Porträt der Woche

Unter die Haut

Myra Brodsky betreibt ein Tattoo-Studio in Berlin-Prenzlauer Berg

von Julia Nikschick  09.07.2013 07:07 Uhr

»Ich möchte in anderen Ländern leben und sie nicht nur bereisen«: Myra Brodsky Foto: Stephan Pramme

Myra Brodsky betreibt ein Tattoo-Studio in Berlin-Prenzlauer Berg

von Julia Nikschick  09.07.2013 07:07 Uhr

Ich bin spießig. Viele denken, dass Tätowierer ein vollkommen verrücktes Leben führen, aber meines sieht sehr normal aus. Ich stehe immer sehr pünktlich auf, so gegen acht Uhr, und frühstücke mit meinem Freund. Da wir beide Vegetarier sind, gibt es morgens meistens Käsetoast. Unser Frühstücksritual darf auch nicht fehlen: eine Dokumentation ansehen, entweder über ein soziales oder weltpolitisches Thema, was gerade aktuell ist.

Mir ist es wichtig, informiert zu sein – noch nicht so exzessiv wie manche anderen Spießer, aber ich bin wohl auf dem besten Weg dahin. Uninformiert zu sein, nicht mit der Zeit zu gehen, das kann ich nicht leiden, sei es in der Weltgeschichte oder in der Kunst. Zum Beispiel könnte ich auch nicht einen Tattoo‐Stil wie in den 90er‐Jahren pflegen, das ist nicht mehr zeitgemäß und modern. Man sollte mit offenen Augen durch die Welt gehen, sich informieren und weiterbilden, sonst bleibt man auf der Strecke, auch beruflich.

ausbildung Meinen eigenen Laden habe ich seit zwei Jahren. Für mein Studium habe ich mein Heimatdorf verlassen und bin nach Berlin gegangen. Ich habe Grafikdesign und Illustration studiert und mir anschließend einen Ausbildungsplatz als Tätowiererin gesucht. Es sollte eine handfeste Ausbildung sein, und das war auch gut, denn neben meinem Job als Tätowiererin arbeite ich auch als Illustratorin, beispielsweise gestalte ich Werbemittel oder ähnliches.

Von meiner Tattooleidenschaft waren meine Eltern am Anfang nicht begeistert. Als Jüdin tätowiert zu sein, war ein Problem für sie. Meine Mutter sah es als etwas an, das nur Penner haben, und konnte sich erst damit anfreunden, als ich anfing, Geld mit meiner Arbeit zu verdienen. Auch heute findet sie es nicht super, aber wir haben ein gutes Verhältnis, das stark von Respekt geprägt ist. Ich achte ihre Meinung, und sie arrangiert sich mit meinem Lebensstil.

Wenn es meine Mutter nicht gäbe, wäre ich sicher schon viel stärker tätowiert. Ich hätte Tattoos auf dem Dekolleté und vielleicht auch auf dem Hals, aber davon hat sie mich bisher erfolgreich abgehalten. Das nächste Tattoo‐Projekt werden jedoch meine Beine, da ist noch viel Platz.

halacha Nicht nur meine Mutter hat mit meiner Leidenschaft zu kämpfen, jeden Tag trete ich von Neuem in diesen Konflikt ein. Dabei geht es für mich nicht unbedingt um die Tatsache, dass ich tätowiert bin. Am Wochenende arbeite ich mit Maschinen und verstoße damit andauernd gegen Tausende Jahre alte Gesetze. Nur wie in jeder Religion ist die Umsetzung der Gebote nicht einfach.

Jetzt habe ich allerdings den Vorteil, in der Nähe einer Synagoge zu arbeiten, das war in meiner Kindheit viel schwieriger. Ich bin im Elsass aufgewachsen, und wir wohnten in einem sehr kleinen Ort, wo wir die Synagoge nur mit dem Auto erreichen konnten – was natürlich verboten war. Allerdings laufe ich auch hier in Berlin nicht jeden Samstag während der Arbeit für zwei Stunden in die Synagoge. Meinem Judentum tut dies aber keinen Abbruch.

Richtige Zweifel hatte ich vor allem in der Pubertät, so wie jeder Jugendliche wahrscheinlich. Mit der Gemeinde unternahmen wir häufig kleinere Ausflüge in der Gruppe. Ich fand es immer schrecklich. Schließlich merkte ich, dass, falls diese Gruppenunternehmungen so ein großer Teil des Glaubens sein sollten, er nicht das Richtige für mich sei. So praktiziere ich mein Judentum heute zurückgezogener, was ich persönlich auch besser finde. Vor allem in Zeiten, in denen Religion ein Trend zu sein scheint.

