Offenburg

Tief in der Erde

Kuratorin Anne Junk aus dem Offenburger Ritterhaus-Museum zeigt den bis zum Tauchbecken der Mikwe reichenden Brunnenschacht. Foto: Renatus Schenkel

Südbadens älteste Mikwe liegt tief unter der Erde. Nicht nur deshalb genießt Offenburgs Tauchbad eine Sonderstellung unter den erhaltenen jüdischen Ritualbädern. Sein erheblicher Bauaufwand und weitere Besonderheiten machen es mit den Mikwot weit größerer Städte wie Worms oder Speyer vergleichbar.

Die genaue Entstehungszeit ist nicht bekannt. Das mächtige Bauwerk ist spätestens aufs 16. und 17. Jahrhundert, also die frühe Neuzeit, oder aber, und das ist wahrscheinlicher, auf das Spätmittelalter um 1400 zu datieren. Damit könnte die Offenburger Mikwe sogar die älteste erhaltene auf deutschem Boden sein. Rund um den Europäischen Tag der jüdischen Kultur ist sie wieder zu besichtigen.

Grimmelshausen Aufgrund ihrer Lage tief unter der Erde überstand sie einen verheerenden Stadtbrand von 1689, den französische Eroberer unter Ludwig IV. im Pfälzischen Erbfolgekrieg gelegt hatten. Berühmtester Zeuge jener Zeit ist Johann Jakob Christoffel von Grimmelshausen, der seine Erlebnisse in der Ortenau und anderswo in seinem Simplizissimus-Roman schildert. In seinen späten Lebensjahren war Grimmelshausen überdies Bürgermeister im nahen Renchen.

Das Tauchbad (vermutlich 16. Jahrhundert) wurde erst 200 Jahre später bei einem Hausneubau entdeckt.

Das verschüttete und dann in Vergessenheit geratene Tauchbad wurde fast zwei Jahrhunderte später im Zuge eines Hausneubaus zum Brunnen umfunktioniert. Erst 1857 wurde die mit Schutt übersäte und schwer zugängliche Treppe als »Steintreppe von Offenburg« wiederentdeckt und nach anfänglichen Fehldeutungen als Bestandteil eines alten jüdischen Ritualbades erkannt.

Heute ist es möglich, ohne Umstände und gut ausgeleuchtet über die 17 Meter lange und geradläufige Treppe zu dem etwa vier bis fünf Quadratmeter großen nahezu quadratischen Tauchbecken zu gelangen. Mit gut 6000 Litern fasste es ein Vielfaches der für eine Mikwe vorgeschriebenen Füllmenge. Zur Zeit ihrer historischen Nutzung konnte die steile Treppe nur mit dem flackernden Licht von Kienspänen, Tranlämpchen oder Kerzen erhellt werden, die zur Beleuchtung des dunklen Tauchbades mitgebracht wurden.

Spiritualität So mag sich schon beim Herabsteigen der 44 Stufen im schummrigen Licht ein gewisses spirituelles Erlebnis eingestellt haben, sicher kein Nachteil für das darauffolgende individuelle Eintauchen. Denn im Schnitt war das Grundwasser acht bis zehn Grad kalt, im Winter für manchen durchaus eine Herausforderung.

Beim Hinabsteigen in die Tiefe erklärt Anne Junk, Kuratorin am Ritterhaus-Museum in Offenburg, sachkundig Details des besonderen Bades. »Damals lag der Grundwasserspiegel von Offenburg in 14 Metern Tiefe«, erläutert sie und zeigt den Wasserstand jener Zeit anhand der erhaltenen Linien in 1,30 Meter Höhe über dem Boden. Dass der Besucher derzeit das Becken trockenen Fußes betreten kann, hat mit dem gesunkenen Wasserspiegel durch die Flussregulierungen an Rhein und einheimischer Kinzig zu tun.

