Raubkunst

Vieles ist noch ungeklärt

Der Senat fördert auch 2021 die Provenienzforschung – besonders bei Büchern

von Christine Schmitt  31.01.2021 08:14 Uhr

Bibliotheksbestände werden nach NS-Raubgut durchforstet. Foto: imago images / Jakob Hoff

Der Senat fördert auch 2021 die Provenienzforschung – besonders bei Büchern

von Christine Schmitt  31.01.2021 08:14 Uhr

Es gibt immer noch viel zu tun. Und der Berliner Senat greift weiter in die Tasche, um die Provenienzforschung finanziell zu fördern. Auch 2021. Das geht aus der Presseerklärung zum »Zweijahresbericht über die Umsetzung der Gemeinsamen Erklärung zum Umgang mit NS-Raubgut von 1999« hervor.

Der 47 Seiten umfassende Bericht dokumentiert die Forschung in Berliner Museen, Bibliotheken und Archiven und vermittelt »ein bemerkenswertes Bild über die Bandbreite der Forschung, ihre Entwicklung und ihre Komplexität«, so Kultursenator Klaus Lederer.

Zum ersten Mal werden auch die Forschungsfelder zum NS-Raubgut an den Berliner Unis sowie private Provenienzforschungsprojekte in der Hauptstadt vorgestellt. Der Haushaltsplan 2020/21 stellt nun zusätzliche Mittel für die Einrichtung unbefristeter Stellen für die Forschung bereit.

ERINNERUNGSARBEIT Seit zehn Jahren fördert die Senatsverwaltung für Kultur und Europa Projekte zur systematischen Prüfung von Einzelobjekten und Sammlungen. Sie leisten einen bedeutenden Beitrag zur Erinnerungsarbeit, teilt Lederer mit. »Es geht nicht nur um die Rekonstruktion und Entdeckung verschollener Sammlungen und Objekte, sondern auch um die Rückgewinnung vergessener Namen, Biografien und Einzelschicksale – der Schicksale von Menschen, die verfolgt, gedemütigt, vertrieben und ermordet wurden«, heißt es in der Presseerklärung.

Die Ergebnisse dienen so auch dem Berliner Gedenken der in Vergessenheit geratenen Familien und ihrer Schicksale. Überprüft wurden unter anderem Kunstwerke, Briefmarkensammlungen (Museumsstiftung Post und Telekommunikation), Möbel, Motorräder und Autos (Stiftung Deutsches Technikmuseum) – und natürlich Bücher.

Überprüft werden auch Briefmarkensammlungen, Möbel, Autos, Motorräder.

Damit kennt Stephan Kummer sich bestens aus. Jahrelang widmete sich der Judaist und Historiker bei der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum dem Bibliotheksbestand. »Es war sehr spannend und glich einer Detektivarbeit«, sagt er. 8500 Bände von Titeln, die vor 1945 publiziert wurden, machen den Bestand aus.

Mehr als 2500 Werke sind in hebräischer und jiddischer Sprache verfasst. Dieser Altbestand setzt sich aus umfangreichen Schenkungen zusammen: von der Berliner Stadtbibliothek, der Staatsbibliothek zu Berlin, privaten Nachlassgebern. Dem Centrum Judaicum wurden diese Exemplare in den 90er-Jahren als Aufbauhilfen für die Stiftungsbibliothek und in dem Wissen übergeben, dass viele Werke jüdische Vorbesitzer hatten und somit unter NS-Raubgutverdacht standen. Ebenso stammen etliche aus dem Altbestand der Ost-Berliner Jüdischen Gemeinde.

8500 Bände haben Stephan Kummer und eine frühere Mitarbeiterin geprüft. Das Projekt startete 2011 und wurde vor ein paar Monaten abgeschlossen. Bei 2500 Büchern lag ein eindeutiger Verdacht oder vermuteter Verdachtsfall vor, woraufhin sich Kummer bemühte, die Erben zu identifizieren. »Bei Büchern gibt es mehr einen ideellen als finanziellen Wert.« Etliche Restitutionsverfahren sind mittlerweile abgeschlossen.

WIDMUNG Seine Herangehensweise sah so aus: Zunächst suchte er in den Büchern nach handschriftlichen Einträgen. Ist vielleicht eine Widmung mit Orts- und Datumsangabe vermerkt? Kann man die Handschriften entziffern? So konnte er im Idealfall erfahren, wem das Buch gehörte. Dann recherchierte er im Berliner Gedenkbuch und bei weiteren zentralen Stellen. Hilfreich war es, Hebräisch zu können.

Hinter jedem Buch steht ein Schicksal. Beispielsweise Rabbiner Moritz Moses Kahn (1871–1946). Er hatte sich eine private Bibliothek eingerichtet, die 1939 unter dem Nazi-Regime konfisziert wurde. Er wurde verhaftet, aber dann wieder entlassen, und wanderte ins damalige Palästina aus – seine Bücher blieben in Deutschland, und viele gelangten schließlich ins Centrum Judaicum.