Wenn ich manchmal Leute kennenlerne, die mir erzählen, sie hätten einen Juden in der Familie und seien deshalb auch jüdisch, ärgert mich das. Sie wissen oft nämlich gar nichts über das Judentum. Dabei ist es doch auch hier wieder sehr wichtig, gebildet zu sein. Man kann sich doch nicht einer Religion zuzählen, die einem unbekannt ist. Es ist eben nicht nur Religion, sondern auch eine Lebensphilosophie.

Zwillingsschwester Wenn ich das Leben im Elsass mit dem in Berlin vergleiche, spüre ich auf jeden Fall im Alltag einen massiven Unterschied. Meine Zwillingsschwester und ich waren die einzigen Juden in unserer Schule und damit leider absolute Außenseiter. Wir wurden ausgegrenzt. Es gab ein paar Kinder, deren Eltern sagten, mit Juden dürfe man nicht spielen. Als Kinder konnten wir es nicht einordnen, erst im Nachhinein erfassten wir die Tragweite dieses Zwischenfalls. Dergleichen war letztendlich auch der Grund, dass meine Schwester und ich mehrfach die Schule wechselten. Der einzige Ort, wo wir darüber sprechen konnten, war der wöchentliche jüdische Religionsunterricht. Dort haben wir uns alles von der Seele geredet.

Berlin dagegen ist fast so etwas wie der europäische Melting Pot. Hier ist es vollkommen egal, welcher Religion oder Gemeinschaft man angehört – was allerdings viele Berliner nicht aus ihrer engstirnigen Kleinbürgerhaltung herausholt.

Das Leben mit einer Zwillingsschwester ist natürlich nicht immer super. Wir entwickelten uns anfangs parallel, was wohl auch der Tatsache geschuldet war, dass unsere Eltern uns stets die gleiche Kleidung gaben. In der Pubertät teilten wir die gleichen Interessen. Meine Schwester ließ sich sogar zuerst ein Tattoo stechen. Später habe ich ihr noch eines gemacht. Als ich aus dem Elsass wegging, veränderte sich unser Verhältnis. Das erste Mal lebten wir nicht mehr zusammen, und so kristallisierten sich auch Unterschiede heraus – wie das bei »normalen« Geschwistern auch der Fall ist. Heute sind wir unabhängiger voneinander.

Wenn ich nicht arbeite, dann gehe ich meiner heimlichen Leidenschaft nach: Trash‐Filme. Ich mag auch moderne Filme, ob gut oder schlecht, aber Trash‐Filme liebe ich. Mein Lieblingsregisseur ist Harmony Korine. Dieses Jahr brachte er leider seinen ersten Hollywood‐Film heraus – Spring Breakers –, der natürlich besser produziert wurde. Seine Filme haben ein ganz eigenes Flair. Er verwendet immer sehr viele Kameras, 24 Stück, von unterschiedlicher Qualität, auch home‐made. Für jede Szene werden mehrere Kameraperspektiven abgefilmt und anschließend ineinandergeschnitten. Ich liebe sie, schaue sie sehr oft in meiner Freizeit und denke auch noch länger darüber nach.

Mich fasziniert diese Dramatik, die man sonst nur in wenigen Filmen findet, und diese gewisse Form von Romantik, die aber nicht perfekt ist. Da fängt fast jede Frau an zu weinen. Würde ich Filme drehen, wären sie eine Mischung aus Korine und Baz Luhrmann. Ziemlich viel Kitsch, aber auch jede Menge Trash. Die meisten Menschen hassen Trash, weil sie glauben, es seien qualitativ schlechte Filme. Regisseure wie Korine und Luhrmann haben aber beide viel Ahnung von Film. Eine Alternative zu meinem jetzigen Beruf wäre Filmemacherin allerdings nicht gewesen, denn ich bin ein vollkommener Technik‐Laie. Aber mein Freund ist Filmemacher, ihm kann ich über die Schulter schauen.

Amerika Wenn ich an die Zukunft denke, merke ich, dass Berlin noch nicht das Ende ist. Als ich vor sechs Jahren hierherkam, spürte ich schon, dass ich mich ein wenig eingesperrt fühle, in Deutschland und in Europa. Ich möchte in anderen Ländern leben und sie nicht nur bereisen. Momentan ziehen mich besonders die USA an, nicht nur weil ich dort viel Familie habe, sondern auch weil mir die amerikanische Mentalität gefällt.

Am liebsten würde ich zunächst für einige Monate nach Amerika gehen, um zu sehen, ob ich mir dort wirklich eine Zukunft aufbauen kann, zusammen mit meinem Freund. Es gibt schon viele Tattookünstler in Amerika, aber ich könnte vielleicht als Gast in einem Studio arbeiten. Wenn ich mich für einen Ort entscheiden müsste, würden wir wohl an die Westküste gehen. Ich war da als Kind oft. Die entspannte Art der Westküstler ist super, dort fühlte ich mich immer wie zu Hause.

Aufgezeichnet von Julia Nikschick

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