Köln

Vielfalt am Rhein

Premiere des Kinderchors unter Leitung von Kantor Mordechai Tauber Foto: Constantin Graf Hoensbroech

»Wir fragen, und wir werden gefragt.« Mit diesem kurzen Satz brachten Bettina Levy und Felix Schotland eine Erfahrung aus dem vergangenen Jahr zum Ausdruck: Die Synagogen-Gemeinde Köln (SGK) ist Teil der Stadt, sie begleitet die Gesellschaft, bringt sich ein und leistet auf den verschiedensten Ebenen mit anderen Akteuren gemeinsame Arbeit. Beispiel Flüchtlinge aus der Ukraine: Hier konnte die SGK schnell und durch unbürokratisches Handeln einen großen Beitrag leisten.

Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker hob dies später denn auch in ihrer Ansprache eigens hervor: Die »ermutigende Selbstverständlichkeit«, mit der sich die SGK um jüdische Flüchtlinge bemüht hat, sei sehr hilfreich gewesen, »denn als Stadt waren wir einige Wochen am Rande der Leistungsfähigkeit«. Ein weiteres Beispiel für das gute Gelingen von gemeinsamer Arbeit sahen Levy und Schotland beim Blick auf die Gemeinde selbst: »Die SGK wächst langsam und beständig, der Wunsch nach Gemeindeleben und jüdischer Identität sowie dem lebendigen Gestalten von Traditionen wird immer deutlicher.«

Eröffnung Doch die beiden Vorstandsmitglieder blickten in ihrer abwechselnd moderierten Eröffnung des traditionellen Jahresempfangs auch zurück, genauer gesagt auf das Köln unter dem Hakenkreuz. Auf der großen Leinwand wurde den Gästen der Synagoge das Foto eines antisemitischen Karnevalswagens aus dem Kölner Rosenmontagszug in der Zeit des Nationalsozialismus gezeigt. »Köln handelte erstaunlich schnell, die Kölner Nationalsozialisten gingen kurz nach der Machtübernahme gegen Juden vor«, erklärte Schotland vor dem Hintergrund eines weiteren Fotos, das ein zwischen zwei Häusern gespanntes Banner mit der Aufschrift zeigte: »Die Kolumbastraße ist frei von jüdischen Geschäften«.

»Sitzen wir heute noch auf gepackten Koffern?«, fragte Bettina Levy, und Felix Schotland antwortete: »Eigentlich sind wir mittlerweile angekommen, unsere Kinder haben gar keinen Koffer mehr, sie feiern Purim und Karneval.« Doch nach einer kurzen Sprechpause ergänzte er: »Leider zeigt uns der Alltag oft ein anderes Bild.«

Der Appell der Vorstände an die Festgesellschaft: »Wir müssen miteinander sprechen, auch widersprechen, in Dialog und Bildungsarbeit investieren – gemeinsam gegen Antisemitismus, Rassismus und Gewalt arbeiten.« Das passte gut zum Motto des Jahresempfangs – »Wir sind Vielfalt« – und stellte unweigerlich die Frage in den Raum, wie Vielfalt denn wirklich gelingen könne.

Antisemitismus Die Kölner Oberbürgermeisterin knüpfte daran an und dankte der SGK für ihre vielfältigen Beiträge. Sie stellte aber auch fest: »Wir haben die bedrohliche Präsenz des Antisemitismus, während dagegen der Aufstand der Anständigen eher bescheiden ausfällt.« Es könne nicht sein, dass Antisemitismus vielfach achselzuckend hingenommen werde. Als Oberbürgermeisterin wolle sie als verlässliche Partnerin ihre Bemühungen gegen Antisemitismus verstärken.

Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul mahnte, dass es mit Sonntagsreden oder Erinnerungen an die Gräuel des Holocaust nicht getan sei. »Das ist zwar eine wichtige Säule, aber genauso wichtig ist gelebte Verlässlichkeit.« Jeder müsse mit offenen Augen durch die Gesellschaft gehen und reagieren, wenn es erforderlich sei. »Wir dürfen nicht nachlassen, die gesellschaftliche Vielfalt zu erhalten, damit es eine gute Zukunft gibt.«

Garant hierfür sei der demokratische Rechtsstaat, der Geborgenheit und Sicherheit gewährleiste. Er könne sich jedenfalls nicht damit abfinden, dass in Deutschland jüdische Schulen oder Kindergärten geschützt werden müssten oder er durch eine Sicherheitsschleuse gehen müsse, um in eine Synagoge zu gelangen. »Das beschämt mich.« Reul sicherte zu, dass die Polizei ihren Aufgaben gegenüber jüdischen Einrichtungen verlässlich nachkommen werde.

»Ich liebe diese ungezwungene Vielfalt und Atmosphäre.«

Jürgen Becker, Kabarettist

Abschließend betonte Gemeinderabbiner Yechiel Brukner, dass es die Anerkennung und Vielfalt unserer Kinder sowie der funktionierende Dialog zwischen den Generationen sei, um leidenschaftlich Vielfalt zu leben. »Die Vermittlung und Besinnung auf die Werteskala, die wir von unseren Vorfahren geerbt haben, ist Aufgabe von Vater und Mutter in den Familien, aber auch eine Aufgabe der gesamten Gemeinde.«

Da passte es im wahrsten Sinne gut ins Bild, dass Bettina Levy und Felix Schotland ihre Vorstandskollegen Michael Rado und Abraham Lehrer am Ende der Feier ebenso nach vorne baten wie sämtliche Gemeindevertreter. Jeder von ihnen überreichte einem der Sänger aus dem Kinderchor ein Geschenk.

Denn mit dem ersten Auftritt des Chores, bestehend aus den Jungen, die sich gerade auf ihre Barmizwa vorbereiten, gab es unter Leitung von Kantor Mordechai Tauber zudem noch eine Premiere.

Empfang In diesem Sinne hochgestimmt, verließen die Gäste die Synagoge, um beim anschließenden Empfang im Gemeindesaal miteinander ins Gespräch zu kommen. Vertreter des nordrhein-westfälischen Landtags, des Deutschen Bundestags sowie des Rats der Stadt Köln waren ebenso gekommen wie Vorstände und Geschäftsführer aus jüdischen Gemeinden und Landesverbänden.

Die Evangelische Kirche war mit Stadtsuperintendent Bernhard Seiger vertreten. Von der Katholischen Kirche kamen Weihbischof Rolf Steinhäuser sowie Dompropst Guido Assmann. Polizeipräsident Falk Schnabel war mit seiner Stellvertreterin Miriam Brauns vor Ort. Die Justiz war mit dem Leitenden Oberstaatsanwalt Joachim Roth sowie Landgerichtspräsident Roland Ketterle zugegen.

Auch der ehemalige NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, die Vorsitzende der Landschaftsversammlung des Landschaftsverbands Rheinland, Anne Henk-Hollstein, Konrad Adenauer, Präsident des Kölner Haus- und Grundbesitzervereins und Enkel des gleichnamigen ehemaligen Bundeskanzlers, sowie Werner Wolf, Präsident des Fußball-Bundesligisten 1. FC Köln, waren Gäste beim Jahresempfang. Jürgen Becker, weit über Köln hinaus bekannter Kabarettist, der kurz vor der Corona-Pandemie in der SGK aufgetreten war, kommentierte anerkennend: »Ich liebe diese ungezwungene Vielfalt und Atmosphäre.« Er sollte recht behalten.

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