Frankfurt

Vor ihrem Zuhause

Anneliese Himmelstein hebt ihre Hand. Die 98-jährige gebürtige Frankfurterin, die am Dienstagabend im Frankfurter Philanthropin, in dem heute die I. E. Lichtigfeld-Schule untergebracht ist, sitzt, kennt diesen Ort gut. Denn hier ist sie zur Schule gegangen.

Das Philanthropin wurde 1804 eröffnet und von den Nazis 1942 geschlossen. Mit bis zu 1000 Schülern war es damals die größte und am längsten bestehende jüdische Schule in Deutschland. Anfang der 30er-Jahre war Anneliese dort Schülerin, bevor sie im August 1939 mit einem der letzten Kindertransporte nach London flüchten musste.

Einst war sie selbst Schülerin im Philanthropin.

Mit ihrem Handzeichen beantwortet sie die Frage von Martin Dill. Der Vorsitzende der Initiative Stolpersteine Frankfurt hatte gefragt: »Wer von Ihnen hat Angehörige, die auf das Philanthropin zur Schule gegangen sind?« Anneliese ist eine von 80 ehemaligen Frankfurterinnen und Frankfurtern, die von den fast 150 anderen Gästen mit großen Augen und anerkennenden Blicken gewürdigt wird.

Viele haben eine lange Reise auf sich genommen

Viele von ihnen haben eine lange Reise auf sich genommen, um ihrer Vorfahren zu gedenken. Auch Anneliese. Sie lebt seit vielen Jahrzehnten in den USA, wohin sie 1940 mit ihrem Vater auswandern konnte, auf dem Dampfschiff »Samaria«.

Anlass des Besuchs ist der »Abend der Begegnung« im Rahmen der Verlegung des 2000. Stolpersteins in Frankfurt. Dieser Stolperstein erinnert an Lorenz Weisbrod (1892–1942), der als sogenannter Berufsverbrecher verfolgt und im Konzentrationslager Flossenbürg ermordet wurde.

Die meisten der zwischen dem 16. und 19. Juni verlegten Stolpersteine erinnern an die Verfolgung von Frankfurter Jüdinnen und Juden. Innerhalb dieser vier Tage wurden in neun Stadtteilen 101 neue Gedenksteine gelegt. Insgesamt sind nun 2000 Stolpersteine im Stadtgebiet zu finden, was dennoch nur einen Bruchteil der 30.000 verfolgten oder vertriebenen Jüdinnen und Juden aus dem Raum Frankfurt darstellt.

Die Idee für das Projekt stammt vom Künstler Gunter Demnig, der 1992 begann, kleine Gedenktafeln – die sogenannten Stolpersteine – im Boden zu verlegen. Sie sollen an das Schicksal aller Opfergruppen erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden.

Den Verfolgten ihre Namen zurückgeben

Die quadratischen Tafeln aus Messing mit abgerundeten Ecken sind mit manuell eingefügten Lettern beschriftet und werden von einem Betonwürfel mit den Maßen 10 x 10 x 10 Zentimetern getragen. Meist werden sie vor den Wohnhäusern der Verfolgten im Gehweg eingelassen. Dabei möchte der deutsche Künstler den Verfolgten, die zu Nummern degradiert wurden, ihre Namen zurückgeben. »Man soll mit dem Kopf und dem Herzen stolpern«, betont er.

Die Stolpersteine für die Familie Lindheimer liegen in der Wolfsgangstraße 14 im Westend. Hugo Lindheimer, Annelieses Vater, wohnte ab 1925 mit seinem Bruder Haus an Haus. Die beiden Männer hatten die Häuser im Stil der Moderne errichten lassen. Heute, nach Umbau und Abriss, ist noch ansatzweise zu erkennen, was damit gemeint war. Schlichte Formen, große Fenster, Offenheit.

Auch für Anneliese Lindheimer, so ihr Geburtsname, liegt ein Stolperstein vor ihrem ehemaligen Haus. Auf dem Stein steht unter ihrem Namen: »Geburtsdatum: 6.11.1925, Flucht: 1939 England, 1940 USA«. Daneben liegen Stolpersteine für die Eltern Hugo und Rosi Lindheimer und Annelieses Bruder Ernst, der zusammen mit seiner Mutter am 19. Oktober 1941 nach Lódz deportiert wurde. In der Wolfsgangstraße 16 liegen die Steine für Bertha, Ludwig, Walter und Auguste Lindheimer.

Erinnerung und Kontinuität

Die Erinnerung an ihre Vorfahren stelle eine Kontinuität des jüdischen Frankfurt dar, die trotz der Zäsur der Schoa fortbestehe, hob der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, Julian-Chaim Soussan, vor. Das hebräische Wort »Jiskor« (Erinnerung) sei Teil des Selbstverständnisses des Judentums und mehrfach im Tanach festgehalten. Diese Erinnerung funktioniere immer in Verbindung mit einer Aktion, die in Form des materiellen Gedenkobjekts, des Stolpersteins, stattfinde.

Ihre Freundin Hertha-Maria hatte die Idee zum Gedenkort.

Eine weitere Aufgabe der Jüdinnen und Juden, betonte Soussan, sei »Tikkun Olam« – die Reparatur oder Heilung der Welt –, was auch bedeute, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Der Rabbiner sieht die gelebte Praxis des Erinnerns und damit der Verbesserung der Welt in dem Projekt der Stolpersteine, denn es wird der Entrechteten gedacht, an ihr Schicksal erinnert, und ihre Geschichte wird nicht vergessen.

Auch nicht die der Familie von Anneliese Himmelstein. Sie lebte zunächst im New Yorker Stadtteil Bronx. Zwei Briefe, so heißt es in der Biografie der Initiative Stolpersteine Frankfurt, hätten sie noch posthum von ihrer Mutter erreicht. Anneliese studierte am Hunter College und wurde Biologin. Sie heiratete Seymour Himmelstein, das Paar hatte zwei Kinder, von dem eines kurz nach der Geburt verstarb. Der Sohn Alan ist heute Rechtsanwalt. Hertha-Maria Haselmann, eine Bewohnerin der Wolfsgangstraße 14 und eine Freundin von Anneliese Himmelstein, hatte die Idee zur Verlegung. Und Anneliese Himmelstein hat wieder einen Ort in ihrem Frankfurt.

www.stolpersteine-frankfurt.de

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