunlich, was die vier Filmteams vor und hinter der Kamera zustande gebracht haben. Eine Woche später, am vergangenen Sonntag, durften die Jungfilmemacher im Kinosaal des Filmmuseums ihre Werke präsentieren, in einer »Welturaufführung«, wie Claudia Dillmann bei ihrer Begrüßung lächelnd erklärte. Von Fremdheit oder Befangenheit war jetzt nichts mehr zu spüren: »Anfangs saßen sich israelische und deutsche Jugendliche noch mit Abstand in ihren jeweiligen Gruppen gegenüber«, erinnert sich Pava Raibstein.

Jetzt bilden sie eine große Clique, und selbst Itamar Haderi, aus Israel mitgereister Lehrer für Filmwissenschaften und einer der Betreuer oder »Babysitter«, wie er selbst seinen Job nennt, weiß manchmal nicht mehr, wen er auf Iwrit und wen er auf Englisch ansprechen muss. So eine Erfahrung wie diese Woche, sagt er – und seine Augen glänzen gleichermaßen vor Müdigkeit und Begeisterung – bleibe »ein einzigartiges Erlebnis für den Rest meines Lebens«.

Drei der vier Kurzfilme widmen sich überraschend ernsten Themen wie Fremdheit, Ablehnung, Ausgrenzung bis hin zum Selbstmord: Eine Immigrantin fühlt sich verloren in dem unbekannten, fremden Land, ein neuer Schüler wird gemobbt. Junge Menschen versuchen, mit Tabletten und Alkohol ihre Verzweiflung zu dämpfen, aber der Gedanke, dass es nur einen Ausweg für sie gibt, lässt sich nicht unterdrücken. Beängstigend ernst wirkt, was die Jugendlichen umtreibt. Nur der Film Our Frankfurt ist eine witzige, mit bunt gemalten Trickfiguren angereicherte Sightseeingtour im Zeitraffer durch die Straßen der Mainmetropole. Das Beeindruckende an allen Produktionen: Die Musik stammt nicht aus der Konserve, sondern wurde von den Jugendlichen selbst komponiert und eingespielt.

WIEDERSEHEN »Unser Ziel war es ja auch, ihnen einen achtsamen Umgang mit der Technik beizubringen«, erläutert Pava Raibstein. So riet man den Jungfilmern, jeden Abend das gedrehte Material zu sichten, statt endlos viele Meter Film zu produzieren, die man beim Schneiden dann nicht mehr überblicken kann.

Natürlich hatten sich die Organisatoren auch ein Freizeitprogramm überlegt, mit Ausflügen, Minigolf, Kegeln und Klettern. »Aber einiges fiel dann ins Wasser, weil die Jugendlichen lieber an ihren Filmen weiterarbeiten wollten«, berichtet Raibstein. Am ersten Abend nach Eintreffen der Gäste hatten sich allerdings alle auf dem neuen jüdischen Friedhof versammelt, um am Gedenkort für die Opfer des Holocaust den Jom Haschoa mit einer Zeremonie zu begehen.

Über die Vergangenheit hätten sie viel gesprochen, beantwortet ein Frankfurter Schüler die Frage aus dem Publikum. Doch die tragende Erfahrung bleibt sicher das Verbindende, nicht das Trennende: »Wir mögen dieselben Klamotten, dieselbe Musik, dieselben Filme. Wir haben dieselbe Art, aufeinander zuzugehen und zu reden. Das war eine total positive Überraschung für mich«, sagt der Jugendliche.

Und dann sprechen plötzlich mehrere aufgeregt auf Iwrit, Deutsch und Englisch durcheinander, doch wollen sie alle nur das eine sagen: »Wir müssen uns ganz bald wiedersehen. Dann aber treffen wir uns in Israel!«

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