Bilanz

Viele gute Taten

»Ich bin beeindruckt und begeistert vom Einsatz der Menschen und von den tollen Projekten, die am Mitzvah Day umgesetzt wurden«, zeigte sich Zentralratspräsident Dieter Graumann überwältigt von der riesengroßen Resonanz des weltweiten Aktionstages für soziales Handeln in den deutschen Gemeinden. »Damit hat jeder Teilnehmer das uralte jüdische Gebot, die Welt ein bisschen besser zu machen, lebendig werden lassen«, erklärte Graumann.

»Am Mitzvah Day wurden auch neue und sicherlich bleibende Verbindungen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Einrichtungen geschaffen. Das ist uns sehr wichtig. Der Zentralrat der Juden wird auch im kommenden Jahr wieder die Einrichtungen dabei unterstützen, am Mitzvah Day für viele Menschen Gutes zu tun«, versprach der Zentralratspräsident. Bundesweit hatten sich rund 2000 Menschen von 50 jüdischen Organisationen in mehr als 120 Aktionen engagiert.

Frankfurt »Dürft ihr Wale essen?«, »Welche Sprachen lernt ihr?«, »Was machen Sie hier mit besonders schlauen Kindern?« Julia Dege hatte viele Fragen. Die pensionierte Ärztin war eine von 20 Gästen, die beim Mitzvah Day auf Einladung der fünften Klassen zum Nachbarschaftsfrühstück in die I. E. Lichtigfeld‐Schule gekommen waren. Neben Brezeln, Kaffee, Hummus und Salat boten die Schüler auch Führungen durch das große Gebäude an. Mit insgesamt 19 Projekten beteiligte sich die Schule am weltweiten Mitzvah Day.

Dieses Engagement sei »ein wichtiger Schritt«, betonte Frankfurts neuer Jugend‐Rabbiner Julian Chaim Soussan: Denn heutzutage dominierten »in der Gesellschaft zwei Mentalitäten: Was geht’s mich an? und Was geht’s dich an?«. Die Sorge und Fürsorge um und für andere sowie für die Umwelt zu fördern, dies war das erklärte Ziel der Lichtigfeld‐Schule. »Wir wollen die Kinder motivieren, sich im Ehrenamt zu engagieren«, erläuterte Religionslehrerin Nurith Schönfeld, die den Tag federführend organisiert hatte. Deshalb standen auch traditionelle jüdische Mizwot, wie das Bikur Cholim, auf dem Programm: Eine vierte Klasse war in zwei Krankenhäusern zu Besuch, um dort Senioren aus dem jüdischen Altersheim Kekse zu bringen und sie zu unterhalten.

Anderen Menschen etwas von der eigenen Zeit zu schenken, um »Hilfe und Freude dorthin zu bringen, wo es nötig ist«, lautete das Motto, das die Schulleiterin Alexa Brum dem Tag gegeben hatte. Und die Schüler waren mit Élan bei der Sache: Die Erstklässler verteilten Herzen aus Kresse, die Schüler aus der zweiten und vierten Klasse brachten selbst gebackene Muffins zu den Reinigungskräften und den Polizisten, die die Schule bewachen. Viertklässler jäteten für den Hausmeister das Unkraut vom Turnhallendach, und die sechsten Klassen kochten für die Mitarbeiter der Jüdischen Gemeinde Marmelade.

Hamburg Auch in der Hamburger Gemeinde gab es Aktionen zum Mitzvah Day. Hier hatten sich das Jugendzentrum der Gemeinde und die Stipendiaten des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk (ELES) gemeinsam überlegt, Spenden für zwei Hamburger Projekte zu sammeln. Zum einen hatten sie die etablierten Hamburger Tafeln ausgewählt, die seit vielen Jahren Lebensmittel für bedürftige Menschen in der Hansestadt sammeln und sie an verschiedene soziale Einrichtungen verteilen.

Das andere Projekt, für das die Stipendiaten sich entschieden haben, ist eines, das gerade die Gemüter der Stadt in Aufruhr versetzt. Es geht um Spenden für die 300 afrikanischen Flüchtlinge, die sich nach ihrer Flucht aus Libyen nun schon seit einem Jahr in der Stadt aufhalten, ohne sicheren Status und ohne offizielle Unterstützung durch die Stadt.

Eine Bürgerinitiative sorgt für Unterkunft in der St.-Pauli-Kirche und die Versorgung der Flüchtlinge, doch besonders im Winter fehlt es ihnen am Allernötigsten: Wasser, Essen und warme Kleidung werden gebraucht. Daher auch die Idee der Regionalgruppe Nord, für dieses Projekt am Mitzvah Day zu sammeln. Deren Sprecher, Benjamin Fischer, erzählt: »Wir haben uns für Lampedusa entschieden, weil wir uns gerne über die Gemeinde hinaus engagieren wollten.« Das sollte vor allem zeigen, dass der Mitzvah Day keine rein jüdische Angelegenheit sein sollte, sondern es auch um Fürsorge und Rücksicht auf andere geht.

Vor verschiedenen Hamburger Supermärkten hofften die Aktivisten auf die Lebensmittel‐ und Kleiderspenden der Hanseaten. Am Grindelhof in der Nähe der Talmud‐Tora‐Schule hatte sich Leitern Xenia Fuchs mit ihrer Gruppe aus dem Jugendzentrum mit einem Bus aufgestellt, um Kleider‐ und Sachspenden entgegenzunehmen.

Trotz winterlicher Kälte war bis zum Nachmittag schon ein ordentlicher Stapel zusammengekommen, in dem man Spiele, Kuscheltiere, Jacken und Decken entdecken konnte. Die Gruppe hatte zuvor schon in der Gemeinde und in der Schule die Werbetrommel gerührt, um möglichst viele auf die Aktion aufmerksam zu machen. Die Stipendiaten freuten sich am Abend erschöpft über eine ganze Autoladung voller Lebensmittel, die sie den Flüchtlingen und der Hamburger Tafel übergeben konnten.

