München

Wehrhafte Demokratie

Etwa 100.000 jüdische Soldaten kämpften im Ersten Weltkrieg für Deutschland, 12.000 von ihnen kehrten nicht zurück. Die Erinnerung an diejenigen, die Seite an Seite mit nichtjüdischen Soldaten den Dienst für ihr Vaterland leisteten, wurde von den Nazis ausgelöscht. Sie strichen systematisch die Namen der Gefallenen aus den Listen und ließen die Inschriften von Kriegshelden aus den Gedenksteinen kratzen. Sie vernichteten Dokumente, zerstörten Beweise und versuchten, sie auf diese Weise aus dem kollektiven Gedächtnis zu tilgen.

Es sei eine bittere Erkenntnis, dass es den Nazis gelungen ist, das Andenken an die jüdischen Soldaten im Ersten Weltkrieg fast vergessen zu machen. »Wer weiß schon davon?« Diese Frage stellt Charlotte Knobloch. »Immer noch viel zu wenige«, gibt die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern selbst die Antwort.

trauer An die deutsch-jüdischen Soldaten und ihre Schicksale wird jedes Jahr bei einem feierlichen Gedenkakt zum Volkstrauertag auf dem Neuen Israelitischen Friedhof erinnert – für die Israelitische Kultusgemeinde ein fester Bestandteil der Erinnerungskultur. »Es ist ein Tag der Trauer und ein Tag der Hoffnung, die alle Menschen erfüllt: die Hoffnung auf Frieden«, sagt Charlotte Knob­loch in ihrer Ansprache am Vormittag des 13. November.

An der Gedenkstunde nahmen in diesem Jahr neben Gemeindemitgliedern sowie Schülerinnen und Schülern des Oskar-von-Miller-Gymnasiums auch Staatsminister Florian Herrmann in Vertretung für den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, Stadtrat Fritz Roth in Vertretung für Oberbürgermeister Dieter Reiter, die Generalkonsulin des Staates Israel, Carmela Shamir, und die Präsidentin der Universität der Bundeswehr München, Merith Niehuss, teil.

Ebenso anwesend war der Kommandeur des Landeskommandos Bayern, Bundeswehr-Brigadegeneral Thomas Hambach, dem die IKG-Präsidentin in besonderer Weise dankte. Denn die Kultusgemeinde führt den Gedenkakt auf dem Friedhof mit militärischem Zeremoniell seit vielen Jahren gemeinsam mit der Bundeswehr durch. Diese Verbindung liegt Charlotte Knobloch, trotz aller Hindernisse, auch persönlich am Herzen.

»Es ist kein Geheimnis, dass es aufgrund der deutschen Geschichte Berührungsängste gab und gibt zwischen der jüdischen Gemeinschaft und der Bundeswehr«, hatte Charlotte Knobloch erst zwei Tage zuvor in ihrer Festansprache zum 67. Jahrestag der Gründung der Bundeswehr am 11. November gesagt. Doch diese gehörten der Vergangenheit an. Erst vor einigen Tagen spielte das Gebirgsmusikkorps anlässlich ihres 90. Geburtstags ein Ständchen in der Gemeinde.

einigkeit »Diese Bundeswehr steht für das Land, das Deutschland nach 1945 geworden ist«, sagte Charlotte Knobloch. »Für ein Deutschland, das Sicherheit und Frieden gewährleistet und in dem Einigkeit und Recht und Freiheit für jeden Bürger gelten – ganz egal, ob er Weihnachten feiert, Chanukka oder nichts von beidem.«

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern ist regelmäßiger Gast an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg. Sie nimmt häufig an Veranstaltungen teil und wurde im Juli mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet. Es war dies das erste Mal, dass die Fakultät für Sozialwissenschaft der Universität in ihrem mehr als 50-jährigen Bestehen diesen Titel verliehen hat. Er soll Charlotte Knobloch für ihren Einsatz zur Stärkung der Demokratie und für das Judentum in Deutschland ehren. Sie nahm die Auszeichnung an und trägt diese mit Stolz.

Fritz Neuland, der im Ersten Weltkrieg gedient hatte, wurde von den Nazis gedemütigt.

