Fußball

»Wegschauen hilft nicht«

Wie der Verein sich seiner Vergangenheit stellt, darüber diskutierten Ende September Bernd Schiphorst vom Hertha-Aufsichtsrat, Berlins Innensenator Andreas Geisel und eine Faninitiative im Centrum Judaicum. Foto: Uwe Steinert

Im Jahr 1936 betritt Walter Frankenstein zum ersten Mal ein Fußballstadion – die »Plumpe«, die damalige Spielstätte von Hertha BSC. Sofort ist der Jugendliche fasziniert. Als Jude ist er dabei nicht erkennbar.

Bis 1941 geht Walter Frankenstein regelmäßig ins Stadion. Dann lernt er seine Frau kennen, die ihn davon überzeugt, vorsichtig zu sein. Um der Deportation zu entgehen, tauchen beide in Berlin unter und überleben.

zeitzeuge An diesem Septemberabend sitzt der 94‐Jährige auf der Bühne der Stiftung Neue Synagoge in Berlin und spricht über seine Liebe zur Hertha. Die Stiftung Neue Synagoge hat gemeinsam mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und der Schwarzkopf‐Stiftung zu einer Podiumsdiskussion zur Verantwortung des deutschen Fußballs eingeladen. Anlass sind die Recherchen des Hertha‐BSC‐Fanprojekts »Spurensuche« zu jüdischen Vereinsmitgliedern im Nationalsozialismus.

»Wir müssen mit den Jungen arbeiten, bei den Alten ist nicht mehr viel zu holen«, sagt Walter Frankenstein und bringt das Publikum damit zum Lachen. »Wenn ich höre, wie die Hertha ihre Vereinsgeschichte mittlerweile aufgearbeitet hat, bin ich stolz, ein Fan dieses Klubs zu sein.« Lange Zeit sah das allerdings ganz anders aus, gibt der langjährige Hertha‐Aufsichtsratsvorsitzende und ehemalige Präsident Bernd Schiphorst zu. »Für uns in der Vereinsführung war die Zeit des Nationalsozialismus eine Blackbox und einfach kein Thema«, sagt er selbstkritisch. »Das ist ein Unding für einen Verein mit einer solchen Verantwortung.«

Erst 2006 beauftragte Schiphorst den Historiker Daniel Koerfer, das Verhalten des Vereins im Nationalsozialismus zu untersuchen. Die Materiallage war dünn, vieles war bei einem Brand oder »in den Wirren der Nachkriegszeit verloren gegangen«, berichtet er. »Doch wir wollten schonungslos alles wissen, es durfte kein Zensieren oder Vertuschen geben.«

Ein Ergebnis der Recherchen, die 2009 unter dem Titel Hertha unter dem Hakenkreuz erschienen, waren Erkenntnisse zum jüdischen Vereinsarzt: Hermann Horwitz wurde im April 1943 in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert und ermordet.

vereinsarzt Viel mehr war damals allerdings noch nicht bekannt. Es ist das Verdienst des Fanprojekts »Spurensuche«, die Geschichte von Horwitz recherchiert und veröffentlicht zu haben. So erfuhren die Fans nach langem Wälzen von Vereinsakten, das Horwitz am 26. September 1938 aus dem Verein ausgeschlossen wurde – mit dem Vermerk »Nichtarier«.

Jetzt wollen sie sich dafür einsetzen, dass der Ausschluss auf einer der nächsten Hertha‐Mitgliederversammlungen postum annulliert wird. Und sie machen weiter: Bei den mittlerweile abgeschlossenen und veröffentlichten Recherchen zu Horwitz stießen sie auf weitere ausgeschlossene jüdische Vereinsmitglieder.

So wurde beispielsweise auch Eljasz Kaszke aus dem Verein verbannt – nach elf Jahren Mitgliedschaft. Weil er Jude war. Am 13. September 1939 wird er schließlich in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert, wo er am 17. März 1940 im Alter von 42 Jahren ermordet wird.

denkmuster Über Kaszkes Leben ist nicht viel bekannt. Die »Spu­rensuche«-Gruppe will das ändern und geht wieder in die Archive. Sie recherchiert in der Gedenkstätte Sachsenhausen, in den Vereinsunterlagen, alten Adressbüchern und in Warschau, wo Kaszke geboren wurde. »Wir wollen das Leben und Wirken der jüdischen Mitglieder wieder ins Vereinsbewusstsein holen«, sagt ein Projektteilnehmer in der Stiftung Neue Synagoge.

Unterstützung bekommt die Gruppe dabei von der Vereinsarchivarin Juliane Röleke. »Wenn wir die Geschichten aus der staubigen Kammer des Vereinsarchivs sammeln, wollen wir sie ins Stadion tragen«, sagt sie. Teilweise klappt das schon: Zum 75. Jahrestag der Deportation von Hermann Horwitz hing eine Fahne der Gruppierung »Gruppa Süd« zum Gedenken an den früheren Hertha‐Vereinsarzt am Fanblock.

Auch in anderen Vereinen geht die Ini­tiative zu solchen Projekten oft von der Fanszene aus. Beispielsweise zeigte der FC Bayern lange kein Interesse an der Geschichte seines jüdischen Präsidenten Kurt Landauer, bis die Ultras der »Schickeria München« immer wieder an Landauer erinnerten.

Juliane Röleke hält solche Projekte für sehr wichtig. Aus dem Erinnern müsse aber immer auch eine Auseinandersetzung mit nationalsozialistischer Ideologie folgen. »Dazu braucht es auch Mut zur Selbstreflexion. Welche grundlegenden Denkmuster führen zum Nationalsozialismus, und wie entstehen sie? Welche Akteure waren beteiligt, und welche Handlungsspielräume hatten sie? Das sind dann auch Fragen der Mitverantwortung und der Täterschaft«, sagt sie. »Es darf nicht bei der Recherche der Lebensgeschichten der Verfolgten bleiben, so wichtig diese auch sind.«

lehren Zustimmung erhält sie von Andreas Geisel (SPD), Senator für Inneres und Sport, »Sport ist der schöne Teil dabei«. Geisel fordert, dass die Profivereine Haltung beim Thema Antisemitismus und Rassismus zeigen müssen. »Da hilft kein Schweigen, Wegschauen oder Hoffen, dass das von alleine weggeht«, sagt er.

Auch die Stadt Berlin habe noch viel beim Thema Vergangenheit aufzuarbeiten. Bernd Schiphorst verspricht, dass das Engagement von Hertha BSC weitergehen wird. »Wir haben uns geöffnet und werden uns weiter öffnen. Eine der Lehren aus dem Projekt ist, dass wir gesellschaftliche Fragen diskutieren und uns deutlich gegen Rassismus und Antisemitismus positionieren. Auch das ist die Hertha im Jahr 2018!«

Zum Abschluss bietet Walter Frankenstein noch seine Unterstützung dabei an. »Wenn die Hertha mich braucht, stehe ich jederzeit zur Verfügung. Ich bin seit 1936 Fußballfan und bleibe es mein Leben lang!«

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