Porträt der Woche

Von wegen brotlos

Gibt demnächst seine Magisterarbeit ab: David Vamosi (28) Foto: Harald Tittel

Als wir im Sommer 2011 unsere Galerie »Neosyne« in Trier eröffneten, war der Türsteher des in der Nachbarschaft gelegenen Bordells einer der ersten Besucher. Er wollte sich vergewissern, dass wir keine Konkurrenten sind. Als er sah, dass es sich bei uns um eine Galerie handelt, war er beruhigt.

Wir haben uns für die etwas außerhalb gelegene Karl‐Marx‐Straße entschieden, weil hier die Mieten noch nicht so hoch sind wie in der Innenstadt. Die Galerie betreibe ich zusammen mit meinem Zwillingsbruder und einem Kommilitonen. Wir haben ihn während des Studiums kennengelernt und zusammen den Plan gefasst, uns mit einer Galerie selbstständig zu machen. Eigentlich ist es eher unüblich, dass ausgerechnet Kunsthistoriker in ihrer Galerie moderne Werke zeigen.

Der Name unserer Galerie setzt sich zusammen aus einem Verweis auf den berühmten Kunsthistoriker Aby Warburg und dessen Bilderatlas Mnemosyne, versehen mit dem Zusatz »neo«. Unser Konzept ist es, öffentliche Ausstellungen zu kuratieren; wir machen also keine reinen Werkschauen und verkaufen die Bilder, sondern wollen die Künstler einer breiten Öffentlichkeit präsentieren. Uns geht es immer auch darum, ein Gesamtkonzept zu entwickeln. So haben wir die Beschriftungen von Bildern eines ungarischen Künstlers aus den 60er‐Jahren mit einer alten Schreibmaschine getippt.

dependance Die Ausstellungen sind stets gut besucht, und wir schreiben schwarze Zahlen. Demnächst eröffnen wir auch eine neue Dependance in Berlin und sind dafür noch auf der Suche nach einem geeigneten Ort. Mittlerweile können wir in einem bescheidenen Rahmen von der Galerie leben. Das funktioniert aber nur dadurch, dass wir Freunde und Bekannte in die Arbeit einbinden: So lassen wir zum Beispiel Flyer nicht von einer Agentur entwerfen.

Anfang des Jahres haben wir eine Ausstellung zur Heilig‐Rock‐Wallfahrt kuratiert, das ist jedes Jahr ein sehr großes Ereignis in Trier. Am Ende kaufte das Bistum einige der ausgestellten Kunstwerke, das war ein großes Kompliment für uns.

Wir diskutieren untereinander intensiv über die Auswahl der Künstler und die Art der Ausstellung. Das ist manchmal nicht einfach, wie man sich vorstellen kann. Aber ich finde es wichtig, einen offenen und ehrlichen Austausch untereinander zu haben, statt sich nur Honig um den Mund zu streichen. Ich sehe diese enge Verbindung unter uns Kuratoren schon als einen Vorteil, auch wenn es da natürlich immer wieder Auseinandersetzungen gibt. Als äußerstes Druckmittel kommt dann schon manchmal die Aussage: Wenn ihr das so machen wollt, streicht meinen Namen aus dem Katalog. Am Ende einigen wir uns dann aber immer.

»jüdische Kunst?« Wir werden manchmal gefragt, ob wir nur jüdische Kunst ausstellen würden. Das finde ich eine problematische Frage, und ich entgegne darauf mit der Gegenfrage, was genau denn jüdische Kunst sein soll. Das definiere ich für mich nicht. Die Kunstwerke, die wir ausstellen, sind teilweise von jüdischen Künstlern, manche beschäftigen sich mit jüdischen Themen und andere wiederum haben gar nichts mit dem Judentum zu tun. Für mich ist Kunst ein Objekt und das Judentum eine Religion, das hat nicht zwangsläufig etwas miteinander zu tun.

Ich wollte immer schon frei und selbstständig sein, das ist mir sehr wichtig. Als ich noch zur Schule ging, nahm ich häufig an Reisen und Ausflügen der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST) teil. Damit sich die Jugendlichen aus ganz Deutschland danach nicht aus den Augen verlieren, programmierte ich eine Art soziales Netzwerk im Internet. Ich scannte Fotos ein, die wir von den Teilnehmern per Post geschickt bekamen, und stellte sie online – so umständlich war das damals!