Charlotte Knoblochs Vater Fritz Neuland, der zu den Wiederbegründern der IKG zählte, war einer der 30.000 Weltkriegsveteranen, die für den Einsatz ihres Lebens im Krieg mit einer Tapferkeits­medaille ausgezeichnet wurden. »Die Orden, die er für seine Tapferkeit erhalten hatte, hütete er wie einen Schatz. Er tat es selbst noch, als das Land, für das er gekämpft hatte, sich mit aller Brutalität gegen ihn wendete.«

Es gehöre zu einer ihrer bittersten Kindheitserinnerungen, ihren Vater von den Nazis gedemütigt und tief erschüttert zu sehen. Viele der jüdischen Soldaten, die den Krieg überlebten und nicht aus Deutschland flohen, wurden im Holocaust misshandelt, verschleppt und ermordet.

vergessen »Wir dürfen nicht vergessen, dürfen auch nicht Dinge vergessen, die die Menschen gerne vergessen möchten, weil das so angenehm ist«, zitierte Stadtrat Fritz Roth die Worte von Theodor Heuss. »Es darf nicht vergessen werden, damit es nicht mehr geschieht.« Antisemitismus müsse auf der Straße und im Netz bekämpft werden, forderte der Vertreter der Landeshauptstadt München und versprach, keine Rückschritte zu dulden.

Wie jedes Jahr wurden nach den Ansprachen, die allesamt zum Frieden mahnten, Kränze an dem Denkmal auf dem Jüdischen Friedhof niedergelegt. Sie sollen aller gedenken, die gefallen sind, und an die erinnern, die keinen eigenen Grabstein haben.

Jedem einzelnen jüdischen Soldaten, der im Dienst der Bayerischen Armee im Ersten Weltkrieg ums Leben kam, wurde im virtuellen Denkmal »Lichter der Ewigkeit« ein Stern als Zeichen des Gedenkens gewidmet. Brigadegeneral Thomas Hambach überreichte Charlotte Knobloch feierlich eine Urkunde.

Besonders der russische Angriffskrieg auf die Ukraine zeige, dass Frieden und Freiheit nicht selbstverständlich sind. »Wir erleben eine tapfere junge Demokratie, die ihr Land, ihre Freiheit und ihre demokratischen Werte mit aller Kraft verteidigt«, sagte Charlotte Knobloch. »Wir erleben eine wehrhafte Demokratie.«

Hellerau

Tscheburaschka und WBS70

Die Ausstellung »Jüdische Ossis IV – Räume der Freiheit und des Rückzugs« stellt Fragen nach privater und öffentlicher Identität

von Katrin Richter  22.09.2026

Hillel

»Man fühlt sich bei uns willkommen«

Die neue Geschäftsführerin Liora Jaffe über das Zuhören, Visionen und Aha-Momente

von Christine Schmitt  22.09.2026

Wuppertal

Brandanschlag auf Synagoge: Frauen weggeschickt

Mitten am Tag soll ein 37-jähriger Afghane einen Brandsatz an der Bergischen Synagoge gezündet und sich danach antisemitisch geäußert haben. Vorher soll er zwei Passantinnen weggeschickt haben

 22.09.2026

Deutschland

»Existenzgefahr für Berlins Juden«

Die Linke macht immer wieder mit Judenhass und Forderungen nach der Auslöschung Israels von sich reden. Der Wahlsieg der Partei veranlasst nun den israelischen Botschafter zu einer ungewöhnlich deutlichen Stellungnahme

 22.09.2026

Meinung

Berlin bekommt, was es verdient!

Ein Kommentar von Chefredakteur Philipp Peyman Engel zum Erdrutschsieg der Linkspartei in der Hauptstadt

von Philipp Peyman Engel  20.09.2026

Feiertage

Chatima towa, oder was?

Was von Rosch Haschana über Jom Kippur bis Sukkot die korrekte Grußformel ist

von Rabbiner Yaacov Zinvirt  20.09.2026 Aktualisiert

Porträt der Woche

Damit die Namen bleiben

Jorge Steffen ist Germanist und engagiert sich für den Erhalt von Grabsteinen

von Gerhard Haase-Hindenberg  20.09.2026

Sachsen-Anhalt

Halle: Gemeindevorsitzender hat keine Angst vor AfD-Regierung

Max Privorozki kritisiert in einem aktuellen Interview das Geschichtsbild der AfD in Sachsen-Anhalt. Er wolle jedoch abwarten, »was die Partei tatsächlich umsetzen würde«

 20.09.2026

Wuppertal

Brandanschlag auf Synagoge: Staatsanwaltschaft geht von Judenhass aus

Der 37 Jahre alte mutmaßliche Täter soll aus antisemitischen Gründen gehandelt haben

 18.09.2026