Porträt der Woche

»Umarmen hilft«

Ewa Karpinski ist Altenpflegerin und glaubt an liebevolle Zuwendung

von Canan Topçu  14.01.2010 00:00 Uhr

»Jeder Tag ist anders. Immer gibt es irgendein Problem zu lösen«: Ewa Karpinski (60) Foto: Judith König

Ewa Karpinski ist Altenpflegerin und glaubt an liebevolle Zuwendung

von Canan Topçu  14.01.2010 00:00 Uhr

Gerade bin ich sehr bekümmert. Mein Sohn ist in Israel beim Militär. Vor einem Jahr ist er nach Israel ausgewandert, hat dort als Computerspezialist gearbeitet, und jetzt macht er seinen Militärdienst. Das wollte er so. Nun sitze ich hier und zittere, werde drei Jahre um ihn bangen. Es bleibt mir nichts anderes übrig als zu hoffen, dass alles gut geht. Er ist doch mein einziges Kind, und dort ist er alleine. Mein Mann ist Ende Dezember nach Israel geflogen, hat ihn verabschiedet. Ich konnte nicht mitfliegen, da ich keine Urlaubstage mehr hatte.

Ich arbeite in der Altenwohnanlage der Budge‐Stiftung in Frankfurt, schon seit über 15 Jahren bin ich dort. Mein Tag beginnt früh. Gegen 5.30 Uhr stehe ich auf. Meine Arbeitszeit ist offiziell ab 8 Uhr, ich bin aber meistens schon eine halbe Stunde vorher da. Ich bereite mich auf den Tag vor, lese in den Unterlagen, um zu erfahren, ob am Abend zuvor etwas Besonderes vorgefallen ist. Dann klopfe ich bei den Bewohnern an, besuche sie der Reihe nach. Bei dem einen bleibe ich länger, bei dem anderen kürzer, je nachdem, was anliegt. Wir betreuen jüdische und nichtjüdische Bewohner, ich fühle mich allen sehr verbunden. Ich versuche, den alten Menschen, so gut ich kann, die Sorgen zu nehmen. Jeder Tag ist anders, immer gibt es etwas Neues zu tun, irgendein Problem zu lösen.

angst Die Arbeit macht mich sehr glücklich, denn ich mag die Bewohner. Wenn ich zu ihnen komme und sie sagen mir etwas Nettes – ach, das tut gut! Ich bin so froh und dankbar, dass die Bewohner mir vertrauen und mir aus ihrem Leben erzählen, immer wieder auch Geschichten, die mich sehr traurig machen. Ich frage mich dann, wie das wohl bei meiner Mutter war. Bis heute verstehe ich nicht, wie der Holocaust passieren konnte. Manchmal habe ich Angst.

Ich ertrage es nicht, wenn ein anderer verletzt wird, vor Schmerzen schreit. Wenn jemand laut wird oder schimpft, dann versteinere ich. Grobheit erdrückt mich. Die Angst meiner Mutter hat sich auf mich übertragen. Je älter ich werde, desto stärker wird diese Angst. Ich habe Schlafstörungen und denke immer wieder darüber nach, was meine Mutter wohl alles erlebt hat, als sie jung war.

Meine Mutter wurde 1925 geboren, sie war im KZ in Auschwitz. Nach der Befreiung ging sie nach Warschau, hat dort meinen Vater kennengelernt und geheiratet. Ich bin 1949 geboren. Als ich 15 war, wanderten wir nach Israel aus. Sechs Jahre habe ich dort gelebt, dann wollte ich Europa sehen und bin aus persönlichen Gründen auch nach Deutschland gereist. Eine Cousine meines Vaters lebte in Darmstadt, ich habe sie besucht und bin letztlich hier geblieben. Später habe ich in Frankfurt über Bekannte meinen Mann kennengelernt und ihn 1980 geheiratet. Vier Jahre später kam unser Sohn zur Welt.

