Porträt der Woche

Veteran mit Berliner Schnauze

Rudolf Rosenberg war Unidozent und half Leningradern während der Blockade

von Robert Kalimullin  07.05.2018 12:19 Uhr

»Ich bin russischer und ungarischer Jude – aufgewachsen in Berlin, ausgewandert in die Sowjetunion, zurückgekehrt 1993«: Rudolf Rosenberg (92) Foto: Gregor Zielke

Rudolf Rosenberg war Unidozent und half Leningradern während der Blockade

von Robert Kalimullin  07.05.2018 12:19 Uhr

Geboren wurde ich am 24. Mai 1925 in Berlin. Ich wohnte in der Münzstraße und in der Memhardstraße im Scheunenviertel, Postzustellbezirk C 25, nahe dem Alexanderplatz. Ich habe vieles erlebt, kann mich ganz genau erinnern, wie es vor und nach 1933 in Berlin war.

Ich kann eigentlich sagen, ich hatte eine gute Kindheit. Wir waren sozusagen der Mittelstand. Mein Vater hatte eine Konfektionsschneiderei mit sechs bis sieben Angestellten.
Meine Eltern waren immer sehr beschäftigt, und ich trieb mich allein auf der Straße herum. Ich bin viel mit dem Roller herumgefahren.

Meine beliebteste Route war von unserer Wohnung direkt zum Dom am Lustgarten. Dann gab es in unserem Ortsteil die große Firma Hermann Tietz, später umbenannt in »Hertie«, weil es arischer klingen sollte. Das Warenhaus erstreckte sich von unserem Wohnhaus bis zum Alexanderplatz. So groß war das. Ich ging sehr gerne dorthin und hörte mir Schallplatten an. Eigentlich war das nicht erlaubt. Aber ich trug immer eine Einkaufstasche, als ob ich etwas kaufen wollte. Da hat dann der Wachmann am Eingang nicht gemeckert.

Ich habe dann später auch die ganzen Schilder gesehen mit »Juden raus«, das habe ich alles erlebt. Am 1. April 1933 habe ich gesehen, was die SA getrieben hat. An der Ecke Münzstraße/Grenadierstraße, der heutigen Almstadtstraße, sah man bereits, wie die Juden, besonders die, die man »Ostjuden« nannte, schikaniert wurden. Drei SA‐Männer umringten einen alten bärtigen Juden – jeder hatte ein Streichholz in der Hand – und zündeten seinen Bart an.

fahnen Interessant war natürlich, wie sich das politische Bild in Berlin veränderte. Zu den Wahlen, die es damals sehr oft gab, hängte man die Fahne aus dem Fenster. Mich interessierte immer, wer für welche Partei stimmte. Unser Viertel prägten zumeist rote Fahnen, auch manche von der SPD. Hakenkreuze sah man fast keine. Doch nach 1933 gab es statt der roten Fahnen Hakenkreuze. Manche machten es ganz einfach: Man nähte auf die rote Fahne noch einen weißen Kreis, und es kam ein Hakenkreuz darauf. Ist doch sparsam.

Meine Eltern waren nicht religiös, doch zu den Feiertagen gingen wir in die Synagoge. Ich erinnere mich an das Neujahrsfest Rosch Haschana im September 1935. Wir waren in der Synagoge in der Oranienburger Straße. Ich war stolz darauf, meine Mutter auf der Empore zu sehen. Nach dem Gottesdienst standen die festlich gekleideten Gemeindemitglieder noch einige Zeit unbehindert in Gruppen auf der Straße zusammen. Im Vorfeld der Olympischen Spiele 1936 war das noch möglich.

Politisch war mein Vater nie in einer Partei. Aber er war immer linksorientiert. Ich kann mich gut an den 1. Mai erinnern: Wir gingen immer Unter den Linden entlang, und mein Vater schaute, ob eine rote Fahne auf der Botschaft der UdSSR wehte. Ein ähnliches Fahnenerlebnis gab es später, nachdem wir in die Sowjetunion ausgewandert waren. Die Demonstration zum 1. Mai in Leningrad fand immer auf dem Schlossplatz statt. Um dorthin zu gelangen, wartete unsere Kolonne an der Isaakskathedrale. Links davon stand das deutsche Konsulat – mit Hakenkreuzfahne. »Menschenskind, was ist denn das?«, dachte ich.

moorsoldaten In die Sowjetunion ausgereist sind wir am 10. Dezember 1935. Für Amerika hatten wir nicht genug Geld. Und niemand konnte dort für uns bürgen. Da blieb nur eines übrig, denn mein Vater war gebürtiger Petersburger. Seit 1912 diente er in der russischen Armee, 1916 kam er in ungarische Gefangenschaft. So kam es, dass er meine Mutter kennenlernte. Ich bin also, wenn man so will, 50 Prozent russischer Jude und 50 Prozent ungarischer. Zu Hause bei uns wurde aber nur Ungarisch und Deutsch gesprochen – von Russisch hatte ich keine blasse Ahnung.

Mein Glück war, dass es bis 1937 in Leningrad noch eine deutsche Schule gab. Als Lehrer unterrichteten dort sehr viele Wolgadeutsche – bis 1937. Es ist traurig, was mit ihnen dann geschah. 1937 wechselte ich in eine russische 5. Klasse. Die Klassenlehrerin setzte mich neben den besten Schüler. Sie erlaubte mir, alles von ihm abzuschreiben. Ein Jahr später war ich schon fast der Beste.

