Porträt der Woche

»Wir hatten immer Pläne«

Lars Dziuballa wuchs in der DDR auf und schätzt eine stabile jüdische Gemeinschaft

von Olaf Glöckner  09.04.2022 21:41 Uhr

»Israel war in unserer Familie ein Sehnsuchtsort«: Lars Dziuballa lebt in Chemnitz. Foto: André Koch

Lars Dziuballa wuchs in der DDR auf und schätzt eine stabile jüdische Gemeinschaft

von Olaf Glöckner  09.04.2022 21:41 Uhr

Ein jeder, der mal längere Zeit hinterm Tresen gestanden hat, weiß: Die Menschen wollen gut essen, gut trinken, aber sie wollen auch kommunizieren und viel fragen. Mein Bruder Uwe und ich führen seit 22 Jahren das Chemnitzer Restaurant »Schalom«, und die Fragen hören glücklicherweise nicht auf. Bei uns sind alle willkommen – Einheimische, Touristen, Künstler, Studenten und natürlich Gemeindemitglieder. Und wir sind, das ist mir wichtig zu erwähnen, ein Familienbetrieb.

Einer fehlt uns hier allerdings sehr. Schmerzlich vermissen meine Mutter, mein Bruder Uwe und ich unseren geliebten Vater, der schon in den frühen 90er-Jahren starb. Er war ein starker Mann, aber der Krebs war noch stärker. Wir verdanken ihm und unserer Mutter enorm viel, angefangen bei einer ziemlich sonnigen Kindheit – und das im doppelten Sinn.

adria Unser Vater war bei der DDR-Handelsvertretung in Belgrad unabkömmlich, in dieser Stadt bin ich geboren, und wir wuchsen eigentlich mehr dort auf als in Chemnitz, das zu der Zeit noch Karl-Marx-Stadt hieß. Im Sommer ging es regelmäßig an die Adria – was für ein Glück für damalige Verhältnisse! Ich schloss Freundschaften, lernte die verschiedensten Sprachen und begann, die weite Welt zu lieben. Später, als Lehrling, blieb das Reisefieber in mir, da habe ich es dann auch bis Moskau geschafft.

Als die Mauer fiel, war ich Soldat in der ostdeutschen Armee.

Wir Dziuballas hatten immer Pläne und Träume – auch für den Fall, dass die DDR noch ein bisschen weitergemacht hätte. Ich konnte mir gut vorstellen, Wirtschaftsjurist zu werden, während mein sechs Jahre älterer Bruder Uwe ein Ingenieursstudium absolvierte. Als die Mauer fiel, war ich Soldat in der ostdeutschen Armee. Eine irre Situation, zum Glück wurden wir alle vorzeitig entlassen. Ich war gut durchtrainiert, hatte eine solide militärische Ausbildung hinter mir und überlegte für einen Moment, gleich nach Israel zu gehen und einen richtigen Wehrdienst in der Zahal »draufzusatteln«.

Israel war in unserer Familie immer ein Sehnsuchtsort, und die feindliche DDR-Propaganda war uns zuwider. Zur Wende wurde es Vaters Wunsch, mit uns gemeinsam eine Reise ins Heilige Land zu unternehmen. Wir haben damit leider zu lange gewartet.

tradition Um die jüdische Tradition war es bei uns im Haushalt zunächst bescheiden bestellt. Am Schabbat saßen wir natürlich beisammen, nahmen eine gemeinsame Mahlzeit ein. Aber abgesehen davon, dass wir zum Respekt gegenüber dem Judentum und Israel erzogen wurden und dass wir Chanukka und Pessach feierten, war es das dann auch. Vielleicht wollten die Eltern uns damit auch schützen, dass sie so wenig von ihren jüdischen Kenntnissen durchblicken ließen.

Schließlich geschah aber, was wohl häufiger in jüdischen Familien mit mehreren Söhnen zu beobachten ist: Der Ältere strebt nach einem besonders praktischen Beruf – Ingenieur, Ökonom, was auch immer –, und der Jüngere geht eher in den theoretischen Bereich oder beschäftigt sich zusehends mit Religion. Schon im Jugendalter, erst recht aber nach dem Tod unseres Vaters, trieben mich Fragen um, die philosophischer, bald aber auch spiritueller und theologischer Natur waren.

Die Antworten suchte ich mehr und mehr im Judentum. Schon immer hat mich die Frage umgetrieben: Was kann ich konkret in jeder gesetzten Situation tun? Was ist das Gebot der Stunde, und wer braucht mich genau jetzt? Der Praxisbezug, der Imperativ zum Handeln, ist etwas, was mich am Judentum besonders fasziniert.

Nach Israel kam ich 1995 zum ersten Mal, und von Jerusalem war ich sofort überwältigt. Ich erinnere mich noch genau, wie wir, mein Bruder und ich, zum ersten Mal an die Kotel kamen. Ich habe etwa eine Stunde benötigt, um in der Lage zu sein, mich ihr zu nähern und wirklich die Steine zu berühren.

Bei uns in der Familie gelte ich ein bisschen als der Melancholiker.

