Freiburg

Stark zu dritt

Besichtigung der Synagogenreste Foto: pr

Wenn es um jüdisches Leben ihrer Stadt ging, meinten die meisten Freiburger fast nur die Israelitische Gemeinde und ihre Synagoge, die 1987 neu erbaut wurde. Doch im vergangenen Herbst tauchten bei Bauarbeiten am Platz der alten Synagoge Mauerreste und Steine des 1938 in der Pogromnacht zerstörten Gebäudes auf.

Während die Stadt auf dem Platz vor der Freiburger Universität einen Wasserspiegel in Form der alten Synagoge bauen will und dafür einige Mauerreste abtragen wollte, war die Gemeinde für den vollkommenen Erhalt. Die Diskussionen um den Umgang mit den Steinen und die Kritik an der Stadtverwaltung zeigten, dass das jüdische Spektrum in Freiburg viel breiter ist als angenommen.

Ihr Unbehagen brachten Irina Katz von der Israelitischen Gemeinde, Chabad-Rabbiner Yakov Gitler und Cornelia E. Krüger von der liberalen Gemeinde Chawura Gescher zu einem Gespräch zusammen. Alle drei hielten das Vorgehen der Stadtverwaltung für unsensibel. Irina Katz ist Vorsitzende der Israelitischen Gemeinde, die sich mit rund 700 meist aus Russland zugewanderten Mitgliedern als Einheitsgemeinde versteht.

Tradition Dort ist zwar auch Yakov Gitler Mitglied, doch er hat daneben noch eine eigene Gruppe von 30 bis 40 orthodoxen Juden gegründet, die sich seit mehr als einem Jahr an Schabbat bei ihm zu Hause trifft. Die liberale Gemeinde Chawura Gescher entstand 1998 und hat etwa 70 Mitglieder. Cornelia E. Krüger und Heide Fischer gehören ihr an. Die Chawura Gescher knüpft an die Freiburger Tradition vor dem Nationalsozialismus an, sagt Heide Fischer: »Denn damals bildeten die liberalen Juden die größte Gruppe.« Also war es ihre Synagoge, die 1938 zerstört wurde. Am liebsten würden sie die geplante neue Synagoge ihrer Gemeinde dort bauen. Bisher hat sie keine eigenen Räume.

Als rechtliche Nachfolgerin der Vorkriegsgemeinde gilt aber die heutige Einheitsgemeinde. Und Irina Katz betont, dass die Stadtverwaltung verpflichtet sei, bei allen Änderungen am Platz der alten Synagoge eine schriftliche Genehmigung vom Vorstand der Israelitischen Gemeinde einzuholen. Das stehe im Kaufvertrag für das Gelände, der 1978 zwischen dem Land Baden-Württemberg und der Stadt Freiburg geschlossen worden sei.

Zwar habe 2004 Uschi Amitai vom damaligen Vorstand für die Einheitsgemeinde erklärt, man habe kein Interesse an Ausgrabungsstücken, doch sie sei weder die Vorsitzende gewesen, noch habe sie schriftlich zugestimmt, argumentiert Katz heute. Sie selbst habe als Vorsitzende 2011 die städtischen Umgestaltungspläne unterschrieben. Allerdings sei sie damals nicht über eventuelle Fundamente informiert worden.

Zustimmung Die Stadtverwaltung dagegen habe davon wissen müssen, ist sie überzeugt. Ihre Zustimmung von 2011 hält sie daher für widerrufbar. Umso mehr, weil die Abstimmung in ihrer Gemeinde, an der mehr als 80 Mitglieder teilgenommen hatten, sich gegen das Vorgehen der Stadt aussprach.

Genutzt hat das alles nichts: Die Stadtverwaltung begann sofort mit dem Abtragen der Steine. Und die Mehrheit des kommunalen Gemeinderats stimmte dafür, die städtischen Umgestaltungspläne ohne einen Baustopp, der finanzielle Einbußen bedeutet hätte, umzusetzen. Auf dem neu gestalteten Platz soll lediglich ein Brunnen an die zerstörte Synagoge erinnern.

Rabbiner Gitler kann nachvollziehen, dass die Finanzfrage Vorrang hatte, er wünscht sich, dass das gesparte Geld nun dem jüdischen Leben in Freiburg zugutekommt. Die gefundenen Steine seien zwar nicht heilig, doch sie stünden symbolisch für die Menschen, die in der Schoa ermordet wurden. Nun sind noch viele Fragen offen, zum Beispiel, wie sich die Israelitische Gemeinde weiter verhält und was aus den Synagogenplänen der Chawura Gescher wird. Die neue gemeinsame Diskussion darüber finden alle gut.

Jüdischer Wahlkämpfer

»Wer nicht kämpft, hat schon verloren«

David Rosenberg über den Wahlkampf in Rheinland-Pfalz, die Niederlage seiner Partei und warum er sich gerade als junger Jude weiter politisch engagieren will

von Mascha Malburg  27.03.2026

Kommentar

Lieber Meron Mendel, das ist keine Politik mit Kettensäge. Das nennt man Demokratie!

Öffentliche Mittel sind an Wirkung gebunden. Maßnahmen müssen überprüfbare Ergebnisse erzielen. Bleibt diese Wirkung aus, endet ihre Legitimation

von Stefan Hensel  27.03.2026

Beziehung

Von Menschen und Wölfen

Laura Goldfarb ist vieles: Therapeutin, Schauspielerin – und Autorin. Mit ihrem Mann hat sie einen Paar-Ratgeber geschrieben, der anders ist als andere. Zu Besuch im Prenzlauer Berg

von Bettina Piper  26.03.2026

Rede

Zentralrat der Juden verteidigt Karin Prien

In Erfurt sprach Josef Schuster über den Status quo Jüdischen Lebens in der Bundesrepublik. Dabei ging Schuster auch auf das Programm »Demokratie leben« und die Kritik an die Familienministerin ein

 25.03.2026

Programm

Ferienprogramm, Retrospektive und ein Rache-Musical: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 26. März bis zum 2. April

 25.03.2026

Turnier

Fliegende Kippot

Die Halle war voll, der Spaß groß: Zum ersten Mal trafen zwölf jüdische Teams beim Berlin Jewish Football Cup in Spandau aufeinander

von Pascal Beck  24.03.2026

Sachsen

Rund 1000 Veranstaltungen zum »Jahr der jüdischen Kultur«

Unter dem Titel »Tacheles« steht in Sachsen 2026 das jüdische Leben im Mittelpunkt. Zahlreiche Akteure beteiligten sich. Das Programm wächst noch immer

von Katharina Rögner  24.03.2026

Rothenburg

Unter dem Pflaster

Als im vergangenen Sommer bei Grabungsarbeiten die Fundamente einer Synagoge entdeckt wurden, war das eine Sensation. Messungen zeigen nun: Sie war eine der großen

von Marc Peschke  23.03.2026

Kulturprogramm

Von Spezialitäten und Zumutungen

Der Schriftsteller Dmitrij Kapitelman las im Jüdischen Gemeindezentrum aus seinem jüngsten Buch

von Nora Niemann  23.03.2026