Jom Haschoa

Tief im Herzen

Anatol Chari überlebte mehrere Konzentrationslager und war bei der Gedenkstunde Ehrengast. Foto: Marina Maisel

Am vergangenen Sonntag erinnerte die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern zum Jom Haschoa an den 67. Jahrestag des Aufstandes im Warschauer Ghetto und den 65. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager und gedachte der Opfer. Zwischen Mincha und Maariv sprach Anatoli Chari, der heute in den Vereinigten Staaten lebt.

Zeitzeugen Bei der jährlichen Gedenkstunde ist es in München Tradition, dass auch die Jüngsten der Gemeinde ihren Beitrag leisten. So eröffnete der Kinderchor unter Leitung von Luisa Pertsovska die Veranstaltung mit der musikalischen Aufforderung »Das Gedenken im Herzen bewahren«. Jugendliche aus dem Jugendzentrum Neshama rezitierten verschiedene Texte zum Gedenken an die Opfer. Rabbiner Steven Langnas hatte zuvor an die Bedeutung von Talmud und Tora erinnert. Er sprach von den Erinnerungen eines Mannes, der als Junge mit ansehen musste, wie Nazis die wertvollen Bücher in der elterlichen Wohnung zerstörten. Der Junge, er heißt Joseph Friedensohn, hat die Schrecken überlebt: Zunächst lebte er im DP‐Lager Feldafing, später in New York. Warum die Nazis ausgerechnet bei der Erwähnung des Talmud so rasend geworden waren, erkannte er erst später: Sie hatten gelernt, dass Talmud und Tora das Überdauern jüdischen Lebens garantierten. In der Tora steht, so leitete Rabbiner Langnas zum Zeitzeugenvortrag von Anatol Chari über: »Nur hüte Dich und hüte Deine Seele sehr, dass Du nicht vergessest die Dinge, die Deine Augen gesehen, und dass sie nicht aus Deinem Herzen weichen all die Tage Deines Lebens – aber Du sollst sie kund machen Deinen Söhnen und den Söhnen Deiner Söhne.«

Ansehen Anatol Chari wurde 1923 in Lodz geboren. Das Ghetto seiner Heimatstadt, Auschwitz und Bergen‐Belsen waren Stationen seines Leidens während der Schoa. Diese Zeit schildert er in seinem Buch Undermensch. Nach der Befreiung studierte Chari Zahnmedizin, wanderte dann in die Vereinigten Staaten aus. Die Kindheit von Anatol Chari nimmt nach dem Einmarsch deutscher Truppen im Herbst 1939 in Polen ein jähes Ende. Das von seinem Vater wohlbehütete Kind konnte zunächst noch auf den Schutz des Vaters – oder zumindest auf dessen guten Ruf bauen: »Mein Vater war ein angesehener Mann. Ihm habe ich es zu verdanken, dass ich viereinhalb Jahre im Ghetto nicht so viel leiden musste wie die anderen.« Dass der Vater längst tot war, wusste er damals nicht. Er war am 10. November 1939 verhaftet worden. Chari sah ihn damals zum letzten Mal.

Baden Mit den, wie Chari sie bezeichnete: »Privilegien« war es vorbei, als der 20‐Jährige nach Auschwitz gebracht wurde. Ihm wurde aber dort eine Arbeit zugeteilt, die Grundlage zum Überleben war: Kartoffelschälen. Bald ging es weiter nach Bergen‐Belsen mit »Gestank, Dreck, Armut«: »Das Erste, was man in Bergen‐Belsen verloren hat, war die Hoffnung.« Doch noch einmal hatte er Glück: Er kam zu Aufräumarbeiten nach Hildesheim und wurde schließlich befreit. Das bedeutete für ihn, »dass ich baden und die Läuse runtermachen konnte«. Eindringlich hatte er die hygienischen Zustände in den Lagern geschildert. Dass er überlebt hat, ließ Anatol Chari die Ermordeten umso mehr betrauern: »Die es wirklich schlimm hatten, sind unter den sechs Millionen.« An diese erinnerte zum Abschluss der Gedenkstunde Kantor Esra Meyer mit dem El Mole Rachamim.

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