Köln Schon nach wenigen Metern stoßen Ilana (18), Ariella (22), Michael (8) und weitere Jugendliche auf die ersten Stolpersteine. Nach einigen Spritzern Putzmittel und kräftiger Politur leuchten die bronzefarbenen Steine wieder so, dass die darauf eingravierten Namen von jüdischen Bürgern, die Opfer der Schoa geworden sind, gut zu lesen sind. Rund 50 Stolpersteine auf acht Plätzen hat Anton (19), Betreuer im Jugendzentrum der Synagogen‐Gemeinde Köln, herausgesucht, um sie mit den Jugendlichen zu reinigen.

»Die Aktion soll an diese Menschen erinnern und auch ein Dank dafür sein, dass wir heute jüdisches Leben leben dürfen«, erklärt der Betreuer den Einsatz am Mitzvah Day. Erstmals fand dieser Tag jüdischen sozialen Handelns bundesweit statt. Die Idee der Jugendlichen ist ein Beispiel für viele Aktivitäten an diesem Tag, mit denen hilfsbedürftige Menschen unterstützt sowie Einrichtungen und Projekte gefördert werden.

Mehr als 20 Aufgaben an unterschiedlichen Orten koordinierten die für die Organisation und Durchführung verantwortlichen Gemeindemitglieder Chana Bennett, Irina Rabinovitch und Stella Shcherbatova an diesem Tag. Da wurde Spielzeug für eine israelische Hilfsorganisation gesammelt und schön verpackt, es wurden Grußkarten für das Elternheim geschrieben oder Chanukka‐Dekorationen für das Altenheim von den Kindern der Lauder‐Morijah‐Grundschule gebastelt.

Außerdem konzipierten sie für demenzkranke Menschen eine sogenannte Fühlwand, ferner unternahmen sie Hausbesuche für einsame Menschen oder erledigten Arbeiten auf dem jüdischen Friedhof. Schließlich gab es musikalische Darbietungen oder auch interkulturelle Spiele von Makkabi.

»Ich finde es sehr wichtig, sich bei solchen Aktivitäten einzubringen, schließlich sind wir eine große Familie«, sagte Shulamit Jakobi während des Geschenkeeinpackens. Rund 200 Gemeindemitglieder beteiligten sich »mit so viel Liebe, Herzblut und Engagement«, so Chana Bennett. Diese große Resonanz hatten die Verantwortlichen im Vorfeld nicht erwartet. Es wird wohl nicht der letzte Mitzvah Day in Köln gewesen sein.

Düsseldorf Die Gruppe Hatikwa, in der sich die Menschen mit Behinderung aus Düsseldorf und Umgebung regelmäßig treffen, machte aus dem Mitzvah Day gleich eine ganze Woche. »Wir hatten den Aufruf auf der Internetseite des Zentralrats gesehen und gleich beschlossen, uns daran zu beteiligen«, erklärt Melita Neumann aus der Sozialabteilung der Düsseldorfer Gemeinde. Gemeinsam mit Sozialarbeiterin Irina Zelenetska schaute sie sich die Vorschläge an, die der Zentralrat für die Gestaltung eines solchen Tages machte. »Wir haben viele Aktionen mit Hatikwa gemacht, am Ende dann aber auch eine Aktion für die Mitglieder«, erzählt Neumann, während im Saal gerade ein Zauberer das Publikum mit seinen Tricks unterhält. Und neben ihr stehen schon die Musiker, die gleich auf die Bühne sollen.

»Es fing bei den Hausbesuchen an, als wir den Kuchen, den wir gebacken hatten, zu alleinstehenden Menschen brachten. Da haben unsere Mitglieder gemerkt, dass sie trotz ihrer Behinderungen dazu beitragen können, anderen Menschen eine Freude zu machen«, erzählt Neumann. An einem anderen ihrer vielen Mitzvah Days besuchte die Hatikwa das Nelly‐Sachs‐Haus, das Elternheim der Gemeinde. Mit den Senioren haben sie getanzt und gesungen, »und auch da haben sie gemerkt, dass sie anderen Spaß bereiten können«. Gleichzeitig hätten die Menschen mit Behinderung überall das Gefühl gehabt, willkommen zu sein. »Es war ein Geben und Nehmen«, sagt Neumann. Beim feierlichen Abschluss am offiziellen Mitzvah Day standen die Gruppe Hatikwa und ihr Spaß schließlich im Mittelpunkt.

Auf den Bildern von den Ausflügen oder im Leo‐Baeck‐Saal beim Abschlussfest – überall sind nur lachende Gesichter zu sehen. Dass es dennoch Irritationen bei der Finanzierung für die Einladung und Ausflüge gab, verwundert Melita Neumann. Aus dem Budget von Hatikwa allein seien die Aktionen gar nicht zu finanzieren gewesen. »Da hörten wir auch, dass wir Mitzvah falsch verstanden hätten, denn dabei würde es ja nicht um Geld gehen«, erzählt Neumann. Für gute Taten dürfe man keine Gegenleistung erwarten. Bei einem Blick in den Leo‐Baeck‐Saal am Sonntag dürften aber auch die kritischen Stimmen verstummt sein, denn hier wurde deutlich, dass die Düsseldorfer »Mitzvah Days« der Gruppe Hatikwa eine Win‐win‐Situation waren. Ein Geben und Nehmen – von Spaß und Freude.

Unter Mitarbeit von: von Zlatan Alihodzic, Ulrike von Hoensbroech, Rivka Kibel und Moritz Piehler

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