Feuerwehr-Ausbildung

Wasser marsch!

Die Halle in der Nähe des Alten Hafens in Würzburg erscheint riesig. Rund 250 Meter lang ist sie, in ihr stehen siebengeschossige Büro‐ und Geschäftsbauten mit Läden und Wohnungen und frei stehende Einfamilienhäuser. Der Lebensmittelladen heißt »Florian«, das Café »Firebucks«.

Aus einem Fenster im zweiten Stock schaut eine Puppe mit ängstlich verzerrtem Gesicht heraus. Aus einem anderen Fenster quillt künstlicher Rauch. Diesen Brand sollen die Mädchen und Jungen bekämpfen. Vor allem aber müssen sie ihre drei Kameradinnen retten, die aus dem ersten Stock winken.

13 Jugendliche aus dem Jugenddorf Nahlat Yehuda bei Tel Aviv sind derzeit Gäste der staatlichen Feuerwehrschule in Würzburg. Die Mädchen und Jungen nehmen damit an einem neuen Austauschprojekt des Kinderhilfswerks der Jugend‐Aliyah teil.

Jetzt stehen sie in der Übungshalle der Staatlichen Feuerwehrschule Würzburg. Sie sind ausgestattet mit Schutzanzügen, Atemschutzgeräten und Helmen. Aus dem Feuerwehrauto ziehen sie orangefarbene Schläuche. Gekonnt schrauben sie die Rohre, wie sie in der Feuerwehrsprache heißen, aneinander und legen sie durchs Treppenhaus in das erste Obergeschoss. Sie gehen dabei sehr routiniert vor, was erkennen lässt, dass sie sich bereits mit Lösch‐ und Rettungsübungen dieser Art auskennen.

grundausbildung In der Tat absolvieren die 13 bereits seit einiger Zeit eine Feuerwehr‐Grundausbildung. Noch bis zum 6. August sind sie Gäste der Feuerwehrschule in Würzburg. Die Einrichtung ist eine von 19 in Deutschland und eine ihrer modernsten und größten. Etwa 8500 Mitarbeiter von Berufs‐ und freiwilligen Feuerwehren besuchen pro Jahr an diesem Standort eine Fortbildung oder machen eine Ausbildung. Es gibt mehrere Hallen und ein großes Außengelände, um Einsätze praxisnah zu proben. Ein idealer Ort für die Jugendlichen aus Israel, um neue Erfahrungen im Brand‐ und Katastrophenschutz zu sammeln.

Vor einigen Jahren hat das deutsche Komitee der Jugend‐Aliyah Partnerschaften zwischen Jugenddörfern in Israel und Polizeischulen in Hessen und Sachsen gestartet. »Diese Partnerschaften sind erfolgreich«, sagt Pava Raibstein vom deutschen Komitee der Jugend‐Aliyah. Weil die praktische Berufsausbildung in Deutschland generell einen guten Ruf genießt, sehen Fachleute den Austausch untereinander als befruchtend an.

Jetzt wurden erstmals Mädchen und Jungen eines israelischen Jugenddorfes von einer deutschen Feuerwehr eingeladen. Dabei stehen nicht nur Übungen in der Würzburger Feuerwehrschule auf dem Programm. Die Jugendlichen besuchen auch ähnliche Einrichtungen im südbayerischen Geretsried, die Feuerwehr am Münchner Flughafen und eine Station der Bergwacht. Darüber hinaus sind an den Abenden Begegnungen mit Jugendfeuerwehrgruppen aus der Region, eine Stadtbesichtigung und ein Ausflug in den Kletterwald geplant.

Einsatzgebiet Doron Shabi ist beeindruckt. Er ist als Erzieher für die Grundausbildung der Jugendlichen in dem Dorf zuständig und begleitet die Gruppe auf ihrer Reise. Zum einen sei die technische Ausstattung der Feuerwehrschule in Würzburg imponierend, sagt Shabi. »So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen.« Zum anderen sei die Feuerwehr in Deutschland mehr als in Israel auf Überflutungen und Rettungseinsätze im Gebirge eingestellt. So könnten die Teilnehmer noch viel hinzulernen.

Aviva Levi (16) rollt mit einem Kameraden konzentriert einen Schlauch auf dem Boden der Halle zusammen. Sie ist begeistert von der modernen Technik, mit der sie es hier zu tun hat. »Die Leute geben sich auch viel Mühe mit uns«, sagt sie auf Hebräisch. Mehrere Ausbilder der Schule leiten die Jugendlichen während der täglichen Übungen an. Die Gruppe übernachtet in dem neu gebauten Gästehaus der Schule. Alle Jugendlichen haben Feuerwehranzüge und Schuhe gestellt bekommen.

