Lockdown

Von Jane Austen bis Juli Zeh

Zwei Bücher pro Monat ist ihr durchschnittlicher Lesekonsum: Arthur, Leah und Masha, Lilith (v.l.) Foto: pr, Getty Images

Diese 464 Seiten haben sie regelrecht begeistert. Den Bestseller Stolz und Vorurteil von Jane Austen (1775–1817) konnte Mascha aus Frankfurt nicht mehr weglegen. Sogar in der Tram hat sie gelesen. »Ich habe mit den Figuren gefühlt, habe mich in ihre Welt hineinbegeben und war traurig, als ich die letzten Zeilen erreicht hatte.« Noch ein paar Tage lang musste die 17-jährige Abiturientin der I. E. Lichtigfeld-Schule immer wieder an die Liebesgeschichte denken.

Abi-Stress Von einer Freundin hatte sie das Buch empfohlen und gleich ausgeliehen bekommen. »Ich liebe es zu lesen«, sagt Mascha. In den vergangenen zwölf – von der Pandemie dominierten – Monaten hatte sie mehr Zeit für Literatur, doch nun bremst sie der Abi-Stress aus. »Leider.« Ihr Regal füllt sich dennoch weiter, obwohl sie sich nicht jedes Buch kaufen muss, sondern sich oft Bücher ausleiht.

Jugendliche haben im Corona-Jahr 2020 mehr Zeit fürs Lesen verwendet als im Vorjahr. Bei den Zwölf- bis 19-Jährigen sei die tägliche Lesedauer nach eigener Schätzung um knapp 20 Minuten gestiegen, sagte Sabine Uehlein, Geschäftsführerin Programme der »Stiftung Lesen« in Mainz jüngst. »Kinder und Jugendliche fürs Lesen zu begeistern, ist eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft«, erklärte die Expertin weiter. In diesem Sinne hat die Stiftung Lesen daher gemeinsam mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels den Nationalen Lesepakt ins Leben gerufen. Auch der Zentralrat der Juden ist offizieller Partner des Programms.

Themen Eine »Leseförderung« braucht Leah, ebenfalls Schülerin der I. E. Lichtigfeld-Schule, nicht – auf ihrem Regal wird es langsam eng. Zwei bis drei Bücher pro Monat habe sie im vergangenen Jahr gelesen, im ersten Lockdown wesentlich mehr als davor. Sie achte dabei nicht auf den Autor, sondern auf die Themen. Ganz oben stehen bei ihr Fantasy-Romane und Bücher über den Zweiten Weltkrieg, dabei vor allem Biografien von Schoa-Überlebenden.

»Ihre Geschichten sind viel einprägsamer, als Daten zu lernen.« Leah mag es, sich in eine andere Welt zu begeben und verschiedene Perspektiven kennenzulernen. Doch nun habe auch sie weniger Zeit, die Abi-Prüfungen stehen an. Früher hätten ihre Eltern ihr Titel empfohlen, jetzt gibt die 17-Jährige ihnen die Lektüre, die ihr gefallen hat. Und da ihr Sprache Spaß macht, hat sie Deutsch als Leistungskurs gewählt und das Thema »Kreatives Schreiben« sehr genossen.

»Es muss spannend sein, sonst lege ich es wieder weg«, sagt Eva aus Düsseldorf. Auch sie mag am liebsten Fantasy-Geschichten. »Aber sie dürfen nicht zu lang sein, 300 Seiten reichen.« Danach werde es anstrengend, meint die 15-jährige Schülerin des Albert-Einstein-Gymnasiums. Ein bis zwei Werke lese sie im Monat, schätzt die Neuntklässlerin. Im Sommer habe sie mehr Bücher in die Hand genommen, denn da waren die Bibliotheken geöffnet. Nun sind sie gerade wegen des Lockdowns geschlossen. Auch Kochbücher leiht sie sich gern aus, denn sie liebt es, am Herd zu stehen und neue Rezepte auszuprobieren.

Der Förderverein des Albert-Einstein-Gymnasiums hat 600 Bücher mitfinanziert.

18 Kartons mit fast 600 Büchern haben in diesen Tagen das Albert-Einstein- Gymnasium in Düsseldorf erreicht. »Wir erneuern unsere Schulbibliothek, und der Förderverein hat diese Bücher nun finanziert«, freut sich Schulleiter Michael Anger. Darunter sind Sachbücher, Reiseführer, Autobiografien, Kinder- und Jugendbücher – auch Comics wie Gregs Tagebuch – und Spiele.

Bibliotheken »Wir möchten unsere Schüler ja dazu bringen, dass sie sich mit Literatur beschäftigen«, sagt Schulleiter Anger. Dazu gehöre auch, dass die Schüler die Öffentliche Bibliothek benutzen, einen Leseausweis bekommen – kostenlos. Er selbst habe als Jugendlicher kaum gelesen, gesteht er. Das habe er eigentlich erst später im Studium begonnen.

Mark aus Düsseldorf, Schüler des Einstein-Gymnasiums, geht es derzeit ähnlich wie dem Schulleiter in seiner Jugend. »Ich besitze zwar einige Bücher, aber lese so gut wie nie«, sagt der 13-Jährige. Ihn packe es einfach nicht. Er findet es angenehmer, auf dem Handy Nachrichten zu lesen, als Papier in die Hand zu nehmen. Aber an Herr der Diebe von Cornelia Funke könne er sich gut erinnern. Er schaue sich lieber Serien an – und habe konsequenterweise manche Bücher wieder verkauft.

