Esslingen

Tora hinter Butzenscheiben

Mehr als 60 Jahre haben in der Esslinger Synagoge keine Gottesdienste mehr stattgefunden. Das soll nun anders werden. »Wir haben schon Jom Kippur und Chanukka in Esslingen gefeiert und wollen auch Pessach hier beten«, sagt Susanne Jakubowski vom Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) in Stuttgart.

Die Kreisstadt Esslingen liegt etwa zehn Kilometer von der Landeshauptstadt Stuttgart entfernt. Hier und in der näheren Umgebung leben etwa 250 Juden. Sie gehören zur IRGW mit Hauptsitz in Stuttgart. Aus der Einheitsgemeinde der IRGW heraus war der Wunsch entstanden, Gottesdienste im liberalen Ritus anzubieten. »Die Repräsentanz hat über diesen Wunsch fünf zu vier abgestimmt«, erklärt Jakubowski. Etwa 120 Frauen, Männer und Kinder waren zu Jom Kippur gekommen, knapp 30 waren es zu Chanukka.

Wunder Für Rabbiner Juriy Kadnykow ist der Gottesdienst zu Chanukka ein »kleines Wunder«. Das Lichterfest sei ein Unabhängigkeitstag; er zeige bis in die Gegenwart, dass Diktaturen nicht ewig hielten. »Und so kommen in der Esslinger Synagoge Menschen zusammen, die hier ihre Wurzeln finden und weiterentwickeln wollen«, fügt der Rabbiner hinzu.

Rabbiner Kadnykow ist Absolvent des Abraham-Geiger-Kollegs in Potsdam. Er wurde am 23. November in Bamberg ordiniert und arbeitet zurzeit als Gemeinderabbiner in Mönchengladbach. Kadnykow unterstützt die Initiative von Gemeindemitgliedern der IRGW, in der alten Esslinger Synagoge Gottesdienste in liberaler Tradition zu feiern. »Ich finde es wichtig, dass Menschen diesen Aspekt des Glaubens kennenlernen. Das liberale Judentum ist keineswegs das leichtere«, sagt Kadnykow.

200 Jahre Es ist kalt im weiß getünchten Raum, die Gäste behalten ihre Mäntel an. Vor fast 200 Jahren, 1819, haben die Gottesdienstbesucher ebenso gefröstelt wie beim jüngsten Gottesdienst. Damals hatten sie das zweistöckige mittelalterliche Gebäude im Heppacher erworben.

Es war einst das Zunfthaus der Schneider. Der bisherige Betsaal war der Israelitischen Gemeinde 1818 gekündigt worden. Die Schulden für den Umbau des Hauses zu einem jüdischen Gemeindezentrum mit Betsaal, Unterrichtsraum und Vorbeterwohnung mussten viele Jahre lang abgezahlt werden. Doch dann hat sich der Betsaal bewährt – fast 120 Jahre lang wurden in ihm die Gottesdienste gefeiert.

Ein Tisch, ein Schrank für die Torarolle, ein paar Stühle – nur mit dem Nötigsten ist auch jetzt der Raum eingerichtet, in dem Susan Borofsky jetzt »Schabbes soll sein, Schabbes auf der ganzen Welt« singt. Ein paar Frauen und Männer stimmen leise mit ein.

Rückkehr Den Psalm 95 spricht der Rabbiner in drei Sprachen: Hebräisch, Russisch, Deutsch. Dann berichtet er von Josef, dem ersten Juden in der Diaspora, der sich in Ägypten so sehr assimilierte, so dass er sogar die Tochter eines ägyptischen Priesters heiratete. »Josef war ein Träumer, aber er fand zurück zu seiner jüdischen Identität«, sagt Kadnykow. Wieder nicken Gottesdienstbesucher zustimmend.

Auch Anat hört dem Rabbiner gut zu. Die Zwölfjährige ist mit ihrer Mutter von Stuttgart nach Esslingen gekommen. »Ich besuche in der IRGW den Religionsunterricht, zu Hause feiern wir alle Feste, Papa und Opa sind auch jüdisch«, sagt Anat. Sie freut sich auf nichts mehr, als endlich Batmizwa feiern zu dürfen. »Vorteile« verspricht sie sich davon nicht. »In der Schule sind alle Christen«, sagt Anat.

»Deutschland war im 19. Jahrhundert die Wiege des liberalen Judentums«, erklärt der aus der Ukraine stammende Rabbiner. Als Susan Borofsky – die Lehrerin und Sängerin kam vor 20 Jahren aus den USA nach Deutschland – das Kaddisch singt, gedenkt sie auch der sechs Millionen ermordeten Juden während der Nazizeit.

Anteilnahme Alle erheben sich und beten mit. Auch wenn die meisten Frauen und Männer aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen – ihre Anteilnahme zeigt, dass dieser Moment auch sie betrifft. 1933 lebten in Esslingen 142 jüdische Bürger. Mindestens 38 wurden ermordet. Nach 1945 waren nur wenige Familien zugezogen.

Amerikanisches Militär hatte das Synagogengebäude im Heppacher konfisziert (in der Nazizeit war es ein Heim für die Hitlerjugend) und von Juli 1945 bis April 1946 eine Synagoge eingerichtet. Später diente das Haus zu Wohnzwecken, als Kindertagesstätte, dem Kreisjugenddienst und als private Galerie. Seit den 90er-Jahren ist die Zahl der in Esslingen lebenden Juden gewachsen.

Kauf 1949 hatte die als Besitzer eingesetzte Jewish Restitution Successor Organization der Stadt das einstige Synagogengebäude im Heppacher 3 zum Kauf angeboten. Esslingen zahlte damals 35.000 Mark für das Gebäude, den dazugehörigen Garten und die beiden jüdischen Friedhöfe. Im Vertrag erklärte sich damals die Stadt bereit: »Sollte sich in Esslingen eine jüdische Gemeinde bilden, wird die Stadtverwaltung ihr Möglichstes tun, um ihr einen Raum zur Abhaltung der Gottesdienste anzuweisen.«

An dieses Versprechen fühlt sich Esslingens Oberbürgermeister Jürgen Zieger gebunden – das Gebäude soll der IRGW in Erbpacht überlassen werden. »Bisher sind wir ein kleiner Kreis, wir hoffen, dass er viele Früchte tragen wird, die Menschen hier wollen ihr jüdisches Haus entdecken, ich bin nur der Schließmeister«, sagt Juriy Kadnykow. Und fügt hinzu: »Wir nehmen nicht von der IRGW, wir geben.«

Shelly Meyer

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