Porträt der Woche

Von Polen fasziniert

Dinah Riese studiert in Frankfurt/Oder und hat sich in das Nachbarland verliebt

von Igor Mitchnik  10.10.2011 12:27 Uhr

Findet ihr Gleichgewicht in der Kampfkunst: Kulturwissenschaftsstudentin Dinah Riese (22) Foto: Stephan Pramme

Dinah Riese studiert in Frankfurt/Oder und hat sich in das Nachbarland verliebt

von Igor Mitchnik  10.10.2011 12:27 Uhr

Ursprünglich komme ich aus Berlin, groß geworden bin ich allerdings im hessischen Alsfeld. Als kleines Kind hatte ich immer das Gefühl, dass meine Familie da nie so richtig angekommen war. Wächst man als Kind in einer Familie auf, die irgendwo nie angekommen ist, dann fühlt man sich selbst dort auch nicht heimisch. Auf der Suche nach dem Heimatgefühl landete ich in meinem Geburtsort und der Heimatstadt meiner Eltern: Berlin.

Ich wohne zwar da, aber ich studiere woanders: in Frankfurt an der Oder. Ich schätze, 80 Prozent der dortigen Studenten pendeln jeden Tag von Berlin aus. Doch im Gegensatz zu den meisten versuche ich, eine Bindung zu der Stadt aufzubauen, die über das Studium hinausgeht. Als ich im Sommersemester 2011 mit Kulturwissenschaften anfing, war ich eine Woche lang Couchsurfen in Frankfurt, um die Stadt, Cafés und das Leben dort kennenzulernen.

Warschau Den größten Reiz bietet mir Frankfurt durch die unmittelbare Nähe zu Polen – und das nicht nur, weil ich gerne zum Mittagessen hinübergehe. Ich fühle mich diesem Land besonders verbunden. Nach meinem Abitur habe ich ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in der jüdischen Gemeinde in Warschau gemacht.

In meiner Familie haben fremde Kulturen schon immer eine große Rolle gespielt. Deshalb war für mich sehr früh klar, dass ich nach dem Abitur erst einmal etwas völlig Neues sehen wollte und nicht in die USA, England oder Frankreich gehen würde. Geschichte und die Schönheit kultureller Vielfalt bekam ich von meinen Eltern von Anfang an vermittelt. Sie waren nie der Meinung, dass Geschichte und Politik Dinge waren, über die man mit Kindern nicht reden sollte – im Gegenteil. Meine Geschwister und ich haben von klein auf sehr viel gelesen.

Ich wollte nach meinem Abitur in ein Land gehen, wo ich weder die Sprache kenne, noch eine Vorstellung von der Kultur habe. Mein Erstwunsch war, für ein Jahr nach Israel zu gehen, mein Zweitwunsch war Polen. Letzten Endes bin ich sehr froh, dass ich nach Polen und nicht nach Israel gefahren bin, weil ich dazu bestimmt noch die Gelegenheit finden werde. Polen hingegen hätte ich vermutlich sonst nie so kennengelernt.

Das FSJ in Warschau umfasste ein zweigeteiltes Projekt in der jüdischen Gemeinde. Zuerst arbeitete ich mit drei älteren Menschen zusammen. Ich brachte ihnen jeden Tag Mittagessen, leistete ihnen Gesellschaft und unterhielt mich mit ihnen.

Für den zweiten Teil war eigentlich vorgesehen, dass ich am jüdischen historischen Institut arbeite. Aber da es im Jahr zuvor zu Unklarheiten über die Zuständigkeiten der Freiwilligen gekommen war, arbeitete ich drei Mal die Woche in einem jüdischen Kindergarten. Dort kümmerte ich mich um die ganz Kleinen.

Dann lernte ich an Sukkot in der jüdischen Gemeinde jemanden kennen, der für das gerade entstehende Museum der Geschichte der polnischen Juden in Warschau arbeitete. Nach einem kurzen Gespräch wurde ich relativ schnell dort eingestellt. Daraufhin ging ich drei Mal die Woche dorthin statt in den Kindergarten.

Sibirien Weil ich Polen auswählte, schlugen mir oft Vorurteile entgegen. Manchmal habe ich das Gefühl, viele glauben, alles östlich von Deutschland sei Sibirien. Fragen wie »Haben die da Internet?« oder »Es gibt dort Straßenbahnen?« und Aussagen wie »Trink nicht zu viel Wodka!« habe ich häufig gehört. Viele waren total überrascht, als ich ihnen erzählte, dass Polen ein sehr modernes Land ist und man dort keinen totalen Kulturclash erlebt.

