Porträt der Woche

Von der Kaserne zur Synagoge

Gehört zu den Gründungsmitgliedern der Rostocker Gemeinde: Gianna Marcuk Foto: Frank Hormann / nordlicht

Ich weiß nicht, woher sich meine Oma die Mazze besorgte. Ich kann bis heute nicht sagen, wie sie es ohne Kalender und ohne Gemeinde schaffte, die Feiertage einzuhalten. Und woher sie – ausgerechnet in Moldawien – für sich wusste, wann sie überhaupt zu fasten hatte. Aber ich begriff bereits in meiner kindlichen Naivität, dass meine Oma bewusst als Jüdin lebte und irgendwie stolz darauf war.

Ich dagegen habe mich geschämt. Als wäre es heute, weiß ich noch, wie wir in der Schule im Alter von 16 Jahren während einer Feierstunde den Personalausweis feierlich erhalten sollten. Ich hatte panische Angst. Denn mit dem Vorlesen des Vaternamens Abramowna wäre nun offiziell geworden, was ohnehin die meisten wussten, wofür ich ja schon gehänselt wurde: dass ich Jüdin bin. Also ging meine Mutter zum Direktor und bat ihn inständig, stattdessen meinen zweiten Vatersnamen Arkadi zu verlesen. Sie wollte mich schützen.

Dass ausgerechnet ich dann 1992 in Rostock zu den 27 Gründungsmitgliedern der Landesgemeinde gehörte, mag deshalb paradox klingen. Schließlich hatte die Religion zu Hause kaum eine Rolle gespielt. Aber diese Gründung, von der wir nicht genau überblickten, was wir da taten, bildete den vorläufigen Schlusspunkt dramatischer Monate in meinem Leben.

DDR Geboren wurde ich 1966, ich war zur Wendezeit also noch sehr jung. Da mein Mann im Ural zum Offizier ausgebildet wurde, lebte ich eine Zeitlang dort mit ihm und studierte: Metallurgie, was immerhin sichere Arbeit versprach. Schließlich wurde mein Mann in die DDR abkommandiert. Das war eine Art Privileg.

Wir lebten mit unserer Tochter Alisa Ende der 80er‐Jahre in der Garnison Wustrow bei Rostock. Ich arbeitete als Einkäuferin für die Kasernengeschäfte, fuhr also durch Mecklenburg und besorgte Fleisch, Wurst und Gemüse. Als dann 1989 die Wende und die Demonstrationen begannen, da verstanden wir eigentlich nicht, was die Deutschen wollten. Wenn man die Verhältnisse mit denen in der Sowjetunion verglich, dann war die DDR das Paradies.

Mein Mann sollte bis zum Abzug der Armee 1994 bleiben und als einer der Letzten heimkehren. Wir hatten ein paar deutsche Freunde, mit denen wir ohne Genehmigung privat verkehrten. Wir trafen uns und feierten, sie nahmen mich heimlich sogar nach Bremen mit, wo ich sprachlos vor Staunen im Kaufhaus stand. Insgesamt aber war es völlig unpolitisch.

Doch 1992 wurde ich eines Tages in den Garnisonsstab zu einem Verhör beordert. Man überzog mich mit Vorwürfen des Verrats, der geplanten Flucht, dass ich dem »Gegner« zuarbeiten würde. Wir sollten also sofort nach Hause abkommandiert werden, ich zuerst. Man nahm mir den Pass ab, ein KGB‐Offizier sollte mich im Zug bis an die weißrussische Grenze begleiten. Auf dem Bahnhof schließlich sagten meine deutschen Freunde, die zur Verabschiedung gekommen waren: Los, lass uns wegrennen … Und ich lief.

Deserteurin Heute hätte ich nie den Mut dazu, aber ich war damals 25. Nach der Flucht durch die Bahnhofsunterführung besaß ich plötzlich nichts mehr, außer der Geburtsurkunde in der Handtasche. Meine Tochter war gerade im Urlaub bei meiner Mutter in Moldawien. Mein Mann bekam unendlichen Ärger und musste sofort zurück.

Der gesamte Hausrat kam in einen Container. Ich wurde tagelang von meinen Freunden versteckt, und da erst kam diese unendliche Angst: Die Armee suchte mich fieberhaft als Deserteurin, in der Kaserne war die Hölle los. Für mich war es schwierig mit einem Asylantrag – bis schließlich jemand zu mir sagte: Als Jüdin darfst du in Deutschland bleiben. Ich war also ein Kontingentflüchtling im wahrsten Sinne des Wortes. Nun lebe ich schon das 20. Jahr in Rostock.

