Stuttgart

Sprungbrett auf die Bühne

Schwarz glänzt er. So akribisch poliert, dass man das eigene Spiegelbild darin betrachten kann. Der mächtige schwarze Flügel füllt das Wohnzimmer im Stuttgarter Zuhause von Margarita Volkova‐Mendzelevskaya beinahe komplett aus. Und so, wie ihr Instrument ihre Wohnung füllt, füllt die Musik das Leben der Pianistin aus, die vor 19 Jahren von Moskau nach Baden‐Württemberg kam.

Zunächst, erinnert sie sich, ging es nach St. Georgen in den Schwarzwald. Zwei Monate verbrachte sie dort. »Die vielleicht schönsten meines Lebens.« Denn dort durfte sie in einer Kirche jeden Tag Klavier spielen – so lang, wie sie wollte. Doch das Schicksal hatte anderes mit der charmanten Frau mit den roten Haaren vor. »Eine Bekannte aus Moskau wollte, dass ich nach Stuttgart komme«, erzählt sie. Gemeinsam mit ihrem Sohn machte sie sich auf den Weg in die Schwabenmetropole und fand dort schon bald ein Zuhause – auch dank der jüdischen Gemeinde.

Armenienkrieg »Ich bin sehr stolz auf mein Volk«, sagt Volkova‐Mendzelevskaya, »und die Gemeinde in Stuttgart hat mich so herzlich aufgenommen, das war wirklich schön.« Doch eines, erzählt sie heute, hat sie damals gestört. »Die jüdische Religion lebt doch von ihren Musikern, aber da war ein großes Loch.« Volkova‐Mendzelevskaya selbst war schon seit jeher Vollblutmusikerin. In Russland arbeitete sie als Klavierlehrerin an einer Musikhochschule. Der Krieg mit Tschetschenien und die Aussicht darauf, dass ihr damals zwölfjähriger Sohn bald zur Armee hätte gehen müssen, hatte in ihr den Entschluss reifen lassen, nach Deutschland zu fliehen.

Umso mehr vermisste sie das Musizieren. Natürlich ließ sie es nicht ganz bleiben. Der Leiter der Stuttgarter Schule, die ihr Sohn besuchte, erlebte sie bei einem Konzert und war sofort Feuer und Flamme. Sie sollte an seiner Schule unterrichten. Volkova versprach, Zeugnisse, Arbeitsproben und alles, was der Direktor brauchen würde, einzureichen. Doch der winkte ab. »Ich habe sie spielen gesehen, das reicht mir«, soll er gesagt haben.

Für Margarita Volkova‐Mendzelevskaya begann damit ein neuer Lebensabschnitt – und die Chance, effektiv Deutsch zu lernen. »Ich habe zu Hause immer schon geschaut, welche Begriffe ich im Unterricht brauchen würde, und so wurde es nach und nach immer besser«, erzählt sie. Denn Kinder zu unterrichten, sei in einer fremden Sprache eine noch größere Herausforderung als in der Muttersprache. »So habe ich jeden Tag 100 Wörter gelernt.« Heute spricht sie die Sprache fließend. Später gründete sie ihre eigene Musikschule, die sie bis heute erfolgreich in den eigenen vier Wänden im Stuttgarter Süden betreibt. Doch nach wie vor war da diese Leerstelle, die sie in der jüdischen Musikszene in Stuttgart ausgemacht hatte. Aus heiterem Himmel bot sich ihr die Gelegenheit, daran schlagartig etwas zu ändern.

Spende Als Martin Widerker zum Vorsitzenden der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs gewählt worden war, kündigte er an, 1500 Euro für ein Kinderprojekt zu spenden, erzählt sie. Margarita Volkova‐Mendzelevskaya schlug vor, das Geld in ein Musikprojekt zu investieren. Zunächst richtete sich der Wettbewerb, der 2007 erstmals stattfand, an Kinder der Gemeinde. Als Namensgeber einigten sich die Macher schnell auf den des jüdischen Musikwissenschaftlers Karl Adler. »Er hat vor dem Krieg sehr viel bewegt und war sehr engagiert«, sagt Volkova‐Mendzelevskaya.

Inzwischen ist aus dem Wettbewerb für klassische Nachwuchsmusiker der Internationale Karl‐Adler‐Jugendmusikwettbewerb geworden, an dem Musikschüler und -studenten im Alter von sechs bis 28 Jahren teilnehmen. Volkova‐Mendzelevskaya und ihr Team weiteten den Wettbewerb bald auf ganz Deutschland aus. Zu der zehnten Auflage im kommenden Juni sind angehende Musiker aus mehreren Ländern eingeladen, unter anderem aus Israel und Russland. »Der Plan ist nun, nach und nach auch nichtjüdische Musiker teilnehmen zu lassen«, sagt die Initiatorin. »Aber dazu brauchen wir Sponsoren, denn die Religionsgemeinschaft unterstützt natürlich bevorzugt den jüdischen Nachwuchs.«

Besonders stolz ist sie, dass im vergangenen Jahr mit der damals elfjährigen Sängerin Amanda Luka erstmals ein muslimisches Mädchen mitgemacht hat. »Das ist toll, dass dadurch eine Verständigung gelingt«, sagt die Musiklehrerin und lacht herzlich. Die Bedingung für nichtjüdische Teilnehmer: Im Programm muss ein jüdischer Komponist vorkommen. Um den Gewinnern des Nachwuchswettbewerbs die Möglichkeit zu geben, als Solisten in Konzerten mit einem Kammerorchester aufzutreten, beschloss Volkova‐Mendzelevskaya, das Orchester »Nigun«, das es seit 1933 nicht mehr gegeben hatte, wiederaufleben zu lassen.

»Ich hatte vor einigen Jahren Fritz Roth kennengelernt, der in Stuttgart den Orchesterverein gegründet hat und mehr als 50 Jahre als angesehener Dirigent arbeitete«, erzählt sie. Der Senior lud sie zu sich nach Hause ein und bot ihr an, ihr Orchester kostenlos zu dirigieren, wenn es ihr gelänge, es auf die Bühne zu bringen. Schließlich gebe es in Stuttgart genügend Musiker, die in den besten Orchestern der Welt gespielt hätten. Also machte sich Volkova‐Mendzelevskaya auf die Suche und wurde fündig.

Nigun 2012 fand das erste Konzert des neuen »Nigun«-Orchesters in der Stuttgarter Liederhalle statt. Es sollte bis zum vergangenen Wochenende dauern, ehe es der Pianistin gelang, »Nigun« wieder auftreten zu lassen. »30, 40 Musiker auf die Bühne zu bringen, kostet viel Geld«, sagt sie. Die Baden‐Württemberg‐Stiftung sagte schließlich 5000 Euro zu, die Israelitische Religionsgemeinschaft gab weitere 5000 Euro. Inzwischen hatte Volkova‐Mendzelevskaya die Internationale Musikakademie »Nigun e.V.« gegründet, die sich neben dem Ausbau des Orchesters um die Belebung der jüdischen Musik und die Unterstützung von Nachwuchsmusikern kümmert.

Am Sonntag begeisterte das »Nigun«-Orchester das Stuttgarter Publikum. Als Solisten traten die Preisträger des 9. Internationalen Karl‐Adler‐Jugend‐Musikwettbewerbs auf: Julian Lehmann am Cello, Anastasija Rasschiwina am Fagott, Marlen Malaev am Klavier, und der Sopranistin Dafne Boms.

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