Essay

Wie eine unsichtbare Wand

»Jeder hat eine Meinung zu Juden, jeder kennt Vorurteile, und überall trifft man auf eine eigentümliche Befangenheit, sobald das eigene Judentum zur Sprache kommt«, schreibt Barbara Bišický-Ehrlich. Foto: Getty Images

»Die arbeiten sich an uns Juden ab. Immer und immer wieder«, sagte eine Freundin zu mir. Und dabei ausschließlich in Extremen: Entweder sind Juden Dämonen und von Grund auf schlecht, morden Kinder, vergiften Brunnen und bereichern sich an jedem und allem, oder aber Juden sind Heilige, die die Welt verbessern, Nobelpreise gewinnen und nur Gutes fördern. Die Welt scheint besessen von Juden. Über keine andere Minderheit wird so viel gesprochen und vermeintlich gewusst. Man liebt oder man hasst uns. Dazwischen liegt relativ wenig – am seltensten die Gleichgültigkeit.

Jeder hat eine Meinung zu Juden, jeder kennt Vorurteile, und überall trifft man auf eine eigentümliche Befangenheit, sobald das eigene Judentum zur Sprache kommt. Es entsteht eine unsichtbare Wand, die eine ungehemmte Kommunikation behindert. Ich kann in meinem Gegenüber dann förmlich die stummen Fragezeichen spüren: »Oh, äh, Jude … was kann ich sagen? Was darf ich nicht sagen?« Als bliebe für einen kurzen Moment die Zeit stehen. »Wie bitte? Aber du bist doch keine Außerirdische? Und auch kein Einhorn, Barbara!«, sagte mir ein Bekannter, als ich ihm von dieser Befangenheitswand berichtete.

Mörder oder Retter, Diebe oder Förderer, Zerstörer oder Entwickler

Juden sind Dämonen oder Heilige, Engel oder Teufel, Mörder oder Retter, Diebe oder Förderer, Zerstörer oder Entwickler. Juden sind all das, nur offenbar niemals ganz normale Menschen. Einfache Leute, die ihrem stinknormalen Alltag, ihren langweiligen Berufen und menschlichen Bedürfnissen nachgehen, Behördengänge absolvieren, Anträge stellen, von Sozialhilfe leben, arbeitslos und bedürftig sind. Menschen, die gleichgültig, ängstlich, verärgert, hoffnungsvoll, enttäuscht, kraftlos, mutig, verbittert, fröhlich, traurig, deprimiert und gelangweilt sind. Normale Menschen eben.

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Doch all das dürfen wir offenbar nicht sein. Denn dann entsprächen wir nicht mehr den Bildern der Extreme. Könnten nicht mehr als Hass erfüllende oder angehimmelte Projektionsfläche herhalten. Würden all den alten und festsitzenden Vorurteilen nicht gerecht und raubten damit sowohl Illusion als auch (seelische) Entlastung. Wir können noch so angepasst und Teil der Gesellschaft sein, wir werden trotzdem als fremdartig und nicht zugehörig betrachtet.

Immer wieder benutzen Politiker den Ausdruck der »jüdischen Mitbürger«, um uns das Gefühl zu vermitteln, wir seien Teil. Die Ausgrenzung ausgerechnet durch das »Mit« spürt scheinbar keiner. Bei einem Radiointerview für einen öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender wurde ich kürzlich gefragt: »Wie würden Sie das Verhältnis von Deutschen und Juden heute beschreiben?« Und das, nachdem ich erklärt hatte, dass ich Deutsche bin, mich als Deutsche fühle und das auch künftig bleiben möchte. Die Frage implizierte, ich sei keine richtige Deutsche.

Das neue Normal: Manche Lehrer verbergen ihr Judentum.

Ob sie jemals auf die Idee käme, jemanden zu fragen: Wie empfinden Sie das Verhältnis zwischen Deutschen und Schwarzen, zwischen Deutschen und Schwulen, zwischen Deutschen und Rothaarigen, zwischen Deutschen und Protestanten, zwischen Deutschen und Behinderten? Vermutlich nicht.

In Deutschland werden Häuser, in denen »jüdische Mitbürger« leben, wieder markiert

In Deutschland werden Häuser, in denen »jüdische Mitbürger« leben, wieder markiert, und auf Straßen wird ihre Vernichtung herbeigesehnt. Unbescholten! Eine Berufsschullehrerin verschweigt ihr Judentum vor ihren Schülern, weil es häufig vorkomme, dass diese bei einer schlechten Note den Lehrern Rassismus vorwerfen. Was wohl los wäre, wenn die wüssten, dass sie Jüdin ist? »Nicht auszudenken«, meint sie.

Ein Kommilitone meiner Tochter stand auf ein Mädchen, bis er über sie erfuhr, sie sei eine »Terroristin«, also Jüdin. Eine andere jüdische Studentin wurde in ihrem Wohnheim mit »Heil Hitler« und »Zio­nistin« beschimpft, abends von einem jungen Mann verfolgt, der ihr schließlich hinterherrief: »Du bist doch die Jüdin mit dicker, fetter Nase«, und dann auf den Boden spuckte.

Ein anderer warnte seine Freundin vor meiner Tochter: »Komm ihr nicht zu nahe, sie ist gefährlich, sie ist Jüdin!« Meine Tochter nahm sich nachts ein Uber. Der Fahrer fragte mehrfach eindringlich nach der Herkunft ihres Namens (israelisch). Unsicher schwindelte sie, sie habe keine Ahnung, sei möglicherweise französischen Ursprungs, habe den Eltern halt gefallen. Der Fahrer insistierte weiter: »Aber woher kommst du?« »Aus Deutschland!«, wiederholte sie mehrfach.

»Also, du bist wirklich richtig deutsch-deutsch?«

Er erklärte, er komme aus Marokko, und hakte skeptisch nach: »Also, du bist wirklich richtig deutsch-deutsch? So ganz arisch? Lässt sich alles faken«, sagte er, bevor sie ausstieg. Im Supermarkt warf eine Frau meinem Bruder vor, er sei Kindermörder, bloß, weil er ein Makkabi-Sweatshirt trug. Auf einer Party wurde ein Gast gefragt: »Du bist Jude? Na, dann magst du wohl mal in die Dusche, was?«

Und auf Sportplätzen hören jüdische Jugendliche immer wieder: »Scheiß Juden! Man hat vergessen, euch zu vergasen.« Das ist Alltag »jüdischer Mitbürger« in Deutschland. Eine Bekannte klagte kürzlich über ihren derzeit etwas unlockeren jüdischen Ehemann: »Ihr Juden habt’s nicht so mit Entspannen, was?« Nein, irgendwie nicht. Denn wir sind keine Einhörner und auch keine Außerirdischen. Wir sind stinknormale Menschen.

Die Autorin ist Schriftstellerin und lebt in Frankfurt am Main. Von ihr ist der Kurzgeschichten-Band »Der Rabbiner ohne Schuh. Kuriositäten aus meinem fast koscheren Leben« erschienen.

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