Interview

»Unsere Haltung ist hinreichend bekannt«

Michael Joachim über Israel, Religion, Öffentlichkeit und die Repräsentantenversammlung

von Detlef David Kauschke  29.06.2010 14:46 Uhr

RV-Vorsitzender Michael Joachim Foto: privat

Michael Joachim über Israel, Religion, Öffentlichkeit und die Repräsentantenversammlung

von Detlef David Kauschke  29.06.2010 14:46 Uhr

Herr Joachim, stimmt der Eindruck, dass sich diese Repräsentantenversammlung (RV) selten öffentlich zu politischen Fragen zu Wort meldet?
Das ist weitestgehend richtig. Aber die Öffentlichkeitsarbeit gehört nicht zu den Aufgaben der RV, das ist Sache des Vorstands. Inwieweit frühere Repräsentantenversammlungen mehr Erklärungen abgegeben haben, kann ich nicht sagen.

Warum gab es von der Gemeinde keine Stellungnahme zu den Vorfällen rund um die Gaza‐Flottille und der massiven internationalen Kritik an Israel?
Der Zentralrat der Juden hat im Namen der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland eine Stellungnahme abgegeben, sodass es für die Berliner Gemeinde zu diesem Zeitpunkt kein dringendes Bedürfnis gab, dem noch eine Erklärung hinzuzufügen.

In Köln zum Beispiel denkt man anders. Dort hat die Synagogen‐Gemeinde eine Solidaritätskundgebung organisiert.
Ich bezweifle, dass die Jüdische Gemeinde zu jedem Vorfall eine Erklärung abgeben muss, da in unserer Stadt die Haltung der Gemeinde zu Israel und zu antisemitischen Vorfällen hinreichend bekannt ist. Zudem habe ich den Eindruck, dass wir mit den anderen Religionsgemeinschaften und ethnischen Gruppierungen ein anderes Verhältnis haben als anderswo. Auch die öffentliche Kundgebung, die in Berlin stattfand, war im Vergleich zu anderen Städten relativ moderat.

Aber sie fand ohne die Gemeinde statt, gibt es einen Grund dafür?
Gegenfrage: Ist es wirklich wichtig, dass die jüdische Gemeinde zu jedem und allem etwas von sich geben muss? Wir haben regelmäßig Veranstaltungen, bei denen wir klarmachen, welche Position wir zu bestimmten Konfliktfeldern haben.

In Paris und Rom gab es jetzt große Kundgebungen, bei denen auf das Schicksal des vor vier Jahren verschleppten israelischen Soldaten Gilad Shalit aufmerksam gemacht wurde. Warum nicht in Berlin?
Wir haben kürzlich auf einen Redebeitrag von Rabbiner Tovia Ben‐Chorin, der über das Schicksal von Gilad Shalit sprach, reagiert, indem wir diese Äußerung unterstützend bestätigt haben.

Auch der ILI (I Love Israel)-Tag fiel in diesem Jahr in Berlin aus. Warum?
Ich meine, dass im Vorstand die Kostenfrage angesprochen worden war. Sie wissen um die finanzielle Situation der Gemeinde.
Ebenfalls blieb die Gemeinde einer anderen Kundgebung, der Lag‐Baomer‐Parade, fern. Es sei nicht ihre Gepflogenheit, jüdische Feste demonstrativ zu begehen, hieß es in einer öffentlichen Mitteilung. War das die Mehrheitsmeinung in der RV?
Die Gemeinde wurde von Chabad Lubawitsch relativ kurzfristig angefragt, ob sie als Mitveranstalter auftreten wolle. Dabei wurde uns bereits das fertige Programm vorgelegt, ohne dass wir die Möglichkeit gehabt hätten, darauf Einfluss zu nehmen. Das ist ein seltsames Gebaren, dass wir von Chabad schon kennen. Daraufhin hat der Vorstand, nicht die RV, entschieden, nicht als offizieller Partner mitzumachen. Aber es gab genügend Mitglieder der Gemeinde und der RV, die daran teilgenommen haben.

Die RV ist laut Satzung das Gremium, das die Richtlinien bestimmt, nach der die Gemeinde zu führen ist. Gehört das öffentliche Eintreten für Israel und die jüdische Religion dazu?
Es gibt dafür keine schriftlich fixierten Richtlinien. Doch gehört das öffentliche Eintreten für Israel und das eindeutige Bekenntnis zur jüdischen Religion unstrittig zu den tragenden Säulen unserer Gemeindepolitik. Daran kann es keinen Zweifel geben.

Mit dem Vorsitzenden der Repräsentantenversammlung sprach Detlef David Kauschke.

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