ZWST

Von den Jungen lernen

Am Seminar nahmen Gemeindemitarbeiter und Leiter der Sozialabteilungen teil. Foto: Rafael Herlich

Der Bedarf ist enorm. Spätestens seit dem coronabedingten Lockdown, als Menschen sich kaum noch physisch begegnen konnten und durften, haben digitale Medien und Kommunikationstools stark an Bedeutung gewonnen. Doch besonders Hilfsbedürftigen, also etwa Senioren oder Menschen mit Behinderung, fällt der Umgang mit digitalen Technologien oftmals schwer.

Derzeit erreichten viele Anfragen die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), diejenigen zu schulen, die mit Senioren arbeiten, berichtet Irina Rosensaft, Leiterin der ZWST-Stabsstelle Digitale Transformation.

Trainer Es gehe beispielsweise um Mitarbeiter und Leitungen der Sozialabteilungen oder Ehrenamtliche, die in sozialen Diensten tätig sind. Mit dem Seminar »Train the Trainer« möchte die ZWST Abhilfe schaffen. »Wie bringe ich es anderen bei?« – so könnte die Leitfrage der Fortbildung in Frankfurt lauten. Finanziell unterstützt wird das Projekt Digitale Transformation vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

»Wir trainieren diejenigen, die später anderen Hilfestellung im digitalen Bereich anbieten sollen«, erläutert Rosensaft das Ziel des Seminars. Zehn Männer und Frauen aus dem gesamten Bundesgebiet im Alter von 20 bis etwa 70 Jahren nehmen teil. Es seien Menschen, die sich für das Thema Digitalisierung interessieren und bereit sind, ihre Kenntnisse weiterzugeben, sagt Rosensaft. Sie seien teilweise schon ehrenamtlich oder hauptamtlich in den Gemeinden aktiv.

Analog Die analogen Lebensrealitäten der Zielgruppe stehen im Mittelpunkt des ersten Seminartags. »Wen wollen wir trainieren, für wen machen wir das und warum?«, so formuliert Irina Rosensaft grundlegende Fragen, die die Fortbildung einleiten. Einblicke in ihre Praxis der Arbeit mit Senioren und Hilfsbedürftigen bieten Esti Petri-Adiel, Leiterin des Frankfurter ZWST-Treffpunkts für Schoa-Überlebende, und Andrew Steiman, Rabbiner des Senioren- und Pflegeheims der Henry-und-Emma-Budge-Stiftung.

Vielen Heimbewohnern fehlt während der Corona-Pandemie der Kontakt zu ihren Angehörigen.

Ein Nachteil der Corona-Zeit sei der fehlende Kontakt der Heimbewohner zu ihren Angehörigen, sagt Steiman. Einerseits berichtet er von Senioren, die sich gegenseitig digitale Kommunikation beibringen. Bezüglich des Internets und digitaler Medien habe er andererseits ingesamt aber eher »Misstrauen, Ängste und Scheu« beobachtet. »Man muss ihnen die Angst nehmen«, betont der Rabbiner. Es sei wichtig, auf die Bedürfnisse älterer Menschen einzugehen.

»Der Treffpunkt blieb von einem Tag auf den anderen geschlossen«, erinnert Esti Petri-Adiel an die Auswirkungen der Corona-Maßnahmen. Auch Hausbesuche konnten nicht mehr stattfinden. »Das war ein Schock«, sagt Petri-Adiel. Ein Großteil der Menschen, die regelmäßig zum Treffpunkt kommen, wohnen allein, und ihre Familien leben oft im Ausland. Mittlerweile finden im Treffpunkt wieder Kurse in kleineren Gruppen statt. Und statt der Hausbesuche gibt es »Türbesuche«, bei denen die Wohnung nicht betreten werde.

Digital Dank einer ZWST-Initiative habe man überdies viele Tablets bekommen, sagt Petri-Adiel. Doch der Umgang mit den Geräten und den dazugehörigen digitalen Tools falle vielen älteren Menschen schwer: »Das ist eine neue Sprache, eine neue Welt.« Petri-Adiel rät, sie nicht mit zu vielen Apps zu überfordern, und bestätigt Steimans Beobachtung: »Die Senioren sind ängstlich.«

Wie lässt sich die analoge Lebensrealität von Senioren digital verbessern?

Wie kann man diese noch sehr analoge Lebensrealität von Senioren und Menschen mit Unterstützungsbedarf verbessern? Die vielfältigen digitalen Möglichkeiten und ihre Umsetzung prägen den zweiten Seminartag. Zunächst stellt Irina Rosensaft Trends vor, die heute oder in der Zukunft den Alltag und die Kommunikation erleichtern könnten. Sie berichtet beispielsweise vom »Smart Home«, in dem Haushaltsgeräte miteinander vernetzt sind und Routineabläufe übernehmen können.

Auch Künstliche Intelligenz könne Hilfestellung bei Routineaufgaben leisten. Rosensaft stellt zudem Sprachassistenten vor, die Bestellungen übernehmen, aber auch als Übersetzer und Kommunikations-
werkzeug agieren können. Sie erzählt von Bewegungsmeldern, die im Fall eines Sturzes Hilfe anfordern, sowie von digitalen Messgeräten für Vitalwerte, wichtig vor allem für Menschen, die alleine leben.

Die Kommunikationstechnik ist jedoch nur ein Aspekt ihrer Präsentation. »Im Grunde ist vieles möglich«, betont Rosensaft. Es werde aber Zeit vergehen, bis diese Möglichkeiten der breiten Masse der Senioren und Menschen mit Unterstützungsbedarf zur Verfügung stehen werden. Und manches werde sich im Alltag womöglich nicht bewähren. Rosensaft ist jedoch sicher: »Diese Technologisierung ist nicht mehr aufzuhalten.«

In einem zweiteiligen Workshop befassen sich die Teilnehmer anschließend mit digitalen Tools für Kommunikation, Unterhaltung und Hilfe im Alltag sowie mit ihrer Vermittlung. Constantin Schmutzler, Gründer und Geschäftsführer der »Berlin Startup School«, stellt Vor- und Nachteile von Kommunikations-Apps vor. »Es gilt, für jede Situation das richtige Tool zu nutzen«, betont Schmutzler. So ordnet er Facetime und WhatsApp als spontan nutzbare Apps ein, während Skype, Whereby und Zoom eher nach Verabredung genutzt würden.

Sprachsteuerung Schmutzler ist überzeugt davon, dass vor allem das Thema der Sprachsteuerung zunehmend relevanter werden wird. Er geht zudem auf die Möglichkeiten des digitalen Medienkonsums mit Apps wie Spotify oder YouTube ein. Bei den anschließenden Didaktikübungen können die Teilnehmer in die Rolle eines Senioren oder eines Menschen mit Unterstützungsbedarf schlüpfen. Dabei sind, so Rosensaft, Tempo, Beweglichkeit, Konzentrationsfähigkeit und Vorkenntnisse wichtige Faktoren – sowie das Gerät, auf dem man arbeitet.

Multiplikatoren-Training und Vermittlung digitaler Kompetenzen – die Anliegen des Seminars »Train the Trainer« bleiben der ZWST auch künftig erhalten, sagt Irina Rosensaft resümierend. Sie hofft, entsprechende Schulungen in den Gemeinden offerieren zu können. »Aber auch auf den Seniorenfreizeiten oder bei fachlichen Seminaren für die Sozialabteilung werden wir das Thema Digitalisierung mit anbieten«, kündigt Rosensaft an.

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