Dem 17‐jährigen Maor Iftah macht der Innenangriff zur Menschenrettung und Brandbekämpfung, wie die Übung fachlich korrekt heißt, »super Spaß«. So ein tolles Auto und so ein authentisches Ambiente kann er in dem Jugenddorf nicht nutzen. Doch nicht nur ihren Horizont in Sachen Brandschutz und -bekämpfung sollen die Jugendlichen durch den Aufenthalt erweitern, sondern auch in Bezug auf Kultur und Soziales, betont Pava Raibstein. »Die meisten der Jungen und Mädchen hätten sonst gar nicht die Möglichkeit einer solchen Reise mit wunderbaren Erlebnissen in der Gruppe.«

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat den Besuch der Gruppe über das bayerische Innenministerium mit angestoßen. Er erinnert an die Anfänge der Kinder‐ und Jugend‐Aliyah in den 30er‐Jahren mit dem Ziel, Kinder vor der Schoa zu retten. Seitdem habe sich der Schwerpunkt auf die Förderung von Jugendlichen verlagert, die speziellere Unterstützung benötigen. »Weil deren Integration so gut gelingt, spielt Jugendarbeitslosigkeit in Israel eine geringere Rolle als in anderen Ländern«, sagt Schuster. Von Beginn an sprach aus seiner Sicht vieles für die Würzburger Feuerwehrschule als Gastgeber.

willkommen Roland Demke, Leiter der Würzburger Schule, freut sich, die Jugendlichen zu Gast zu haben. Er und seine Mitarbeiter sind gern bereit, den jungen Israelis das deutsche Feuerwehrwesen nahezubringen. Mit seiner Struktur aus bezahlten und ehrenamtlichen Kräften, die einander ergänzen, und seiner hochmodernen Ausstattung sei es weltweit eine Besonderheit. Das Personal in der Küche habe sich auch bereitwillig auf die Ernährungsgewohnheiten der Gäste eingestellt. »Wir kochen diese Woche hier einfach koscher.«

Die großen Brände in Israel in den Jahren 2010 und 2016 bewirkten, dass sich viele Menschen wieder stärker auf die Bedeutung einer gut funktionierenden Feuerwehr besannen. Seitdem investiert der Staat deutlich mehr in den Brandschutz. »Auch der Beruf des Feuerwehrmanns hat dadurch Auftrieb bekommen und ist beliebter geworden«, erklärt Doron Shabi.

Nathan Aminow kann sich vorstellen, eines Tages sein Geld als Feuerwehrmann zu verdienen. Allerdings hat der 17‐Jährige noch Zeit, darüber nachzudenken. Nach der Schule muss er erst einmal den Militärdienst hinter sich bringen. Ihn beeindruckt die Technik an der Schule, aber auch die Landschaft in Deutschland: »Es ist alles so schön grün hier«, findet er. Deshalb freut er sich auf die Alpen, die er während des Abstechers zur Bergwacht sehen wird.

Andreas Bömmel, Ausbilder an der Schule, koordiniert den Übungseinsatz der Jugendlichen in der Halle mit. »Man merkt schon, dass die Gruppe gute Vorkenntnisse hat, auch wenn der Wasseranschluss etwas zu sehr im Weg liegt«, sagt er. Bei den Übungen geht es darum, verschiedenste Handgriffe schnell und sicher auszuführen.

Die Feuerwehr‐Grundausbildung in dem Jugenddorf dient aber nicht allein der beruflichen Orientierung, erklärt Pava Raibstein. »Die jungen Menschen lernen auch, dass ein solches Engagement dem Leben eine gewisse Ordnung gibt und ein Zugehörigkeitsgefühl verschafft.«

Auszeichnungen Die Mädchen und Jungen sind nicht nur stolz auf die professionelle Berufsbekleidung, die ihnen ihre Gastgeber zur Verfügung stellen. Sie tragen ebenso gern ihre eigenen Uniformen aus Israel, auf denen die Abzeichen zu sehen sind, die sie sich durch Leistungsnachweise erarbeitet haben.

Für die Teilnahme an der Reise mussten sie sich bewerben und ein Auswahlverfahren durchlaufen. Zusammengekommen ist eine bunte Truppe: Einige Jugendliche stammen aus Äthiopien, andere haben Vorfahren aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Einige Mädchen und Jungen leben in dem Jugenddorf Nahlat Yehuda, das ihnen ein Zuhause und Geborgenheit bietet, weil ihre leiblichen Eltern aufgrund psychischer oder finanzieller Probleme nicht imstande sind, sich um sie zu kümmern. Ein leichter Start ins Leben sieht anders aus.

Die Erfahrungen aus dem Aufenthalt in Würzburg dürften vielleicht ein Schritt dahin sein, nicht nur Feuerwehreinsätze besser zu meistern, auch bei der Bewältigung anderer Situationen im Leben dürften sie eine Hilfe sein.

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