Nun ist meine Universität nicht nur nah an der polnischen Grenze, man kann sich auch im Studium sehr viel mit Polen und Osteuropa beschäftigen und – was mich besonders interessiert – auch mit jüdischer Geschichte in der Region. Nächstes Semester will ich das Seminar besuchen: »Gehen oder bleiben? – Über die Geschichte von Juden in Polen von 1945 bis 1968«.

Auf das Thema kam ich durch ein Gespräch mit einer Mitarbeiterin vom Jüdischen Historischen Institut in Warschau, die ich neulich bei einer Fahrt nach Polen kennengelernt habe. Organisiert wurde diese Fahrt von dem Reiseveranstalter Ex Oriente Lux, auf den ich durch Kontakte meiner Schwester stieß. Ich rief dort an und fragte, ob sie jemanden mit guten Polnischkenntnissen bräuchten und bekam prompt das Angebot, als Praktikantin mit nach Lemberg zu fahren. Diesen Sommer habe ich meine erste eigene Fahrt geleitet, nach Zamosc und Lublin.

Ich versuche, bei jeder Gelegenheit wieder nach Polen zu kommen. Als Lehrer unternimmt mein Vater mit seinen Schülern jedes Jahr eine Fahrt nach Krakau und Auschwitz. Zweimal habe ich ihn schon begleitet.

Grüner Gürtel Bei all dem Trubel und den Reisen finde ich mein Gleichgewicht in der Kampfkunst. Ich habe damals in Alsfeld mit Hu‐Long‐Do angefangen und sogar eine Trainerausbildung gemacht. Seitdem darf ich Leute bis zum Grünen Gürtel trainieren. Als ich nach Berlin kam, fragte ich in meinem Freundeskreis sofort rum, ob jemand an diesem Sport Interesse hat, und seitdem trainieren wir in einer kleinen Gruppe. Bald fahren wir alle nach Alsfeld zur zehnjährigen Jubiläumsfeier unseres Vereins. Am nächsten Tag machen drei aus meiner Gruppe ihre erste Gelbgurtprüfung. Ich glaube, ich bin viel nervöser als sie.

Das Judentum spielt für mich eine große Rolle. Mit meinen Freundinnen koche ich seit einigen Wochen füreinander internationale Gerichte. Jede bereitet Spezialitäten zu, die eng mit ihrer Persönlichkeit zusammenhängen. Eine mit russischem Hintergrund kocht russisch, die andere Freundin war nach der Schule ein Jahr in Nicaragua und hat nicaraguanisch gekocht, und ich koche jüdisch.

Mir war immer klar, dass ein Teil meiner Familie jüdisch ist und es kulturell und familiengeschichtlich eine wichtige Rolle spielt. Große Feiertage wie zum Beispiel Chanukka feierten wir zwar, aber anders als in Berlin war es in Alsfeld viel schwieriger, einen Zugang zu finden. Dort gibt es nicht einmal eine Gemeinde; die nächste liegt in Gießen.

Bei meinem FSJ in Krakau hatte ich erstmals die Gelegenheit, an den Hohen Feiertagen in der Synagoge zu sein und das alles religiös kennenzulernen. Auf Reisen mit Ex Oriente Lux hab ich nun auch das Gefühl, den Leuten nicht nur einen Teil fremder, sondern auch meiner eigenen Geschichte zu vermitteln.

Türkei Nächsten Sommer fahre ich für ein Austauschsemester nach Istanbul, um wieder etwas komplett Neues zu sehen. Aus diesem Grund lerne ich nun auch ein wenig Türkisch. Die Türkei bedeutet für mich die Schnittstelle zwischen allem: Moderne und Tradition, Europa und Asien, Orient und Okzident.

Ich finde es sehr wichtig, die Sprache wenigstens teilweise zu beherrschen. Sonst kann man eine Kultur nicht wirklich kennenlernen. Sprache ist ein Schlüssel zu den Menschen.

Hier in Deutschland habe ich oft das Gefühl, dass die Angst vor Bereicherung große Hürden in Fragen des gegenseitigen Verständnisses setzt. Viele haben entweder Angst oder einfach keine Lust, sich mit Neuem auseinanderzusetzen, was sie nicht unmittelbar betrifft. Man muss ja nicht gleich alle seine Werte über Bord werfen, aber es wäre oft hilfreich, wenn die Mehrheit der Gesellschaft von der Überzeugung wegkäme, dass die eigenen kulturellen Besonderheiten die besseren und die einzig richtigen seien. Daran werde ich noch arbeiten.

Aufgezeichnet von Igor Mitchnik

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