Planung

Vierte Reihe links

Ordnung: Eine Platzkarte zu besitzen heißt, wissen, wohin man gehört. Foto: Mike Minehan

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Vierte Reihe links

Manch einer sichert sich schon jetzt seinen Sitzplatz für die Hohen Feiertage

von Lukas Dreifuss  26.07.2010 13:57 Uhr

Am ersten Abend von Rosch Haschana taucht man Apfelschnitze in Honig – auf dass das kommende Jahr ein süßes werde. Doch vor dem fröhlichen Dippen steht bei vielen der Synagogenbesuch auf dem Programm. Auch zahlreiche Juden, die nicht zum Kreis der regelmäßigen Beter zählen, lassen sich an den hohen Feiertagen im Gebetshaus blicken, sodass dieses an Rosch Haschana und Jom Kippur so voll ist wie sonst nie im Jahr. Nur wer sich einen Synagogenplatz kauft, hat einen sicher.

RESERVIERT Synagogenplätze zu kaufen hat in Deutschland in vielen Gemeinden eine lange Tradition, auch in der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf. Diese schaltet jeweils vor den Hohen Feiertagen eine Anzeige im Gemeindeblatt und macht so auf den Verkauf von Sitzgelegenheiten aufmerksam. Der Großteil der Plätze – einer kostet zwischen 30 und 80 Euro pro Jahr –ist ständig verkauft. Einen zu besitzen lohnt sich vor allem an den Hohen Feiertagen. »Dann ist die Synagoge häufig überfüllt, unter anderem weil wir viele Gäste aus der ganzen Welt beherbergen«, sagt Polina Ivanova, Mitarbeiterin der Verwaltung der Düsseldorfer Gemeinde.

Die Synagogen-Gemeinde Köln macht bereits die jungen Mitglieder mit dem Konzept des persönlichen Platzes vertraut: Sie bietet allen, die eine Bar- oder Batmizwa machen, ab dem Tag ihrer religiösen Mündigkeit kostenlos für ein Jahr einen festen Synagogenplatz an. Allerdings ist es hier in Köln auch möglich, den Sitzplatz nur für Rosch Haschana, Jom Kippur und Sukkot zu kaufen. »Für das Neujahrsfest in diesem Jahr haben wir schon Anfragen aus Australien und Südafrika erhalten«, sagt Benzion Wieber, Geschäftsführer der Gemeinde. Den Ansturm über die Herbstfeiertage könne man ganz gut bewältigen, weil viele Leute auch zu den Gottesdiensten in die Begegnungszentren in Porz und in Chorweiler kämen. »Diese sind vor allem bei Mitgliedern aus den ehemaligen Ländern der Sowjetunion beliebt«, erzählt der Geschäftsführer.

Die Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg in Stuttgart (IRGW) schreibt die Mitglieder, die im Vorjahr einen Platz gekauft hatten, jeweils vor Rosch Haschana an und bittet sie, ihren Beitrag für die Sitzgelegenheit und das folgende Jahr zu bezahlen. »Wenn wir von ihnen nichts hören, nehmen wir an, dass sie nicht interessiert sind, und stellen den Platz anderen Gemeindemitgliedern zur Verfügung«, erklärt Eve Warscher, Mitarbeiterin der IRGW. Die meisten Inhaber eines festen Platzes behalten diesen für viele Jahre und bringen auch ein Schildchen mit ihrem Namen darauf an.

VERKAUF Manchmal sind jedoch auch fremde Besucher zu Gast und setzen sich versehentlich auf einen Platz, der ihnen nicht gehört. Dann bittet sie der jeweilige Besitzer, sich einen anderen zu suchen. »Im Großen und Ganzen geht’s aber sehr zivilisiert zu«, sagt Warscher schmunzelnd. Mit dem Ansturm an den Hohen Feiertagen kommt die Stuttgarter Gemeinde ganz gut zurecht: »Normalerweise gibt es genug Plätze für alle. Bei den Frauen kann es vorkommen, dass man zusätzliche Stühle hinstellen muss.«

Einbußen durch die Wirtschaftskrise hatte die Gemeinde laut Warscher nicht zu verbuchen. »Die hatte keinen Einfluss auf den Verkauf von Synagogenplätzen«, sagt Warscher. Die Preise seien auch seit vielen Jahren gleich geblieben. Bei den Frauen kosten die besten Plätze, diejenigen ganz vorne, 26 Euro, die günstigsten ganz hinten kosten 13 Euro pro Jahr. Bei den Männern sind die Sitzgelegenheiten für 39, 26 und 11 Euro pro Jahr zu haben. Nicht alle Gemeinden verkaufen ihre Sitzplätze. Unter anderem die Jüdische Gemeinde Schwerin verzichtet darauf. Dort sind die Beter, die jeden Schabbat in die Synagoge kommen, auch an den Feiertagen die ersten im Gotteshaus und können dadurch auf ihren angestammten Sitzen Platz nehmen. Für alle anderen gibt es genügend Sitzmöglichkeiten.

Keine Nachfrage Auch die Jüdische Gemeinde zu Dresden verkauft keine Synagogenplätze, weil dafür gar keine Nachfrage besteht. »Unsere Synagoge ist groß genug und bietet 350 Betenden Raum«, sagt Nora Goldenbogen, die Vorsitzende der Dresdner Gemeinde. »Nur wenn wir öffentlich zugängliche Gottesdienste durchführen, gibt es Platzprobleme.« Auch wenn das neue Jahr süß und erfolgreich ist und in der Brieftasche genug Euros für einen Synagogenplatz stecken, kann man in Köln nicht jeden Platz erwerben: Ein Sitz ist exklusiv für den israelischen Botschafter und drei weitere für Botschaftsangehörige reserviert – natürlich in der ersten Reihe.

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