Interview

»Unter anderen Vorzeichen«

»Man ist bereit, auch Reizthemen anzusprechen und kritische Töne anzuschlagen«: Rabbiner Henry G. Brandt Foto: DKR

Herr Rabbiner, die »Woche der Brüderlichkeit« ist in die Jahre gekommen. Bald findet sie zum 60. Mal statt. Wie zeitgemäß ist die Veranstaltung heute noch?
Sie ist so zeitgemäß, wie sie immer war – nur unter anderen Vorzeichen. Der Sinn ist heute noch genauso relevant, obwohl sich natürlich die Parameter verschoben haben. Damals schaute man vor allem zurück. Der Schwerpunkt lag auf dem Gedenken und der Aufarbeitung der Schoa. Es ging um ein erstes Kennenlernen des Judentums und darum, Brücken zu bauen. Inzwischen ist viel passiert in der Beziehung zwischen Christentum und Judentum, sodass wir uns heute mehr den gemeinsamen Herausforderungen der Gesellschaft widmen können, aus der Sicht christlich‐jüdischer Werte.

Das Jahresthema heißt diesmal »In Verantwortung für den Anderen«. Wer ist der Andere?
Der Koordinierungsrat hat dieses Thema für das Jahr 2012 gesetzt. Das heißt, in den kommenden Monaten soll jeder für sich eine Antwort auf diese Frage finden. Aus meiner Sicht bin ich des Anderen Anderer. Es geht darum, dass Verantwortung keine Einbahnstraße ist.

Kritiker werfen dem christlich‐jüdischen Dialog seit Längerem Einseitigkeit vor: Es würde in der Regel immer so laufen, dass Juden auf Fragen von Christen antworten. Was ist dran an diesem Vorwurf?
Das war in der Vergangenheit so. Über Jahrzehnte wollten Christen die Geschichte des Judentums kennenlernen. Inzwischen werden die Gesellschaften für christlich‐jüdische Zusammenarbeit ihrem Namen aber immer mehr gerecht – als Ort, an dem Christen und Juden tatsächlich zusammenarbeiten. Die Fragestellungen haben sich verändert, allgemeine gesellschaftliche Themen sind wichtiger geworden. Das zeigt sich auch am Jahresmotto: »Verantwortung für den Anderen« ist keine Frage von Juden an Christen oder umgekehrt, sondern sie wendet sich an die Gesellschaft.

Manche klagen, es gehe beim christlich‐jüdischen Dialog zu stark um theologische Fragen.
Dieser Vorwurf ist nicht gerechtfertigt. Natürlich gibt es diesen theologischen Dialog, aber er findet in Organisationen wie dem Gesprächskreis Christen und Juden beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken statt. In den Gesellschaften für christlich‐jüdische Zusammenarbeit geht es hingegen hauptsächlich um interreligiöse und gemeingesellschaftliche Themen. Wer die Programme durchblättert, sieht, dass es viel weniger theologische Vorträge gibt als Veranstaltungen zu aktuellen sozialen Fragen, zum Beispiel über das Zusammenleben von Bürgern verschiedener Glaubensrichtungen.

Was halten Sie davon, den christlich‐jüdischen Dialog zu einem Trialog mit den Muslimen auszudehnen?
Dieser Vorschlag kommt immer wieder. Ich halte nichts davon, denn es würde zu einer Verflachung führen. Die Gespräche untereinander müssen zwar geführt werden, aber ich glaube, man kann sie nicht miteinander verschmelzen. Es gibt noch zu viele offene Fragen zwischen Juden und Christen.

Welche?
Diese Themen werden weniger in den Gesellschaften für christlich‐jüdische Zusammenarbeit als in Fachgremien oder unter Rabbinern und Bischöfen behandelt. Zu nennen wären da zum Beispiel die Karfreitagsfürbitte und die Piusbrüder. Diese Art Rückschläge in den Beziehungen werden dort diskutiert, und es wird auf sie reagiert. Die Gesellschaften an der Basis nehmen natürlich davon Kenntnis, aber die meisten unserer Mitglieder haben nicht die theologische Ausbildung, um sich in der Tiefe damit zu beschäftigen.

Hat sich die Art, wie der christlich‐jüdische Dialog geführt wird, in den vergangenen 60 Jahren verändert?
Er wird heute viel offener geführt als früher. Man ist bereit, auch Reizthemen anzusprechen und kritische Töne anzuschlagen. Das zeigt sich zum Beispiel in der Diskussion über Israel, die in den vergangenen Jahren etwas schwieriger geworden ist. Die Gesellschaften für christlich‐jüdische Zusammenarbeit und der Deutsche Koordinierungsrat stehen natürlich zu ihrer Präambel, die sich zum Existenzrecht und der Sicherheit Israels bekennt. Aber die kritischen Töne sind lauter geworden – auch in den Gesellschaften. Früher wurde manches nur hinter vorgehaltener Hand gesagt, heute ist das anders.

Hat der interreligiöse Dialog auch die jüdische Gemeinschaft verändert?
Nein. Die jüdische Gemeinschaft hat sich durch ganz andere Dinge verändert, vor allem durch die Zuwanderung aus Osteuropa. Die neue Zusammensetzung der Gemeinden hat dazu geführt, dass der Dialog heute von jüdischer Seite weniger wahrgenommen wird als früher. Für die meisten Zuwanderer ist das überhaupt kein Thema. Die jüdische Partizipation am interreligiösen Dialog ist heute weniger in den Gemeinden verankert als früher.

Was tun Sie, um mehr junge Menschen für Ihre Arbeit zu interessieren?
Manche Gesellschaften sind sehr aktiv darin, anderen ist das bisher überhaupt nicht gelungen. Es ist heute viel schwieriger, junge Menschen zu einem Beitritt zu motivieren als früher. Wir erreichen Jugendliche vor allem über Projekte an Schulen. Diese Arbeit hat sich enorm verstärkt. Ich denke, wir dürfen uns nicht darauf versteifen, neue Mitglieder zu gewinnen, sondern müssen uns in Zukunft mehr als Impulsgeber für junge Menschen begreifen.

Mit dem Jüdischen Präsidenten des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich‐jüdische Zusammenarbeit sprach Tobias Kühn.

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