Beziehung

Von Menschen und Wölfen

Bieten den Beziehungswölfen seit 16 Jahren erfolgreich die Stirn: Laura und Tobias Goldfarb in ihrer Wohnung in Berlin-Prenzlauer Berg Foto: Marco Limberg

An einem eiskalten Wintertag in einer Maisonette-Wohnung in Berlin: Laura und Tobias Goldfarb sitzen auf den schwarzen Freischwingern, auf denen sonst ihre Klienten Platz nehmen. Perspektivwechsel also, Rollentausch – etwas, das den beiden nicht nur in der therapeutischen Arbeit vertraut ist. Der Kamin in einer Ecke des Zimmers spendet angenehme Wärme, an der Wand moderne Kunst, im Bücherregal neben dem großen Sofa Werke von Franz Kafka, Joseph Roth und Yuval Harari. Durch die Fensterfront schaut man auf eine kleine Dachterrasse, der Blick wandert vom Hinterhof in Prenzlauer Berg über das Häusermeer der Großstadt. Drinnen stehen Tee und Wasser bereit, es gibt Kekse und Gummibärchen.

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In ihrer Praxis in der Göhrener Straße bieten Laura und Tobias systemische Therapie und Mediation zu Themen rund um Liebe und Beziehung an. Für Einzelne, Paare oder mehrere Personen, für Frauen, die mit Männern, Frauen, die mit Frauen oder Männer, die mit Männern zusammenleben. Und für jede andere denkbare Konstellation. Die Gespräche in diesen vier Wänden drehen sich um Kommunikationsprobleme, Vertrauensverlust, Intimität und sexuelle Konflikte, um unterschiedliche Lebensvisionen, Trennungsgedanken oder Entscheidungsfindung. Es wird gezankt, gestritten, gekämpft. Begeben wir uns also in das sprichwörtliche Dickicht aus Leidenschaft, Verletzung, Treue und Eifersucht mit all seinen wilden Kräften und Kreaturen, die in uns schlummern.

Laura lacht schelmisch und nimmt mit liebevollem Augenzwinkern Blickkontakt zu ihrem Mann auf.

»Aus unserer Sicht ist die Art und Weise, wie man streitet, das A und O jeder Beziehung«, sagt Laura. Die dunkelhaarige Frau Anfang 40 ist eine kleine, zierliche Person, die ebenso energisch wie entspannt wirkt und ungemein präsent ist in Sprache, Mimik und Gesten. »Beinahe jedes Paar, jedes Team hat eine Chance – wenn es lernt, richtig und konstruktiv zu kommunizieren. Wir sind durch Höhen und Tiefen gegangen und haben viel gestritten – vielleicht aber auch noch zu wenig.« Laura lacht schelmisch und nimmt mit liebevollem Augenzwinkern Blickkontakt zu ihrem Mann auf.

Aber wie streitet man richtig? Ein Anfang sei es, den eigenen Konfliktstil zu kennen. »Du bist der Streittyp Wildschwein, das rennt und darauf lospoltert, während ich eher die Eule bin, die nach einer Lösung sucht, bevor der Clinch überhaupt richtig losgeht«, greift Tobias den Faden auf und wendet sich seiner Frau zu. »Auf der einen Seite ist da der Wunsch nach einer temperamentvollen Auseinandersetzung, während beim Gegenüber Schockstarre droht.« Beide lachen. Ein kontraproduktives Muster also. Wie kann man dennoch effizient streiten? Es spare Zeit und Energie, wenn das Wildschwein erst einmal Wildschwein sein dürfe, erklären sie ihre Strategie. Da muss also ein wenig Matsch durch die Gegend fliegen, vielleicht wird auch eine Tür geknallt. Aber wenn dieses Sauer-Sein gesehen wird, stünden die Chancen gar nicht so schlecht, dass das Wildschwein ein offenes Ohr für die diplomatische Lösung der Eule hat.

So unterschiedlich, so gut. Und gleich mittendrin. Denn es werden noch mehr Waldtiere die Bühne betreten, auf der Tacheles geredet wird. Die 13 Beziehungswölfe und wie wir die wilden Kräfte zähmen, die jede Liebe auf die Probe stellen heißt das neue Buch von Laura und Tobias Goldfarb. Es ist so etwas wie die Essenz ihrer therapeutischen Arbeit, mehr noch: ihrer inneren Haltung, fasst Laura zusammen, was sie die vergangenen drei Jahre neben Familie und Beruf intensiv beschäftigt hat.

