Debatte

Talk über das Leben

Im Gespräch über das Jüdischsein: Schauspieler Daniel Donskoy und die Moderatorin Shelly Kupferberg Foto: Screenshot

In Deutschland zu Hause, jung und jüdisch: Diese drei Dinge waren allen fünf Interviewpartnern gemein, die sich am Donnerstagabend an einem Live-Talk auf dem Instagram-Account des Zentralrats der Juden in Deutschland beteiligten.

Bei den Gesprächen mit der Journalistin Shelly Kupferberg, die die einstündige Live-Session in dem sozialen Netzwerk moderierte, ging es um das neue jüdische Selbstverständnis in Deutschland im Jahr 2020. Wie ist das Lebensgefühl von Jüdinnen und Juden im Land? Wie unterschiedlich sind ihre Erfahrungen? Wie bewerten sie die aktuelle gesellschaftliche Lage in der Corona-Pandemie, und was wünschen sich die jungen Menschen für die Zukunft?

Rapper Rede und Antwort standen dabei die Politikerin und Autorin Marina Weisband, der Rapper und Autor Ben Salomo, der Publizist und Schriftsteller Max Czollek, die Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD), Anna Staroselski, und der Schauspieler und Sänger Daniel Donskoy. Zahlreiche Interessierte hatten sich zwischenzeitlich auf Instagram dazugeschaltet.

Zahlreiche Interessierte waren beim Live-Talk auf Instagram dabei.

»Aus meiner Sicht sind wir in Deutschland gerade in einer Art zweischneidiger Situation«, sagte der 33-jährige gebürtige Berliner Max Czollek. »Auf der einen Seite haben wir viele positive Entwicklungen in den letzten Jahren gesehen, die unsere pluralistische Demokratie gestärkt haben, wie etwa die Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe.«

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Andererseits mache ihm etwa der Aufschwung von Antisemitismus im Zuge von Verschwörungsmythen rund um die Corona-Pandemie große Sorgen. »Da denke ich mir schon, die Sache wird gefährlicher«, meinte Czollek.

Jüdischkeit Was Jüdischkeit für ihn persönlich bedeute, wollte Moderatorin Kupferberg von dem Autor wissen. »Jüdischkeit, das ist für mich Familientradition, eine Art zu denken, ein Haus von ethischen Vorstellungen und Ritualen und vor allem das gemeinsame Kämpfen für eine bessere Welt.«

Mit dieser Definition von jüdischer Identität konnte sich auch die Politikerin Marina Weisband identifizieren. Auf die aktuelle gesellschaftliche Situation angesprochen, sagte die 32-Jährige, die in Kiew geboren wurde und sich den Grünen engagiert: »Ich sehe momentan eine Stimmung, die kippen könnte, gerade dann, wenn die zweite Infektionswelle kommt.«

»Ich sehe momentan eine Stimmung, die kippen könnte.«

Marina Weisband

Als Jüdin in Deutschland habe sie ein gewisses »Frühwarnsystem« für Stimmungen, sagte Weisband. »Alle marginalisierten Gruppen kennen das.« Ihr sei es wichtig, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, die auf Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung und gegen den Infektionsschutz gehen. »Ganz häufig erlebe ich, dass diese Menschen nicht als Nazis bezeichnet werden wollen, aber dann krude, teils antisemitische Verschwörungstheorien von sich geben«, so Weisband.

Pandemie Diese Verquickung von Pandemie, Krise, Politikerverachtung und antisemitischen Denkmustern bei den Corona-Demons­trationen, an denen sich am vergangenen Wochenende in Berlin wieder Tausende Menschen beteiligt hatten, zeigt aus Weisbands Sicht, wie tief antijüdische Stereotype in der Gesellschaft nach wie vor verwurzelt sind. »Antisemitismus ist kein jüdisches Problem, es ist ein gesellschaftliches Problem«, sagte die Grünen-Politikerin.

Rapper Ben Salomo sieht die derzeitige Lage in der Corona-Pandemie als brandgefährlich an. »Alarmstufe Rot«, warnte der Künstler, der mit bürgerlichem Namen Jonathan Kalmanovich heißt und in Israel geboren wurde. »Die bittere Realität in Deutschland ist doch, dass wir unser Jüdischsein viel zu oft eher verstecken, da wir als Juden potenziell von Gewalt und Anfeindungen bedroht sind.«

Ausgrenzung Er selbst habe in seinem Leben schon häufig Ausgrenzung erfahren. »Sowohl von der deutschen Mehrheitsgesellschaft als auch in meiner migrantischen Community«, wie der 43-jährige Musiker erzählte, der als kleiner Junge mit seiner Familie nach Berlin kam und in seinen Songs seine jüdisch-israelische Herkunft thematisiert. Bekannt wurde Ben Salomo vor allem mit der von ihm organisierten Konzertreihe »Rap am Mittwoch«.

2018 hatte sich Ben Salomo entschieden, seine Veranstaltungsreihe aus Protest gegen den im Deutschrap seit Jahren virulenten Antisemitismus aufzugeben. »Eine große Chance zur Bekämpfung des Antisemitismus sehe ich in der Bildungsarbeit«, sagte der Rapper im Gespräch mit Moderatorin Kupferberg. »Wenn wir da ansetzen und auch mit Experten zusammenarbeiten, die sich der Aufklärung widmen, können wir eine Menge erreichen.«

Durch Aufklärungsarbeit und gesellschaftliche Allianzen die Sichtbarkeit jüdischen Lebens stärken, das ist auch ein wichtiges Thema der Studentenvertreterin Anna Staroselski.

»Wir jungen Jüdinnen und Juden wollen nicht immer auf die Schoa und den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern reduziert werden«, sagte die 24-Jährige.

JSUD Ein Hauptziel der Jüdischen Studierendenunion sei es daher, der Stimme der jungen jüdischen Community in der Bundesrepublik mehr Gehör zu verschaffen.

»Ich gehe ganz offen mit meiner eigenen Herkunft und Identität um.«

Daniel Donskoy

Für die nahe Zukunft wünsche sich Staroselski, dass Judentum und jüdisches Leben noch viel selbstverständlicher als Teil der deutschen Gesellschaft verstanden werden. Um das zu erreichen, sieht die Lehramtsstudentin auch die Medien in der Pflicht. »Ich möchte nicht als jüdische Quotenperson oder Exotin dargestellt werden«, sagte die Studentin.

Gesellschaft Zum Ende des Live-Talks war der Schauspieler Daniel Donskoy direkt von einem seiner aktuellen Filmdrehs zugeschaltet. »Ich gehe ganz offen mit meiner eigenen Herkunft und Identität um«, sagte der in Moskau geborene und in Berlin aufgewachsene Künstler.

Für ihn gehen seine jüdische und seine deutsche Identität Hand in Hand. »Man kann Jude sein, aber man ist dabei auch fester Bestandteil der Gesellschaft.« Nach seinen Zukunftsaussichten gefragt, antwortete Donskoy mit Optimismus – allen Verschwörungsideologen zum Trotz: »Wir dürfen nicht vergessen, dass Deutschland ein Land ist, das liberal ist, und in dem wir offen und frei leben können.«

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