Die Bewohner im Budge‐Haus sind für mich wie eine Familie. Ich hatte keine Großeltern, keine Onkel und Tanten. Meine Mutter – sie war die Tochter eines Ehepaars aus Berlin – hat als Einzige aus der Familie überlebt. Erst spät hat sie mich in Deutschland besucht. Und immer, wenn ihr ältere Menschen begegneten, hat sie zu mir gesagt: »Guck mal Ewa, der war vielleicht im KZ und hat jüdisches Blut an den Händen.« Das war schrecklich, ich konnte ihr nicht erklären, dass Deutschland ganz anders geworden ist.

erziehung Meinem Vater war aufgrund seiner Erlebnisse in der Nazi‐Zeit der Glaube an Gott abhanden gekommen, daher bin ich nicht religiös erzogen worden. Er hat aber nicht allzu viel erzählt. Ich habe nur gewusst, wir sind Juden, das war’s. Erst später bin ich mit der Religion in Berührung gekommen. Ich bin aber nicht religiös geworden, doch die Tradition pflege ich zu Hause. Mir persönlich reichen die zehn Gebote. Ich denke, da ist alles Wichtige enthalten.

Ich komme oft von der Arbeit nach Hause und merke, dass ich die Geschichten der Menschen mitgenommen habe. Die Last lässt sich nicht so leicht abschütteln. Wenn jüdische Bewohner ihre schlimmen Erlebnisse erzählen, das geht mir wahnsinnig unter die Haut. Denn das ist auch meine Geschichte, die Geschichte meiner Familie. Doch weiß ich nur wenig davon, weil weder meine Mutter noch mein Vater viel darüber gesprochen haben.

Wenn ich abends im Bett liege, dann durchlaufe ich in Gedanken den Arbeitstag und frage mich, ob ich auch alles richtig gemacht habe, ob ich jedem genug Aufmerksamkeit geschenkt habe, ob ich zu allen gut war, ob ich auch nichts vergessen habe. Ich finde, es ist meine Pflicht, diesen Menschen etwas von mir zu geben. Ein liebes Wort ist manchmal besser als ein Medikament. Auch das Umarmen hilft. Wenn ein Bewohner traurig ist und ich umarme ihn, dann spüre ich, dass es ihm gut tut.

Ich habe eine Vollzeitstelle. Wenn ich heimkomme, ist der Tag fast gelaufen. Ich sitze dann mit meinem Mann zusammen, und wir trinken eine Tasse Kaffee, ich ruhe mich aus und erzähle von meinem Tag. Wenn mich etwas bekümmert, dann rede ich darüber, aber auch, wenn etwas Lustiges passiert ist. Mit meinem Mann ist es nie langweilig, er weiß viel, ist sehr belesen. Er war Mikrobiologe und ist jetzt pensioniert. Mit ihm kann ich mich über jedes Thema unterhalten, das ist wirklich gut.

dienst Manchmal habe ich auch am Wochenende Dienst. Wenn ich nicht arbeite, dann vergeht ein Teil der Zeit mit dem Haushalt. Zu Hause gibt es immer etwas zu tun. All das, was ich in der Woche nicht getan habe, erledige ich dann. Einkaufen, kochen, saubermachen, aufräumen, waschen und bügeln. Leider bin ich sehr pingelig, bei mir muss alles tipptopp sein. Das ist nicht gut, ich weiß das. Ich müsste es mir abgewöhnen, weil es mich viel Zeit und Kraft kostet. Aber so bin ich nun mal. Jeder Mensch hat seine Eigenheiten.

An freien Wochenenden verbringe ich viel Zeit mit meinem Mann und mit unserem Hund. Wir haben einen Pekinesen, mit dem wir viel spazieren gehen. Und wenn ich entspannen will, dann höre ich Musik oder lese. Am liebsten Biografien historischer und jüdischer Persönlichkeiten. Zuletzt habe ich die Memoiren meines Schwiegervaters gelesen, er hat in Warschau im Versteck überlebt.

An meinen freien Tagen unternehmen mein Mann und ich gemeinsam etwas, gehen ins Kino, treffen Freunde, werden von Freunden eingeladen oder laden sie zu uns ein. Wenn wir Gäste bekommen, dann koche und backe ich. Alle wissen: Bei Karpinskis kann man gut essen.

Wir haben Freunde, mit denen wir uns eher spontan und nicht an festen Terminen treffen. Darunter einen Kreis polnischer Juden, mit dem wir etwas unternehmen. Mein Mann hat viele jüdische Be‐ kannte. Seine Familie stammt aus Warschau, die Karpinskis waren in Polen sehr bekannt. Wir haben auch Freunde im Ausland, aber leider werden es immer weniger, weil sie sterben. Aber was soll man machen? So ist das Leben.

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