Gemeindetag

Wenn es ihn doch jedes Jahr gäbe

Eine der kürzesten Anreisen dürfte Ulrike Offenberg haben. 3000 Meter liegen zwischen der Wohnung der liberalen Rabbinerin und dem Hotel, in dem der Gemeindetag von Donnerstag bis Sonntag in Berlin stattfindet.

1300 Teilnehmer haben sich angemeldet. »Obwohl ich so nah an dem Tagungsort wohne, habe ich mich ins Hotel einquartiert«, sagt die Rabbinerin, die in der Jüdischen Gemeinde Hameln amtiert und in der Hauptstadt lebt. »Wennschon, dennschon.«

Sie möchte von A bis Z dabei sein. »Ich werde mich drei Tage lang verwöhnen lassen – und das Schwimmbad auch nutzen.« So viel wie möglich möchte die Rabbinerin von den Veranstaltungen, gemeinsamen Mahlzeiten und den Gottesdiensten mitnehmen.

»Das ist die Chance, Leuten anderer Gemeinden zu begegnen.«

Rabbinerin Ulrike Offenberg

Aber auch die Pausen seien wichtig, denn da komme man mit anderen ins Gespräch. »Das ist die Chance, Leuten anderer Gemeinden zu begegnen.« Es interessiere sie, wie andere ihr Gemeindeleben aufbauen, ob sie veralten oder jüngere Mitglieder haben und mit welchen Ängsten sie sich derzeit auseinandersetzen. Gerade der Austausch sei für sie wichtig. Ebenso hoffe sie, dass Klischees abgebaut werden können zwischen den verschiedenen Strömungen im Judentum.

Das Programmheft habe sie durchgearbeitet und dabei bemerkt, dass sie viele Themen interessieren. Sie bietet ein Seminar zu Rabbinerin Regina Jonas an, und beim liberalen Gottesdienst wird sie die Toralesung übernehmen. Was sie auch schätze, ist, dass es einfach sei, einmal in andere Gottesdienste reinzuschnuppern. »Wo hat man sonst so unkompliziert die Möglichkeit dazu? Nun muss man nur eine Tür weitergehen.« Man lerne nie aus.

EINBLICKE Zum ersten Mal sind Ioulia Berhovski aus Hameln und Slava Pasku aus Gelsenkirchen dabei. »Mit großer Vorfreude blicke ich auf die bevorstehende Reise nach Berlin, wo mich vier Tage voller faszinierender Einblicke in die jüdische Atmosphäre, spannende Podiumsdiskussionen und die Aussicht auf viele neue und vertraute Begegnungen erwarten«, sagt die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen, die mehr als 500 Kilometer gefahren ist, um teilnehmen zu können.

Besonders freue sie sich auf den gemeinsamen Schabbat. »Ich denke, dass es gerade in Zeiten wie diesen wichtig ist, zusammenzukommen, über jüdisches Leben zu sprechen und ein Gemeinschaftsgefühl zu spüren.« Auch die politischen Themen, die auf dem Programm stehen, bieten eine wertvolle Plattform, um Meinungen auszutauschen, zu diskutieren und Zeit miteinander zu verbringen. »Ich bin fest davon überzeugt, dass der diesjährige Gemeindetag uns die nötige Energie und Inspiration gibt, um gestärkt in unsere Gemeinden zurückzukehren. Diese Tage werden uns Kraft und Motivation geben, weiterhin füreinander da zu sein und unsere Städte mit positiver Energie zu bereichern.«

Bereits im April hatte sich Ioulia Berhovski angemeldet. »Zwei Wochen später gab es keine freien Plätze mehr«, so die 60-jährige Ärztin aus Hameln, das knapp drei Zugstunden entfernt ist. Das Programm findet sie interessant – insbesondere die politischen Themen und die Veranstaltung »Geiselnahme aus theologischer Sicht«. Auch der Programmpunkt »Halacha trifft Realität« interessiert sie. Was ihr fehlt, seien die ökologischen Aspekte. Was ihr eher negativ aufgefallen ist, sind die Feiern am Abend. »Das finde ich unangemessen, denn ich habe Sorge um meine Tochter, die in Israel lebt, und auch um Israel, da kann ich nicht fröhlich feiern.« 1996 war sie aus St. Petersburg nach Hameln gekommen.

Anna Bondarenko war schon oft beim Gemeindetag, aber es ist nun der erste, an dem sie ihre drei Kinder mit dabei hat. »Die beiden älteren können nun am Kinderprogramm teilnehmen, und meine zehn Monate alte Tochter wird bei mir sein«, sagt die 35-Jährige. Sie erinnert sich noch gut an die Nachwehen des vergangenen Gemeindetags. »Das war sehr schön, denn er hat wichtige Impulse gegeben, die von meiner Gemeinde Essen aufgegriffen wurden.« Es hätte sich daraufhin viel bewegt. Die Gemeinde wirke nun dynamischer. Anna Bondarenko freut sich auf die familiäre Stimmung des Gemeindetages, auf das Wiedersehen mit alten Bekannten und die vielen Diskussionen und Seminare zu den unterschiedlichsten Themen. »Ich hoffe, dass meine Kleine alles mitmacht, sodass ich viel wahrnehmen kann.« Was ihr auch wichtig ist: die letzte Kerze zu Chanukka gemeinsam anzuzünden.

»Diese Tage werden uns Kraft geben, weiterhin füreinander da zu sein.«

Slava Pasku

Mit dem kleinen Bus der Jüdischen Gemeinde zu Dessau wird Alexander Wassermann zusammen mit seiner Frau, weiteren Vorstandsmitgliedern und Sozialarbeitern die 130 Kilometer nach Berlin fahren. Der Austausch mit anderen Gemeindemitgliedern ist dem Vorsitzenden der Dessauer Gemeinde wichtig. »Speziell die Diskussionen über die Perspektiven unserer Gemeinden liegen mir am Herzen.« Außerdem habe er Lust, sich an diesem Wochenende ein bisschen Erholung gönnen zu können. »Wir konnten jüngst unsere neue Synagoge einweihen, auf die wir viele Jahre gewartet haben, zu Chanukka haben wir dort zum ersten Mal die Kerzen angezündet und waren nun mit unseren Kulturtagen beschäftigt.« Trotzdem habe er sich Zeit genommen und in dem Programm geblättert und einige Veranstaltungen angekreuzt, die er besuchen möchte. Sein persönlicher Schwerpunkt werden die Veranstaltungen rund um das Gemeindeleben sein, gefolgt von denen, bei denen es um die Sicherheit und den Antisemitismus gehen wird. Seine Frau wird an einer Exkursion durch Berlin teilnehmen, er aber nicht. »Hauptsache ich treffe viele interessante Leute und fahre mit vielen Anregungen zurück. Schade, dass es nicht jedes Jahr einen Gemeindetag gibt.«

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