Die Rückbesinnung auf den Glauben, das intensive Feiern unserer Feste, die Gemeinschaft mit anderen hat mir damals Halt gegeben. Vieles am Judentum habe ich ja neu entdeckt. Ich war trotzdem sehr allein. Sprachkurse können eine Familie nicht ersetzen. Doch irgendwann konnte ich meine Tochter holen, und auch meine Mutter und mein Mann kamen endlich nach Rostock. Im Jahr 2000 wurde unsere zweite Tochter geboren, Lea.

Aber wie das im Leben so ist: Wenn du denkst, jetzt ist das Glück da, und du lässt es nie wieder los, dann passiert es. In diesem Fall hieß die Diagnose Krebs. Mehr als ein Jahr haben wir meinen Mann gepflegt, bis ins Jahr 2007 hinein. Es gibt Augenblicke, in denen ich glaubte, verzweifeln zu müssen. Aber ich bin immer nur an mir, nie an Gott verzweifelt. Lea, die Kleine, und auch Alisa, die heute in Stendal Psychologie studiert, hat das natürlich sehr verändert. Beide haben alles sehr bewusst erlebt und sind dadurch reifer geworden. Aber ohne die Hilfe der Gemeinde hätten wir das alles nicht bewältigt.

Sozialarbeit Die Gemeinde ist für mich zunehmend wichtiger geworden. Eine Zeitlang war ich dort als Sozialarbeiterin tätig, eine Weile habe ich als Selbstständige versucht, Zuwanderer bei der Existenzgründung zu begleiten. Nun bin ich seit vier Jahren für die Zentrale Wohlfahrtsstelle die Leiterin der Außenstelle Mecklenburg‐Vorpommern. Viel in Rostock, Schwerin und Wismar unterwegs, kümmere ich mich um die kleinen und großen Sorgen der Juden. Das reicht von der Begleitung der Schoa‐Überlebenden bis hin zum Kampf für die korrekte Anrechnung der russischen Rentenansprüche: für die Betroffenen ein Riesenproblem. Aber es geht auch darum, einfach zuzuhören und da zu sein.

Dass die rechtsextreme NPD bei uns nun auch im neuen Landtag sitzt, ist bitter. Umso mehr sehe ich mich jedoch bestätigt, wenn ich mich in Netzwerken gegen Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus engagiere, so im Migranet. Nicht zuletzt resultiert diese Angst vor einem Klima, das die NPD verbreitet, auch daraus, dass vor Jahren etliche Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof umgeworfen wurden – darunter der meiner Mutter. Dieser Schock sitzt tief.

Rostock und das Land sind viel zu schön, um sie den Braunen zu überlassen. Gerade erst haben wir am Rand der Stadt ein Haus gebaut. Mein Freund, mit dem ich jetzt seit drei Jahren zusammenlebe, ist gebürtiger Ukrainer und heute Polizist. Dieser Hausbau hat uns alles abverlangt. Wir kennen inzwischen jeden Baumarkt und jedes Gartencenter rings um Rostock. Kürzlich habe ich im Garten 50 Sträucher gepflanzt, was am Rücken nicht spurlos vorbeigeht.

Zumba Meine Therapie dagegen heißt Zumba. Das ist ein neuer Trend aus Amerika, eine Art Aerobic mit lateinamerikanischer Musik. Seit einiger Zeit gehe ich wöchentlich hin, genauso wie ich regelmäßig schwimme. Das ist ein guter Ausgleich, wenn man viel unterwegs ist und viel Papierkram zu erledigen hat. Doch leider kommt das Lesen zu kurz. Ich habe deshalb ein gutes System entwickelt: Ich höre Hörbücher – selbst bei der Hausarbeit.

Es ist gar nicht so einfach, Haushalt, Job, Familie und die Arbeiten am neuen Haus unter einen Hut zu kriegen. Lea mit ihren elf Jahren macht sich zwar morgens bereits selbst fertig, aber wenn ich am Abend heimkomme, gibt es immer viel zu tun. Noch dazu, wenn man wie ich jetzt noch einmal eine Ausbildung begonnen hat: zur Sozialbetriebswirtin. Ich glaube, dass mir der Abschluss im Job viel helfen kann.

Ja, die Arbeit macht mir Spaß. Das ist so eine Tätigkeit, von der ich mir vorstellen könnte, damit alt zu werden. Ich kann sehr frei arbeiten, mir alles einteilen, das Vertrauen in mich ist groß. Und auch sonst geht es mir heute besser denn je. Ich habe das Gefühl, in mir zu ruhen. Es ist schwer zu beschreiben, aber die Ursache dafür ist zum Teil auch mein Judentum. Ich kann endlich stolz auf etwas sein, was ich früher verleugnet habe, verleugnen musste. Endlich habe ich eine Identität.

Aufgezeichnet von Steffen Reichert

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