Hinter jedem Buch steht ein Schicksal.

Stephan Kummer fand unter ihnen ein handschriftliches Manuskript von Kahns Dissertation »Targum Threni«, einer Analyse der Klagelieder des Propheten Jeremia, aus dem Jahr 1895. »In einem wunderbaren Zustand.« Er konnte eine Enkelin in Israel ausfindig machen und kontaktierte sie. Sie ließ ihn aber wissen, dass ihr und ihrer Familie die schmerzhaften Erinnerungen an Deutschland so nahegehen, dass sie nichts mehr damit zu tun haben wollte.

ENKEL Er fand schließlich eine von der Familie bestimmte Vertrauensperson, die in Deutschland lebt. Dort sind nun Teile der 60 Bände zwischengelagert. »Vielleicht überlegt es sich die Familie der Enkeltochter ja noch einmal. Die Ururenkel signalisierten großes Interesse an den Büchern«, sagt Kummer.

»Genau auf diese Kontakte zu Überlebenden und ihren Nachkommen, zu Familien, die aus Berlin stammen und heute in aller Welt verstreut sind, legt das Centrum Judaicum als Institution großen Wert«, betont Anja Siegemund, Direktorin des Centrum Judaicum.

Im Falle dieses Projekts handele es sich um ganz konkrete Erinnerungskultur. »Die Korrespondenzen und schließlich die Restituierungen sind für die Familien auch ein bedeutsames Zeichen dafür, dass ihre Geschichte wichtig genommen wird, dass sie relevant ist – auch und gerade in Berlin.«

VERLEGER Ganz anders gestaltet sich der Fall bei Rudolf Mosse. Die Sammlung des Berliner Verlegers umfasste Tausende Bilder, Skulpturen, kunstgewerbliche Objekte, Bücher und Antiquitäten. Mosse gilt als einer der einflussreichsten Akteure der Berliner Wirtschaft im Kaiserreich und in den Anfängen der Weimarer Republik.

Der Verleger starb 1920 im Alter von 77 Jahren. Seine Kunstsammlung ging an seine Tochter und deren Mann. 1933 wurden die Werke eingezogen und im folgenden Jahr vom Berliner Auktionshaus Lepke versteigert. Die Gelder wurden zum Teil veruntreut, und die Erben gingen leer aus, denn sie waren zu diesem Zeitpunkt schon emigriert, erst nach Frankreich, dann in die USA. Ins Mosse-Palais am Leipziger Platz zog der Nationalsozialistische Rechtswah­rerbund. Dessen Vorsitzender Hans Michael Frank wurde später Generalgouverneur in besetzten Polen, er nahm die verbliebenen Kunstwerke einfach mit.

Es befinden sich auch Großobjekte aus den Sammlungen des NS-Funktionärs Hermann Göring aus seinem Landsitz Carinhall in den Museen des Bezirks und im öffentlichen Raum.

Wissenschaftler und die Erbengemeinschaft des Verlegers haben gemeinsam den Verbleib und Entzug der Werke aus der Sammlung des großen Mäzens und Sammlers nach 1933 erforscht und suchten nach den einzelnen Stationen und Wegen bis zum heutigen Standort, um die genauen Verlustumstände während der NS-Herrschaft zu klären.

Im Laufe des Projekts wurde Forschung zu mehr als 1200 Positionen aufgenommen. Zu knapp 200 Werken konnten aussagekräftige Dokumente gefunden werden. 67 Werke wurden eindeutig identifiziert und 21 Werke lokalisiert, so ist es im Bericht festgehalten.

AUKTIONEN Im Stadtgeschichtlichen Museum Spandau ist die Provenienz vieler Objekte weitgehend ungeklärt – und das wird noch einige Zeit so bleiben, denn es stehen derzeit keine Mittel für einen Wissenschaftler zur Verfügung, wie es in dem Bericht heißt. Wahrscheinlich seien hochwertige kunstgewerbliche Objekte aus ehemals jüdischem Besitz auf bislang ungeklärten Wegen in die Sammlungen gelangt.

So seien einige Kunstgegenstände und kunstgewerbliche Objekte der im Museum befindlichen »Sammlung Ehepaar Hammler« von Ernst Hammler auf Auktionen während der NS-Zeit erworben worden. Zudem befinden sich beispielsweise auch Großobjekte aus den Sammlungen des NS-Funktionärs Hermann Göring aus seinem Landsitz Carinhall in den Museen des Bezirks und im öffentlichen Raum. Die genaue Zahl aller möglicherweise zu untersuchenden historischen Objekte könne derzeit nicht genannt werden. Da wird es auch in Zukunft noch viel zu tun geben.

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