In 13 Kapiteln spüren die beiden in sehr bildhafter Sprache und fantasievollen Settings den Herausforderungen nach, denen Paare in ihrem Alltag begegnen. Die Wölfe sind Metaphern für die Konfliktfelder, die sich in jede Beziehung schleichen, vom Streitwolf über den Rollenwolf, der sich mit der Frage der klassischen Aufgabenverteilung auseinandersetzt, den Nähe-Distanz-Wolf bis zum gefährlichen Nebenwolf, wo es um Affären geht. Doch warum gerade der Wolf? »Er steht für die Energien und Themen, die wir geneigt sind zu verdrängen«, erklärt Laura den Charakter der Tierfigur. »Die Beziehung ist ja manchmal wie ein finsterer Wald, in dem kleine Ungeheuer auf der Lauer liegen.«

Seit 2010 sind Laura und Tobias ein Paar, seit zwölf Jahren verheiratet. Und sie sind ein gut eingespieltes Team. Denn sie verbindet mehr als »nur« die Liebe und ihre elfjährige Tochter, die gemeinsame Praxis oder ihr Faible für Jazzmusik und ausgefallene Küchengeräte. Sie teilen auch die Begeisterung für die Bühne. Laura wurde in Essen geboren, die Mutter tanzte als Solistin bei Pina Bausch in Wuppertal, der Vater war Architekt. Nach dem Studium arbeitete sie als Schauspielerin, Regisseurin, Tänzerin, Choreografin und Kabarettistin. Tobias, Jahrgang 1974, studierte Journalismus, war für Presse, Rundfunk und Theater tätig und ist Autor von mehr als 50 Kinder- und Jugendbüchern. Im Team haben sie etliche seiner Stücke inszeniert, mit eigenen Musikern und Bühnenbildnerinnen gearbeitet. Eine intensive und erfüllende Zeit.

Doch dann kam die Pandemie. Alles, was Laura bis dahin beruflich ausmachte, brach von einem auf den anderen Tag weg: »Ich wusste nicht mehr, wer ich war. Vorstellungen fielen aus, die Theatervorhänge blieben unten.« Die Erinnerung löst noch immer sichtlich Unbehagen in ihr aus, und die selbstbewusste fröhliche Frau wirkt mit einem Mal verunsichert, geradezu verletzlich. Ihr Blick weicht aus, für einen Moment wird es still im Raum. »Laura war wie ein aufgebockter Ferrari, dessen Räder bei Vollgas durchdrehen«, durchbricht Tobias mit ruhiger, konzentrierter Stimme das Schweigen. »So viel Energie, die nirgendwohin konnte.« In dieser Zeit starb auch ihr Vater. Sie fiel in ein tiefes Loch. Der Konflikt war vorprogrammiert – und fand Gestalt im Rollenwolf, der seine Beute witterte.

»Laura war wie ein aufgebockter Ferrari, dessen Räder bei Vollgas durchdrehen«, durchbricht Tobias das Schweigen.

Tobias nahm als Autor mehr Aufträge an, als er bewältigen konnte. Der finanzielle Druck lastete schwer auf ihm, und die Sorge um die Existenz machte sich in der Beziehung breit. Laura hat noch heute das Klacken der Tasten auf dem Rechner morgens um drei Uhr im Kopf, während sie gefühlt den lieben langen Tag die Spülmaschine ein- und ausräumte und sich um Wäsche oder Einkauf kümmerte. Eine schwierige Zeit für die beiden. Letztendlich jedoch führte die Existenzkrise Laura zu ihrer zweiten Berufung, die sie von da an mit großer Zielstrebigkeit und Hartnäckigkeit verfolgte.

Aufgewachsen in einer jüdisch-argentinischen Großfamilie, gehörten Konflikte für sie zum Alltag. Bei jeder Mahlzeit wurde lebendig und kontrovers diskutiert, gelacht und geweint. »Meine Eltern liebten sich innig und standen doch immer kurz vor der Trennung. So hat mein Weg mich fast zwangsläufig dazu geführt, Paartherapeutin zu werden. Ich frage mich oft, warum die Menschen zusammenbleiben. Was können sie sich geben? Und was ist eigentlich Liebe?«

Tja, die Liebe. Ihren Großeltern rettete eine unmögliche Liebe das Leben, die nach Romeo und Julia klingen könnte, wären die Umstände weniger grausam. Weil es der Tochter eines Rabbiners in Rowne nicht gestattet war, ihre Beziehung zu dem mittellosen Wasserträger Israel Goldfarb zu leben, wanderten sie aus – bevor die Wehrmacht das polnische Schtetl überfiel. Im November 1941 erschossen die Deutschen an nur zwei Tagen 25.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder in einem Waldstück. Sämtliche Verwandten und Freunde der Goldfarbs waren tot.

»Meine Bobe und mein Sede fingen in Argentinien bei null an, ohne die Sprache zu sprechen, ohne Geld.« Unter den sechs Kindern war es ausgerechnet Lauras Mutter, die in das Land der Mörder ihrer Familie ging. Als sie sich auch noch in einen nichtjüdischen Deutschen verliebte, behauptete sie, er sei ein Findelkind. Doch das Herz der jüdischen Mischpoke in Übersee war groß, und die kleine Familie wurde wenige Monate nach der Geburt des ersten Kindes mit offenen Armen empfangen. »Von da an wurde jeder Broiges, Tratsch und Liebeskummer in Deutschland – ungeachtet der Erinnerung an die Vergangenheit – aufgeregt von Mendoza über San Diego bis Miami diskutiert. Schticklach gehörten umgekehrt natürlich auch dazu. Wenn wir bei uns zu Hause Weihnachten feierten, hieß es: ›Erzähl das bloß nicht dem Großvater!‹«, schildert Laura liebevoll und mit einer gehörigen Portion Selbstironie die Marotten der Verwandtschaft. Tobias hat mittlerweile gelernt, mit ihrem argentinischen Temperament und den jüdischen Neurosen klarzukommen – keine leichte Aufgabe für den Spross einer katholischen Kleinfamilie, in der die Dinge nüchtern verhandelt wurden.