Bis 1937 gab es in Leningrad auch das Deutsche Bildungshaus, benannt nach Eugen Leviné, einem der Anführer der kurzlebigen Münchner Räterepublik. Ich bin sehr oft hingegangen, und dort sah ich auch den Sänger Ernst Busch, als er 1937 gemeinsam mit dem Schriftsteller Erich Weinert für einen kurzen Besuch kam, bevor er dann nach Spanien ging. Ich sollte unten auf sie warten und sie dann zur Leitung führen. Ich fange an zu reden mit Ernst Busch, und er sagt: »Du bist ja ein richtiger Berliner Steppke!« Den Auftritt von ihm im Saal werde ich auch nicht vergessen: Bei Dunkelheit, mit einer Taschenlampe in der Hand, nur das Gesicht war beleuchtet, sang er »Wir sind die Moorsoldaten«.

gulag Am 20. Juni 1938 wurde mein Vater in Leningrad verhaftet. Ihm wurde vorgeworfen, er sei ein deutscher Spion. So ein Unsinn! Ein jüdischer Schneidermeister aus Deutschland! Anderthalb Jahre saß er in Leningrad in Einzelhaft. Und von dort aus ging es, das habe ich später erfahren, in den Fernen Osten, hinter den Polarkreis. Er war in diesen Gulags bis 1953, also 15 Jahre lang. Mir war damals nur eines klar: Da waren so viele Leute eingesperrt, ich glaubte, das sei ein Fehler. Für mich waren all die Jahre bis 1953 schwierig. Ich muss aber auch sagen, ich hatte immer Glück. Ich stieß auf sehr nette, ehrliche Leute, die halfen mir immer. Was auffällig war: Stalin starb am 5. März 1953. Am 8. März kam ein Telegramm von meinem Vater: »Ich bin bald zu Hause.«

Der Krieg begann 1941. Zu dieser Zeit war ich in Leningrad in einer Berufsschule. Ich war 16 Jahre alt, wurde also nicht zur Armee einberufen. Aber ich war ein guter Schüler, und, wie damals üblich, war ich natürlich im Jugendverband Komsomol. Der Komsomol delegierte mich in den zivilen Schutzdienst. 1941 und 1942 erlebte ich die Leningrader Blockade. Im Dezember 1941 hörten wir auf der Straße in Lautsprecherdurchsagen, dass der Vormarsch der Deutschen bei Moskau gestoppt wurde. Ich freute mich, ebenso wie alle anderen Leningrader, die dazu noch in der Lage waren.

Traurig ist das Schicksal meiner Familie mütterlicherseits während des Krieges. Meine Großeltern und vier Tanten mit Familien lebten in Budapest. Bis 1935 sind wir manchmal mit meiner Mutter dorthin gefahren. Sie alle, soweit ich davon weiß, mehr als 20 Personen, Tanten, Großeltern, Cousinen, Cousins, sind im August 1944 in Auschwitz umgekommen. Das habe ich aber erst viel später erfahren, als ich schon in Deutschland war. An wen hätte ich mich in Russland wenden sollen?

hochschule Von 1943 bis 1947 arbeitete ich in West‐Sibirien in einem Aluminiumwerk, zunächst als Elektriker, dann als Elektrotechniker. Die Berufsausbildung war sehr kurz, man brauchte Kräfte. Die Zeit habe ich auch genutzt, um die neunte und zehnte Klasse in einer Abendschule zu absolvieren. Mit dem Abschluss immatrikulierte ich mich 1947 am Leningrader Institut für Fremdsprachen, Fakultät Englische Sprache und Literatur.

Von dort wurde ich dann in die zentralrussische Stadt Rjasan geschickt, arbeitete dort an der Hochschule zunächst als Assistent und schaffte es bis zum Lehrstuhlleiter und sogar einige Zeit bis zum Dekan der Fakultät für Fremdsprachen und Geschichte.
Im Rahmen eines Hochschulaustauschs kam ich dann 1968 zum ersten Mal nach Deutschland.

Meine Frau und ich kamen damals am Berliner Ostbahnhof an. Begleitet wurden wir von einem Ehepaar aus Erfurt. Von unserem Hotel in der Friedrichstraße habe ich dieses Ehepaar genau zu dem Haus geführt, in dem wir gewohnt haben: in die Münzstraße 20, im dritten Stock. Sie haben sich gewundert, dass ich das alles gefunden habe.

gemeinde Zwischen 1970 und 1990 pendelte ich alle zwei Monate nach Erfurt, wo ich in der DDR‐Russischlehrer‐Ausbildung tätig war. Hierfür qualifizierte ich mich in einem Semester in Moskau am Puschkin‐Institut, um die Methodik des Unterrichts kennenzulernen. Das hat mir viel Spaß gemacht. Und es hat mir auch sehr geholfen, meine Muttersprache nicht zu vergessen.

Nach einem Besuch in Berlin auf Einladung des Senats waren es dann vor allem meine zwei Töchter, die mich überredeten, nach Deutschland zurückzugehen.

Ich habe gezweifelt, habe den Kindern gesagt: Für mich ist es leicht. Ich bin Rentner. Aber ihr müsst ja von vorne anfangen. 1993 bin ich dann endgültig zurückgekommen. Ich wurde in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin sehr gut aufgenommen. Dort habe ich dann auch bewiesen, dass man selbst Senioren noch eine Fremdsprache beibringen kann: Ich habe Deutsch für russischsprachige Zuwanderer unterrichtet.

Wenn man mich fragt, wie es geht, sage ich immer: Meckern hilft nicht. Und wenn mir jemand sagt, dass ich eine Berliner Schnauze habe, bin ich stolz darauf. Es ist wirklich wahr: Dass ich jetzt wieder in Berlin bin und meinen ständigen Wohnort hier habe, davon hätte ich gar nicht träumen können.

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