Als dann Facebook aufkam, waren wir der Konkurrenz natürlich schnell nicht mehr gewachsen. Auch einen Online‐Versand für Snowboards habe ich schon betrieben. Ich kann also kaum sagen, was ich in Zukunft neben der Galerie noch machen werde, aber die Beschäftigung mit Kunst begleitet mich mein ganzes Leben. Mein erstes eigenes Geld nach der Schule habe ich mit Wohnungsauflösungen verdient. Dabei habe ich mit meinen Freunden manchmal Kunstgegenstände gefunden, die wir dann verkauft haben. Das lohnte sich!

ungarn Mein Vater ist Arzt in Stuttgart und sammelt Kunst, meine Mutter und meine Großmutter sind Opernsängerinnen. Ich komme also aus einer sehr kunstinteressierten Familie. Meine Eltern wurden in Budapest geboren, sie kehrten in den späten 70er‐Jahren dem Sozialismus den Rücken und zogen nach Stuttgart. Dort kamen mein Bruder und ich auf die Welt.

Von Ungarn aus war es für meine Mutter vor dem Ende der Sowjetunion sehr schwierig, zu Auftritten ins Ausland zu fahren. Bei Reisen mit der Familie musste immer einer in Ungarn bleiben, damit die anderen auf jeden Fall zurückkehrten. Als sich einmal dann doch die Gelegenheit ergab, dass alle gleichzeitig reisen durften, blieb unsere Familie im Westen.

Auch wenn ich mich in Deutschland zu Hause fühle, werde ich hier häufig als Ungar wahrgenommen, weil meine Familie von dort kommt. In Ungarn und in Israel dagegen bin ich Deutscher. Dass ich für Israelis ein Ausländer bin, liegt auch daran, dass ich kein Hebräisch spreche und auch nicht unbedingt wie ein typischer Israeli aussehe.

Vor einigen Jahren war ich in Thailand und wollte dort ein Zimmer in einem Hostel buchen, in dem viele Israelis wohnten. Die Rezeptionistin merkte schnell, dass ich nicht aus Israel komme und wollte mir kein Zimmer geben. Mein Argument, dass ich Jude bin, zählte für sie nicht. Auch die Israelis in der Schlange hinter mir machten mir schnell klar, dass ich nicht dazugehörte.

familie Auch wenn das Judentum für die Galerie keine große Rolle spielt, so würde ich mich doch eher der orthodoxen Richtung zugehörig fühlen, selbst wenn ich nicht alle Rituale mitmache. Feiertage und der familiäre Zusammenhalt sind ein ganz wichtiger Bestandteil in meinem Leben, und natürlich hatte ich die Brit Mila und meine Barmizwa.

Auch meine Freundin ist jüdisch, sie lebt in Berlin und arbeitet als Ärztin. Das ist natürlich auch ein Grund dafür, dass wir die erste Zweigstelle unserer Galerie in dieser Stadt eröffnen werden.

Da ich mir meine Arbeitszeit als Kurator sehr frei und selbstständig einteilen kann, ist es manchmal nicht leicht, den Kopf frei zu bekommen. Da hilft mir meine Freundin sehr. Wenn sie abends aus dem Krankenhaus kommt und berichtet, wie sie Menschen ganz praktisch geholfen hat, merke ich, dass es neben der Kunst auch noch ganz andere wichtige Dinge gibt.

In den kommenden Wochen konzentriere ich mich erst einmal darauf, in Berlin einen geeigneten Ort für die Galerie zu finden und freue mich sehr, dass wir als Galeristen gefragt worden sind, die Künstler für den Robert‐Schumann‐Kunstpreis auszuwählen, einen wichtigen Preis in der Region Trier, Metz, Luxemburg und Saarbrücken. Ich bin im Moment also sehr zufrieden, wie sich mein Projekt mit der Galerie entwickelt.

Aufgezeichnet von Urs Kind

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