Kahal Adass Jisroel

Von jekkisch bis jemenitisch

Der Regen der vergangenen Nacht hängt noch in der Luft, und die Stadt scheint träge, so als ob sie der Gemächlichkeit des Schabbattages noch hinterherhängt und mit dem neu heranbrechenden Tag noch nichts anzufangen weiß. Doch in der Rooftop-Lounge des Amano-Hotels in Berlin-Mitte herrscht Hochbetrieb, denn in wenigen Minuten wird hier die erste eintägige Frauenkonferenz der orthodoxen Berliner Gemeinde Kahal Adass Jisroel stattfinden.

»Die Konferenz ist für uns da«, erklärt Organisatorin Rivka, während sie die bereits eingetroffenen Teilnehmerinnen begrüßt.
»Es geht darum, dass wir als Frauen der Gemeinde weiter lernen, dabei Kraft tanken und uns austauschen, auch ohne den Trubel des Alltags um uns herum«, sagt sie. Während sie das koschere Buffet für die Pause aufbaut – denn »ohne Brot keine Tora«, zitiert Rivka einen Spruch aus den Pirkej Awot –, begeben sich die ersten Teilnehmerinnen in den Saal.

projekt In einem separaten Raum kümmern sich derweil bereits Betreuer um das Kinderprogramm und sorgen so dafür, dass auch wirklich alle Frauen, die wollen, an der Konferenz teilnehmen können. Man unterhält sich, tauscht sich über Neuigkeiten aus, bedient sich an der kleinen Kaffeetheke. Die Atmosphäre ist herzlich, warm und locker. Alles scheint ganz selbstverständlich.

Doch die Gemeinde ist noch jung, sie wurde offiziell Anfang 2014 gegründet und umfasst heute ungefähr 80 Familien. »Niemand ist zufällig hier«, eröffnet Ita Afanasev die Konferenz. Niemand gehöre Kahal Adass Jisroel »einfach so an, weil man zufällig nebenan wohnt«, betont die Rebbetzin. Alle investieren in ein Projekt: den Aufbau einer Gemeinde, sodass in deren Kindergärten, Schulen und Synagogen eine neue Generation heranwachsen kann, für die die jüdische Tradition eine Selbstverständlichkeit ist. Viele Gemeindemitglieder kommen mittlerweile aus dem ganzen Bundesgebiet in das Stadtviertel rund um das Gemeindezentrum in der Brunnenstraße, um an diesem Projekt mitzuwirken, berichtet Ita Afanasev.

Fast 40 Teilnehmerinnen haben sich inzwischen eingefunden. Hebräische, deutsche, englische und russische Wortfetzen fliegen durcheinander. Die meisten Frauen sind zwischen 20 und 40 Jahre alt, kaum eine von ihnen wurde in Berlin geboren, viele sind an unterschiedlichen Orten aufgewachsen, haben Migrationsgeschichten. Ebenso verschieden wie die Lebenswege sind auch die jüdischen Lebensstile: Zwar ist für alle die Halacha zentral. Jedoch reicht die Spanne der Selbstidentifikationen von liberal-orthodox bis hin zu eher charedisch, die Minhagim von »jekkisch« bis »jemenitisch«.

mizwot Übergeordnetes Thema des Lerntages ist »Geld« – doch geht es zum Auftakt weniger um materiellen Besitz, vielmehr um den ideellen. Rabbiner Tsvi Blanchard, Psychologe und Philosoph aus New York und Gastprofessor an der Humboldt-Universität, eröffnet die Runde mit einem Gespräch über die Birkot haShachar, die »Segnungen des Morgens« als Teil des täglichen Morgengebets. Der Rabbiner lenkt die Gedanken auf den größten Besitz des Menschen: das Geschenk, morgens aufstehen zu können, sich bewegen zu können – alltägliche Selbstverständlichkeiten, die vielen oft erst bei Verlust bewusst werden.

Rabbiner Dani Fabian, Leiter der Lauder-Yeshurun-Jugendprogramme in Deutschland, nimmt das Thema des Besitzes wieder auf. Er spricht über die Aufforderung der Tora, Verantwortung für die Umwelt zu übernehmen, sowie die sich daraus ableitenden religiösen Gesetze. Dabei geht es um die Ge- und Verbote, durch die Juden in der Welt wirken – die Verbindung zwischen dem Wort Gottes und dem eigenen Handeln.

Rabbiner Spinner, Vizepräsident der Lauder-Foundation, fügt eine weitere Dimension hinzu: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Hillel und Shammai, die um des Himmels willen stritten, und Korach, der gegen Moses rebellierte? Was bedeutet dies für Konfliktsituationen, in denen man sich selbst wiederfindet? Rabbiner Shlomo Afanasev rundet den Lerntag mit einem Einblick in die Halachot zur Täuschung in Geldangelegenheiten ab.

perspektiven Am Ende des Tages steht für die Teilnehmerinnen fest: Diese Konferenz wird nicht die letzte gewesen sein. Schon jetzt denken viele Frauen darüber nach, wie es weitergehen könnte. Gibt es Themen, die speziell interessieren? Mehr Halacha oder doch mehr »Haschkafa«, Perspektiven und Reflexionen? Welche gelehrten Frauen könnten unterrichten?

Auf dem Heimweg unterhalten sich die Frauen weiter. Sie manövrieren Buggys an Passanten und den Stuhlreihen der Cafés vorbei – jüdischer Alltag mitten in Berlin.

Berlin

Gedenken in der Rosenstraße

Gemeinde und Politiker erinnerten an die »Fabrikaktion« 1943

 27.02.2020

Köln

Mappot aus dem Depot

Bei Vorbereitungen auf das Jubiläumsjahr 2021 fand das Schnütgen-Museum kostbare Torawimpel

von Gräfin Ulrike von Hoensbroech  27.02.2020

Jewrovision

Spot an für Dan!

Jury, Moderation und Reihenfolge der Auftritte stehen fest – jetzt kann die Show beginnen

von Christine Schmitt  27.02.2020

Jewrovision

»Eine unheimlich tolle Erfahrung«

Rabbiner Avichai Apel über Lampenfieber, Gemeinschaft und die Kraft des Gebets

von Christine Schmitt  27.02.2020

Düsseldorf

Gemeinsames Helau

Zum zweiten Mal reihte sich der multireligiöse Motivwagen in den Rosenmontagszug ein

von Jan Popp-Sewing  27.02.2020

Jewrovision

»Da will ich dabei sein«

Wie sich das Jugendzentrum Olam, die Gemeinde und das Hotel Estrel auf das Event in Berlin vorbereiten

von Christine Schmitt, Katharina Schmidt-Hirschfelder  27.02.2020

Tetragramm

Rückkehr des Gottesnamens

An der Fassade der Berliner Parochialkirche prangt jetzt wieder die ursprüngliche hebräische Inschrift

von Jérôme Lombard  27.02.2020

Berlin

Lesung, Ausstellung, Purim

Kurzmeldungen

 27.02.2020

Antisemitismus

Beängstigende Zahlen

Judenfeindliche Straftaten haben in Bayern 2019 deutlich zugenommen. Nun sollen vor allem Hasspostings genauer untersucht werden

von Helmut Reister  27.02.2020