Bei uns in der Familie gelte ich ein bisschen als der Melancholiker, der öfters rückwärts fragt: »Was wäre gewesen, wenn …?« Ich weiß, das bringt eher wenig, und am Ende gibt uns das Leben ja doch die wesentlichen Linien vor. Als unser Vater im Sterben lag, kam mein Bruder aus New York zurück. Mutter war in Chemnitz verwurzelt wie eh und je, und so beschlossen wir, uns gemeinsam hier neu zu orientieren. Es war die Zeit, in der sich einiges in der Stadt bewegte, auch durch viele jüdische Neuzuwanderer aus der früheren Sowjetunion.

freundschaften Wir lernten kreative Leute kennen, wie die Deutsch-Lehrerin Olga Kogan aus Nowosibirsk und den Grafikdesigner Evgeniy Potievsky aus Fastiw bei Kiew. Freundschaften entstanden, bald war ein Kulturverein »Schalom« gegründet, und schließlich entwickelte sich die Idee eines jüdischen Restaurants. Das alles lag gar nicht so fern: Ich backe schon immer gern, meine Mutter ist eine Spitzenköchin, und Uwe ist der geborene Organisator. Das perfekte Trio war geboren, und ein wunderbares erweitertes Team von Köchen und Kellnern kam bald hinzu.

Die ersten Jahre im »Schalom« waren fantastisch, wir wurden förmlich überrannt. Dann folgten auch Zeiten des Auf und Ab – wo gibt es die nicht? –, aber am Ende überwiegen doch die schönen Erinnerungen. Und dann gibt es die einzelnen Momente, die du einfach nie vergisst.

Der Holocaust-Überlebende Justin Sonder sel. A., an den sich viele Chemnitzer noch gut erinnern, war unser erster Gast. Er besuchte uns über all die Jahre hinweg regelmäßig, irgendwann nannte er uns »seine Jungs«, hielt Vorträge, diskutierte, kommentierte. An einem der Abende meinte Justin schließlich, die Existenz des »Schalom« sei für ihn der Beweis für den Sieg über den Faschismus. Wir alle schauten uns an, und uns war klar: Es konnte kein Fehler gewesen sein, hier, in dieser Stadt, ein solches Restaurant eröffnet zu haben.

mob Natürlich gab es auch Momente, in denen es schwerfiel, einfach weiterzumachen. Im August 2018 etwa, als ein rechtsradikaler Mob nach einer Großdemonstration in der Stadtmitte unser Lokal direkt attackierte.

Mein Bruder und ich sind ja eher nicht die Opfer-Typen, und so ist es für uns normal, die Kippa auch auf der Straße zu tragen. Was dann manchmal an gehässigen Sprüchen und Unmutsbekundungen zu hören ist, tut natürlich trotzdem weh. Auf der anderen Seite erleben wir so viel Solidarität und Zuspruch in dieser Stadt – und auch von außerhalb –, dass uns das nicht wirklich anficht.

Das »Schalom« ist ein Ort, wo in normalen Zeiten das Leben nur so pulsiert.

Das »Schalom« ist ein Ort, wo in normalen Zeiten das Leben nur so pulsiert. Und viele haben mitgeholfen, es zu dem werden zu lassen, was es heute ist. Besonders dankbar sind wir dem Berliner Rabbiner Yitshak Ehrenberg. Von der ersten Minute des Kennenlernens an haben mein Bruder und ich ihn als einen Menschen erlebt, der sein Gegenüber ernst nimmt. Er war und ist da, wann immer wir Rat suchen, hat uns unterstützt, wo immer er konnte. Seit einiger Zeit steht uns auch der sächsische Landesrabbiner Zsolt Balla nicht nur mit seinem Koscher-Zertifikat, sondern auch mit Rat und Tat zur Seite.

Yitshak Ehrenberg war es auch, der mir den Anstoß gab, durch ein längeres Studium in verschiedenen Jerusalemer Jeschiwot noch wesentlich tiefer in den Reichtum der jüdischen Tradition einzudringen. In Jerusalem lernte ich ebenfalls Rabbiner Avraham Bar’am kennen, mit dem ich bis heute Unterrichtseinheiten über Skype und andere elektronische Kanäle teile.

Das Studium der Schriften in Jerusalem war intensiv und aufschlussreich, und besonders in der Jeschiwa »Midrasch Sfaradi« habe ich zum ersten Mal im Leben gespürt: Das ist meine Jüdischkeit. Später wurde ich gefragt, ob ich vielleicht selbst noch als Ausbilder bleiben wolle. Auch das hat mich überwältigt.

FAMILIE In den letzten Jahren ist mir immer bewusster geworden, wie wichtig eine stabile jüdische Gemeinschaft ist, zumal in der europäischen Diaspora. Die jüdische Zuwanderung aus der einstigen Sowjetunion hat hierzulande einiges an Zukunftshoffnungen geweckt. Aber diese Zukunft ergibt sich nicht automatisch. Junge Menschen brauchen Selbstbewusstsein, Motivation, sie müssen Ängste abbauen.

Alle Generationen brauchen Wertschätzung, und immer wieder gibt es auch ganz praktische Dinge zu klären. In der Chemnitzer Gemeinde engagiere ich mich im Bauausschuss, kümmere mich um Sicherheitsfragen, um Dinge, die im Alltag der Gemeinde anfallen, und biete den Jugendlichen der Gemeinde eigene Treffpunkt-Möglichkeiten im »Schalom«. Die jungen Leute haben selbst gute Ideen, wie sie Gemeinschaft gestalten wollen. Es ist wichtig, dass man ihnen zuhört.

Mit viel Freude sehe ich auch, wie sich meine neunjährige Tochter entwickelt. Sie ist mein ganzer Stolz, und ich bin dem Schöpfer jede Sekunde meines Lebens dankbar für dieses Geschenk. Jede freie Minute, in der ich sie sehen kann, gehört natürlich ihr.

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