Hamburg

Vorbildliche Jugend

Ralph Giordano Foto: ddp

Bereits zum 14. Mal ist am Freitag im Hamburger Ernst‐Deutsch‐Theater der Bertini‐Preis verliehen worden. Mit ihm werden Jugendliche im Alter von 14 bis 21 Jahren ausgezeichnet, die durch couragiertes Eintreten gegen Unrecht, Ausgrenzung oder Gewalt auf sich aufmerksam gemacht haben. Der Jury, die aus den Einsendungen die Preisträger ermittelt, gehört auch der Publizist und Schriftsteller Ralph Giordano an, dessen autobiografisch gefärbter Familienroman Die Bertinis Pate für den Preis steht.

Den Bertini‐Preis, der jeweils am Internationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalismus des folgenden den Jahres vergeben wird, erhielten sieben Hamburger Schulen aus den Stadtteilen Bergedorf, Poppenbüttel, Stelligen, Hammer, Ammersbek, Steilshoop und Groß Borstel. In den Einzel‐ und Gruppenprojekten engagierten sich 100 Schüler und Berufsschüler.

Helfen Die jüngsten Teilnehmer am Bertini‐Preis 2011 kamen von der Stadtteilschule Bergedorf. In ihrem Kurs »Kinder helfen« entstand eine Chanukka‐Paketaktion. Einmal im Jahr packen die Schüler zum Lichterfest für die rund 150 Holocaustüberlebenden und ihre Retter in den baltischen Staaten Päckchen mit Lebensmitteln und kleinen Überraschungen.

Ab September schreiben die Schülerinnen und Schüler die lettischen und litauischen jüdischen Überlebenden‐Organisationen an und bitten um die Bereitstellung der Namenslisten der Empfänger. In Lettland sind es noch 36 Überlebende und neun nichtjüdische Retter, die mit Paketen bedacht werden, in Litauen sind es noch 105 Personen.

Schüler der Stadtteilschule Stellingen führen seit 2009 Zeitzeugengespräche mit kriegstraumatisierten Jugendlichen und Erwachsenen aus Bosnien. Seit 2006 besteht zwischen einer Schule in Sarajevo und der Hamburger Schule ein regelmäßiger zweiwöchiger Schüleraustausch, bei dem die Hamburger Schüler nach Sarajevo und die Freunde aus der bosnischen Hauptstadt an die Alster kommen. Die fremde Sprache und unbekannte Kultur ist dadurch ins Blickfeld der 15 bis 18 Jahre alten Schüler gerückt, die ihren Beitrag »Stimmen aus einer fremden Heimat« genannt haben.

Themen Ein dezidiert jüdisches Thema haben die Lernenden der Beruflichen Schule Recycling‐ und Umwelttechnik in Hammer für ihr Projekt gewählt: »Holocaust und Faschismus«. Alle 22 Teilnehmer sind Migranten. Sie haben Hinweise auf die jüdische Geschichte in ihrer unmittelbaren Umgebung wie Stolpersteine, Denkmale und Ausstellungsgegenstände dokumentiert. Ihre gewonnenen Erkenntnisse erweiterten sie durch Lektüre, Podiumsdiskussionen und Zeitzeugengespräche.

Die Stadtteilschule Helmuth Hübener wurde für ihre Collage aus Spiel und Musik rund um die Umbenennungsfeier ihrer Schule im Oktober 2011 ausgezeichnet. Schüler und Lehrerkollegium hatten sich dazu entschieden, ihre Schule nach dem am 27. Oktober 1942 in der Hinrichtungsstätte Berlin‐Plötzensee enthaupteten Helmut Hübener zu benennen. Er hatte Widerstand geleistet, Flugblätter gegen Hitler verbreitet und war denunziert worden. Als er 1942 starb, war er mit 17 Jahren der jüngste durch den »Volksgerichtshof« hingerichtete Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus.

Überlebende Den Schicksalen von Personen haben sich auch die Einzelstarter Richard Haufe‐Ahmels (19) und Sina Moslehi (16) in ihren Filmbeiträgen gewidmet. Richard Haufe‐Ahmels hat einen Film über die Holocaust‐Überlebende Esther Bauer gedreht. Diese bezeichnete sich selbst als Anstifterin für Haufe‐Ahmels Projekt, hatte sie doch den Schüler auf eine anstehende Platzumbenennung aufmerksam gemacht, deren Verwirklichung sich wegen kommunalpolitischer Streitereien über längere Zeit hinzog. Esther Bauer ist die einzige Überlebende ihrer Familie und wird häufig als Zeitzeugin zu Diskussionen eingeladen.

Sinas Moslehis Beitrag handelt von der nationalsozialistischen Euthanasie‐Aktion und der Tötung des Jungen Ernst Lossa, der nur deshalb zum Opfer des Euthanasieprogramms der Nationalsozialisten in einer »Heil‐ und Pflegeanstalt« wurde, weil er der kleinen Volksgruppe der Jenischen angehörte. »Mein Ziel«, schreibt die Schülerin in ihrer Bewerbung, »ist es, die Menschen zum Nachdenken zu bringen und ihnen zu zeigen, dass die Reflexion auf die Vergangenheit und die Aufarbeitung von Geschichte zwingend sind, um in der Zukunft mit einer neuen, positiven Perspektive fortsetzen zu können«.

Demokratie Beiträge, die ganz im Sinne des Gratulanten Ralph Giordano sein düften. Seiner Bitte nach einer angstfreien Rede, der Freiheit des Wortes als Gradmesser jeder Freiheit Gestalt zu geben, sind die Preisträger 2011 eindrucksvoll nachgekommen. Er setze Vertrauen in die Jugend, betonte Giordano wie vor einem Jahr.

Sein Insistieren auf die Einhaltung der Demokratie bei der Preisrede im vergangenen Jahr dürfte angesichts des soeben erschienenen Antisemitismusberichts nichts an Mahnung verloren haben: »Erhaltet die Demokratie, erhaltet die demokratische Republik!« In ihr, so Giordano, fühle er sich sicher, »weil es denkbar schwer wäre, in ihr Konzentrationslager zu errichten«.

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