Die Mitarbeiter der Bibliothek der Liberalen Jüdischen Gemeinde in Hannover haben sich im Lockdown etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Sie haben ihren Buchbestand in einem Katalog aufgelistet, der online einsehbar ist, sodass jeder ihn aufrufen kann. Da die Bibliothek derzeit geschlossen ist, können Interessenten, die sich ein Buch ausleihen möchten, anrufen, und es wird ihnen im Gemeindebüro hinterlegt, erzählt Mitarbeiterin Alisa Bach.

Auswahl Die Bibliothek bietet zu allen jüdischen Bereichen wie Kultur, Religion, Geschichte und Israel Kinder- sowie Jugendbücher an und verfügt über Bücher und andere Medien in deutscher, hebräischer, russischer, englischer und jiddischer Sprache. Das Angebot für Jüngere reicht von Bilderbüchern über Comics und Graphic Novels oder Jugendromanen bis zu Sachbüchern, Siddurim und Haggadot. Auf der Homepage werden außerdem immer wieder Bücher vorgestellt.

Die liberalen jüdischen Gemeinden von Kassel und Freiburg organisieren ein gemeinsames Vorlesesprojekt.

»Aber die Kinder- und Jugendliteratur ist sehr von der Schoa geprägt«, sagt Alisa Bach. Es wäre schön, wenn auch mehr andere Themen aufgenommen würden. Zu den Feiertagen wie Pessach, Chanukka oder Purim werden Rollcontainer mit den entsprechenden Büchern gefüllt und bei Feiern zur Verfügung gestellt, damit die Eltern darauf zugreifen und ihren Kindern vorlesen können.

Vor neun Jahren wurde die Gemeindebibliothek mit rund 1000 Büchern aufgebaut und wachse seitdem kontinuierlich. Mehrere Hundert Ausleihen habe es vor Corona-Zeiten gegeben, von Lehrern, Studenten und Schülern.

Lesungen »Können die Kinder nicht zu den Büchern kommen, bringen wir eben das Programm zu ihnen«, sagt Sarah-Elisa Krasnov, zweite Vorsitzende der Jüdischen Liberalen Gemeinde Emet weSchalom in Felsberg bei Kassel. In der Gemeinde gibt es auch die Benjamin-Bahr-Bibliothek, in der vor Corona häufiger Lesungen für Kinder stattfanden. Sie lieben es, wenn ihnen vorgelesen wird, erklärt Sarah-Elisa Krasnov.

Deshalb habe man sich trotz 500 Kilometern Entfernung zu einem gemeinsamen Projekt mit der liberalen Gemeinde aus Freiburg zusammengetan und liest nun gemeinsam online vor – mit großem Erfolg, denn die Kinder fragen immer wieder nach, wann die nächste Stunde geplant sei. Ihre eigenen Kinder sind acht und vier Jahre alt und lesen täglich. »Wenn der neue Bücherkatalog herauskommt, schaue ich die Angebote durch und kreuze an, was wir unbedingt bestellen müssen.« Sie kaufe aber auch viel Second-Hand ein – und hat noch eine Patenschaft in der öffentlichen Bibliothek übernommen.

Lilith freut sich auf die Gedichte von Amanda Gorman, die bei der Amtseinführung von Joe Biden ihr Poem vortrug.

Auch Arthur studiert regelmäßig den Bücherkatalog und markiert, was ihn interessiert. Er ist 14 Jahre alt, aber schon Mitglied der Redaktion Buecherkinder.de. »Ich darf immer ein Buch aussuchen, lese es und schreibe dann eine Rezension«, sagt der Schüler, der ebenfalls das Albert-Einstein-Gymnasium in Düsseldorf besucht. Bereits seit zwei Jahren ist er für die Redaktion im Einsatz. Etwa zwei Bücher schaffe er im Monat. Seine Leidenschaft: Fantasy und Krimis. Zu Pandemie-Zeiten sei es ihm sehr entgegengekommen, sich in eine andere Welt hineinbegeben zu können. Die Charaktere müssen passen und der Inhalt zünden. Die rezensierten Werke darf er behalten – und es sei noch Platz in seinem Schrank, sagt er.

Rebuy »Die, die ich vielleicht noch einmal lesen würde, behalte ich«, sagt Lilith aus Frankfurt. Andere bietet die 16-Jährige, die die elfte Klasse der I. E. Lichtigfeld-Schule besucht, auf reBuy an oder legt sie in eine Bücherkiste. Beispielsweise Krimis, bei denen man dann ja wisse, wer der Täter war. Mit ihren Freunden tausche sie auch Bücher aus, aber sie freue sich immer, wenn sie eines zum Geburtstag geschenkt bekommt. Der Seitenumfang sei für sie unwichtig. »Gerade jetzt zu Corona ist das egal, da lese ich sowieso mehr als sonst«, erzählt Lilith.

Auf ihrem Regal findet man auch Harry Potter–Bände und mehrere Werke von Jane Austen. Zuletzt habe sie die Autobiografie von Coco Chanel geradezu verschlungen, erzählt sie. Im Moment lese sie Corpus Delicti. Ein Prozess von Juli Zeh. »Das passt ja in die jetzige Situation«, meint Lilith. Allerdings sei sie nicht von jedem klassischen Dichter aus vorherigen Jahrhunderten begeistert.

Worauf sie sehr gespannt ist, sind die Werke der Lyrikerin und Aktivistin Amanda Gorman, die bei der Amtseinführung des US-Präsidenten Joe Biden alle in ihren Bann zog. The Hill we Climb: An Inaugural Poem soll demnächst auch in Deutschland zu erwerben sein. Lilith wartet schon gespannt darauf.

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