Ein kurzer Blick aufs Handy. Die Tochter ist bei einer Freundin und wird bald nach Hause kommen – Nomi Lupita, das Wölfchen, wie sie mit zweitem Namen heißt. Die Eltern hätten sie gern auf die jüdische Schule geschickt, doch der Gedanke an den Polizeischutz habe sie abgeschreckt. »Das ist etwas, was auf die Seele drückt«, sagt Tobias. Auch die derzeitige politische Situation stimmt ihn pessimistisch. »Zu Chanukka waren wir bei Freunden eingeladen – es war der Tag des blutigen Anschlags in Sydney. Der Leuchter stand nicht im Fenster. Aus Angst.«

Laura bestätigt diesen Eindruck. Seit dem 7. Oktober 2023 hätten Klienten zunehmend Termine abgesagt, weil sie sich sorgten, vor die Tür zu gehen. Manchmal fragt sie sich, ob es ein Fehler war, nach der Hochzeit den Mädchennamen ihrer Mutter anzunehmen. »Aber ich bin gut im Verdrängen«, beruhigt sie sich selbst. Was die nächsten Jahre bringen werden? Sie weiß es nicht. »Es macht trotz allem Spaß, Zukunftspläne zu schmieden.« Und da taucht in der Ferne, ganz weit hinten am Horizont, der alte Graupelz auf. Langsam und müden Schrittes trottet er auf uns zu.

Die Goldfarbs haben Freunde, Kollegen und Nachbarn zur »Sofarunde« eingeladen, mit der sie regelmäßig an die Tradition der Berliner Salons anknüpfen.

Mit einem Mal schwingt eine leichte Melancholie mit. Laura denkt an ein Ritual aus ihrer Kindheit, das sie wieder mehr in ihren Alltag integrieren möchte, auch wenn die Zeiten dafür gerade nicht die besten sind. Freitagabends feierten sie mit den Eltern Wenschelicht, das jiddische Wort für Wunschlicht – mit Kerzenzünden, Selbstgebackenem, Segenssprüchen und Liedern.

Im Haus und in der Nachbarschaft wird Vielfalt gelebt. Der arabischen Sängerin im Stockwerk unter ihnen haben sie bei der Wohnungssuche geholfen. In der palästinensischen Kneipe »Al Hamra« vorn an der Straßenecke könnten sie jederzeit den Schlüssel deponieren. »In den Alltag grätscht das Politische nicht so hinein, unser Mikrokosmos funktioniert«, bringt Tobias die Überlegungen zu Ende. Und dennoch: Sie sind auf der Hut. Wenn es sein müsste, könnten sie von heute auf morgen auswandern. Die Vorstellung, ihre Zelte hier abzubrechen, hinterlässt eine gewisse Schwere. »Ich lerne seit Kurzem Hebräisch«, löst er die angespannte Stimmung auf. Israel sei immer eine Option. »Du nimmst mich doch mit?«, scherzt Laura und verscheucht die negativen Gedanken. Und mit einem Mal ist die Leichtigkeit zurück.

Es ist spät geworden. Die Wölfe verabschieden sich und machen Platz für andere. Die Goldfarbs haben Freunde, Kollegen und Nachbarn zur »Sofarunde« eingeladen, mit der sie regelmäßig an die Tradition der Berliner Salons anknüpfen. Rund 20 Menschen haben sich unten in der Küche versammelt, um bei der Uraufführung einer Jazzsuite dabei zu sein. Jeder bringt Fingerfood und sein Lieblingsgetränk mit. Die Atmosphäre ist entspannt, es wird diskutiert, gelacht, gegessen und getrunken. Man spürt, es ist ein lebendiger, offener Ort – so wie Laura das von ihren Eltern kennt. Ein Schwarz-Weiß-Foto zeigt sie vor dem alten Bauernhaus, in dem die Mutter noch heute lebt.

Und dann ist da noch ein Bild von einer, die man zwischen alledem so gar nicht vermuten würde: Marilyn Monroe. »Sie war immer ein Idol für mich«, nimmt Laura die Frage vorweg. Vor allem die Liebesbeziehung zu Arthur Miller imponierte dem jungen Mädchen. »Für mich stand seither fest: Ich werde einen Schriftsteller heiraten.« Sie lacht ihr charmantes mitreißendes Lachen, schaut zu Tobias, der ins Gespräch vertieft ist, und wirkt sehr glücklich und zufrieden in diesem Moment.

»Die 13 Beziehungswölfe und wie wir die wilden Kräfte zähmen, die jede Liebe auf die Probe stellen«. Gräfe und Unzer, München 2026, 304 S., 22 €

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