Interview

»Wir mischen uns ein«

Frau Singer, gleich zwei Jubiläen stehen in diesem Jahr an. Der WIZO‐Weltverband feiert sein 90‐jähriges Bestehen und die WIZO‐Föderation Deutschland den 50. Jahrestag ihrer Wiedergründung nach der Schoa. Sind sie schon in Feierlaune?
Nach Feiern kann einem schon zumute sein, wenn gleich zwei solche Jubiläen ins Haus stehen. Ich denke, die Arbeit der WIZO in den vergangenen Jahren ist es allemal wert, gefeiert zu werden. Wir haben im Laufe der Jahre sehr viel dazu beigetragen, dass es den Menschen in Israel besser geht.

Dabei dürfte gerade am Anfang die Arbeit nicht einfach gewesen sein. Die WIZO‐Deutschland sah sich mit der Frage konfrontiert, warum man im Land der Täter arbeiten wolle. Ist diese Frage heute noch von Bedeutung?
Es hat sich sehr gewandelt. Die WIZO‐Deutschland gilt heute international als eine sehr verlässliche Föderation. Wir stehen beim Spendenaufkommen an vierter Stelle weltweit und darauf sind wir sehr stolz. Wir haben heute in Israel 16 Institutionen, die durch die WIZO‐Deutschland betreut und finanziert werden. Wir sind auch stark involviert in die Arbeit, die von der Welt‐WIZO in Israel geleistet wird. Wir zeigen Interesse, wir mischen uns ein, wir sagen unsere Meinung. Wir gelten als aktiver Partner mit allen Rechten und Pflichten, die dazugehören.

Wenn Sie auf Ihre sieben Jahre an der Spitze der WIZO‐Deutschland zurückblicken, welche wichtigen Einschnitte hat es gegeben?
Es hat sich ein Generationswechsel vollzogen. Die Gründermütter haben ihre Arbeit beendet und das Ruder an die Töchter weitergegeben. Ich denke, das war ein Ereignis, das uns teilweise traurig gemacht hat. Andererseits werden sich die Gründermütter gefreut haben, dass sie Frauen gefunden haben, die ihre Arbeit fortsetzen.

Mit 250.000 Mitgliedern ist WIZO die größte Frauenorganisation weltweit. Wie viele Mitglieder hat sie in Deutschland und wie entwickeln sie sich aktuell?
Wir haben in Deutschland zwischen 2.000 und 2.500 Mitglieder. Wir versuchen natürlich, uns laufend zu verjüngen. Das bedeutet, dass wir immer wieder Veranstaltungen auch für junge Frauen und Familien anbieten, um sie in Kontakt mit der WIZO zu bringen. Dadurch, dass wir uns gerade um die Jungen bemühen, denke ich, haben wir einen ganz guten Stand.

Und wie entwickelt sich das Spendenaufkommen? Ist es schwieriger geworden, Mittel für ihre Arbeit in Israel einzuwerben?
Für 2010 kann ich noch nichts sagen. In den Jahren davor hatten wir zumindest keinen Einbruch beim Spendenaufkommen. Wir waren immer auf einem konstanten Level, konnten unser Soll erfüllen und unsere Institutionen unterstützen. Wir haben sehr viele nichtjüdische Freunde, die die Arbeit der WIZO kennen und sehr gerne spenden. Die Menschen honorieren unsere ehrenamtliche Tätigkeit, weil unsere Mitglieder ihre Begeisterung weitergeben. Unsere Frauen vermitteln Initiative und Eigenengagement und das macht natürlich auch Eindruck auf andere.
Welche Projekte unterstützt die deutsche WIZO aktuell?
Wir unterstützen verschiedene Kindertagesstätten und das Theodor‐Heuss‐Familientherapiezentrum. Außerdem gibt es auch zwei neue Projekte, die 2009 erst eröffnet wurden. Das ist zum einen die Villa Meder in Eilat, eine Einrichtung für gefährdete Mädchen. Es geht darum, sie von der Straße zu holen und ihnen eine Zukunftsperspektive zu bieten. Auf dieses Projekt sind wir besonders stolz. Weiterhin haben wir ein neues Haus in einem Jugenddorf in Kiryat Shmona. Auch dort betreuen wir gefährdete Jugendliche, sogenannte Drop Outs. Kinder, die sich auf der Straße herumtreiben, die nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Auch hier bieten wir Berufsausbildungen an oder aber Privatunterricht, um den Schulabschluss nachzuholen. Daneben betreuen wir eine Gruppe von 50 Senioren, die tagsüber ins Dorf kommen können, wo Workshops und Freizeitangebote auf sie warten. Und wesentlich ist auch, dass sie dort einmal am Tag eine warme Mahlzeit erhalten.

Sie übernehmen damit auch Aufgaben, die klassischerweise dem Sozialstaat zufallen. Wie ist Ihr Verhältnis zur Politik? Werden Ihnen nicht oft Steine in den Weg gelegt?
Wir arbeiten sehr eng mit dem Sozialministerium zusammen. Natürlich hat die Tagespolitik auch Auswirkungen auf uns. Wenn Budget‐Kürzungen anstehen, sind wir natürlich auch betroffen. Ansonsten sind wir eine überparteiliche Organisation und haben mit der Politik des Staates Israel nicht viel zu tun. Politisch sind wir, wenn es um Frauen‐ und Kinderrechte geht, anderweitige politische Ambitionen haben wir nicht.

Wagen wir trotzdem mal ein Gedankenspiel. Würde der Staat Israel heute anders aussehen, wenn es WIZO nicht gegeben hätte?
Ich denke, dass WIZO einen großen Beitrag geleistet hat. Durch ihr Engagement und ihre politische Arbeit sind einige Gesetze in der Knesset verabschiedet worden, durch die die Stellung der Frauen gestärkt wurde. Und natürlich ist WIZO ein Teil des sozialen Netzes in Israel, das nicht so engmaschig ist wie hier in Deutschland. Wie hat David Ben‐Gurion gesagt: »Wenn es die WIZO nicht gegeben hätte, hätte man sie erfinden müssen.«

Mit der WIZO‐Deutschland‐Präsidentin sprach Danijel Majic.

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