Anne Junk lenkt den Blick nach oben auf den massiv mit Steinen eingefassten Brunnenschacht von einem Meter Durchmesser, durch den die späteren Bewohner eines Wohnhauses, das darüber errichtet worden war, das umgebaute Becken als Grundwasserquelle nutzen konnten.

grundwasser Warum die mittelalterliche jüdische Gemeinde in Offenburg überhaupt so tief und aufwendig zum Grundwasser hin bauen musste, ist ohne religiöses und geografisches Wissen nicht ohne Weiteres nachvollziehbar. Das hebräische Wort Mikwe bedeutet sinngemäß »Wasseransammlung, fließendes Wasser«. Und ein solches »lebendes« unberührtes Wasser benötigt jedes jüdische Tauchbad.

Rituelle Reinheit, die Wiederherstellung körperlicher und geistiger Unversehrtheit, kann nach jüdischer Tradition nur durch eine rituelle Waschung mit unberührtem fließenden Wasser erzielt werden, mit Fluss- oder Meerwasser, mit aufgefangenem Regen oder mit sickerndem Grundwasser.

Das Wasser in der Mikwe war im Schnitt acht bis zehn Grad kalt.

Eine Mikwe gehört deshalb wie Synagoge und Friedhof zu den zentralen Einrichtungen jeder jüdischen Gemeinde. Ausdehnung und Mächtigkeit der Offenburger Mikwe lassen auf eine entsprechende Größe und Wirtschaftskraft der damaligen Offenburger Gemeinde schließen. Leider wurden aber darüber bislang keine direkten Zeugnisse in den Archiven von Offenburg und Straßburg gefunden.

Pogrome Da die jüdischen Gemeinden im Lauf der Jahrhunderte wie auch in anderen Städten mehrmals den Ort verlassen mussten, weil sie verfemt oder durch Pogrome vertrieben oder vernichtet wurden, fehlt eine kontinuierliche Geschichtsschreibung.

Die inzwischen bekannten Fakten zu Offenburg sind in einer neuen dreisprachigen Broschüre des Fördervereins Archiv, Museum und Galerie der Stadt Offenburg zusammengefasst, die die Freiburger Archäologin Valerie Schoe­nenberg und Steffen Krauth sehr kenntnisreich und differenziert erarbeitet haben. Gegen eine geringe Gebühr kann diese von der Stadtverwaltung bezogen werden.

Die attraktiv gestaltete Offenburger Mikwe hat zurzeit nur begrenzte Öffnungszeiten. Florian Fürth, Pressesprecher der Stadt Offenburg, sieht in der weiteren Nutzung der Mikwe für jugendbezogene Projektarbeit, wie sie schon in Zusammenarbeit mit Offenburger Schulen stattgefunden hat, eine große Chance, Schüler und Schülerinnen über bloße moralische Appelle hinaus ganz praktisch für Offenburgs wechselvolle Geschichte zu interessieren. So können nach Anmeldung jederzeit Führungen für Jugendgruppen organisiert werden. Auch auswärtige Besucher können nach Absprache jenseits der Öffnungszeiten Zugang zur Mikwe erhalten.

Renovierung Die gesamte Anlage wurde vor einigen Jahren aufwendig mit Mitteln des Fördervereins, Archiv, Museum und Galerie nach neuesten historischen Erkenntnissen restauriert und um eine informative Dauerausstellung über Mikwe und jüdische Gemeinde ergänzt.« In diesem Zusammenhang wurden auch der historische Zugang und ein darüber liegendes Gewölbe, das zeitweise als Weinkeller diente, renoviert. Die 60.000 Einwohner zählende Stadt hat damit in Bezug auf ihre Geschichte durchaus ein Zeichen gesetzt.

Der Gang durch die attraktiv gestaltete Mikwe wird so für die Besucher zur lehrreichen wie spannenden Entdeckungsreise in die wechselvolle Geschichte der Offenburger jüdischen Gemeinden, die allein schon einen Abstecher in die von Weinbergen umgebene Ortenauer Metropole nahe Straßburg lohnt.

Führungen werden am 8. und 20. September sowie am 13. Oktober angeboten.

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