Berlin

Spatenstich in Wilmersdorf

Mit einem symbolischen ersten Spatenstich wurde am vergangenen Sonntag der Grundstein für den neuen »Pears Jüdischer Campus« in Berlin‐Wilmersdorf gelegt. An der feierlichen Zeremonie auf dem Baugelände des geplanten Bildungscampus an der Westfälischen Straße nahmen neben dem Vorsitzenden des Chabad Jüdischen Bildungszentrums, Rabbiner Yehuda Teichtal, auch Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD), Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke), der Berliner SPD‐Fraktionsvorsitzende Ra­ed Saleh (SPD) und der Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland, Daniel Botmann, teil. Neben dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Gideon Joffe, waren weitere prominente Gäste zu der Veranstaltung gekommen, wie Berlins ehemaliger Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und der israelische Botschafter in Deutschland, Jeremy Isacharoff.

Die Grundsteinlegung fand im Rahmen eines Sommerfestes auf dem Gelände statt. »Fast 80 Jahre nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs legen wir den Grundstein für das größte jüdische Neubauprojekt in Berlin seit der Schoa«, sagte Rabbiner Teichtal in seiner Begrüßungsansprache. Der »Pears Jüdischer Campus« solle nicht nur ein Ort für Bildung, Kultur und Sport sein, sondern als religionsübergreifende und interkulturelle Begegnungsstätte allen Berlinerinnen und Berlinern offenstehen, betonte Teichtal. »Wir sind als Juden bewusst nach Berlin gekommen. Der neue Campus ist ein deutliches Zeichen dafür, dass wir bleiben wollen«, so der Chabad‐Rabbiner.

zukunft Bundesaußenminister Maas dankte Yehuda Teichtal für sein »fortwährendes Engagement« für das jüdische Leben in Berlin und Deutschland. »Wer einen Campus baut, der baut auch Zukunft«, sagte Maas.

Das Vertrauen, das die jüdische Community dem Land nach dem Grauen der Vergangenheit heute entgegenbringe, sei ein wahres Geschenk, das von der Gesellschaft als Verantwortung verstanden werden müsse. »Wir müssen jüdisches Leben in unserem Land schützen«, erklärte Maas. Dies bedeute auch, sich für die Existenz und Sicherheit Israels einzusetzen. Nach seiner Rede übergab der Bundesaußenminister Rabbiner Teichtal eine Mesusa für die zukünftige Eingangspforte des Campus.

In einem von Daniel Botmann verlesenen Grußwort von Zentralratspräsident Josef Schuster sprach dieser von einem »Freudentrag« für die jüdische Gemeinde in Berlin. »Mit dem neuen jüdischen Campus wird Berlin reicher an Vielfalt, Bildung, Kultur und Lebensfreude«, so Schuster. Kultursenator Lederer sprach von einem »starken Signal« für die Stadt. »Jüdisches Leben ist aus Berlin nicht mehr wegzudenken«, sagte Lederer.

kosten Das in Trägerschaft der chassidisch‐orthodoxen Chabad‐Gemeinde geplante Gebäude des Jüdischen Bildungscampus soll sieben Stockwerke mit einer Gesamtfläche von rund 7000 Quadratmetern umfassen. Der Campus soll damit Platz für eine Kita, eine Grundschule, ein Gymnasium, eine Sporthalle, eine Bibliothek, einen Jugendklub, ein Kino sowie für Veranstaltungsräume bieten.

Rund 500 Kinder sollen hier in Zukunft Angebote von der Betreuung im Kita‐Alter bis zum Abitur nutzen können. »Unsere bisherigen Bildungseinrichtungen platzen aus allen Nähten. Wir haben eine wachsende Gemeinde und brauchen dringend mehr Räumlichkeiten«, sagte Rabbiner Teichtal der Jüdischen Allgemeinen. Die Größe des Gebäudes sei daher gerade richtig.

Der Neubau kostet laut Teichtal rund 18 Millionen Euro. Gebaut werden soll bis Ende 2020. Bisher habe man schon zwölf Millionen Euro sicher. Finanziert wird das bundesweit einmalige Projekt aus einer Mischung an Zuwendungen. So hat der Bund zwei Millionen Euro zugesichert, das Land Berlin beteiligt sich mit rund 2,4 Millionen Euro aus den Töpfen des Sondervermögens Infrastruktur der Wachsenden Stadt (SIWA). Hauptsponsor ist die britisch‐jüdische Pears Foundation, nach der der Campus auch benannt wird. Weitere Spenden kommen von der Stiftung Lebendige Stadt, der Berliner Sparkassenstiftung sowie von Unternehmen wie Siemens und dem Chemiekonzern Bayer. »Ich bin zu 100 Prozent davon überzeugt, dass die noch fehlenden Gelder zeitnah zusammenkommen werden«, sagte Teichtal. Die Gespräche mit weiteren möglichen Spendern liefen auf Hochtouren.

vorschriften Mit dem Campus‐Projekt wolle man Brücken bauen, betonte Teichtal. Man wolle keine dezidiert religiöse Einrichtung ausschließlich für Anhänger von Chabad sein, sagte der 45‐Jährige. Vielmehr verstehe man den Campus als »ein Haus der Begegnung mit der Gesellschaft und mit den verschiedenen Strömungen innerhalb des Judentums«.

»Wir sind orthodox, aber offen für jedermann«, unterstrich Teichtal. Praktisch bedeute das für den Campus, dass bei den schulischen Angeboten die Vorschriften der Chabad‐Gemeinschaft gelten.

Tanzveranstaltungen werden nach Geschlechtern getrennt stattfinden, und der Religionsunterricht werde von Chabad‐nahen Lehrern durchgeführt. Für die publikumsoffenen Veranstaltungen hingegen sollen die internen Vorschriften von Chabad nicht gelten.

ergänzung Yehuda Teichtal sieht den Campus als »wichtige Ergänzung« zu anderen in Berlin bestehenden jüdischen Bildungs‐ und Kultureinrichtungen. »Die jüdische Community wächst in ihrer Gesamtheit. Wir haben damit ein enormes Potenzial. Berlin bietet Platz für alle«, sagte Teichtal. Er freue sich auch in der Zukunft auf die gute Zusammenarbeit mit dem Gemeindevorsitzenden Joffe und dem Zentralrat. Laut Teichtal wolle Chabad »kein Gegeneinander«, sondern »gemeinsam das jüdische Leben in der Stadt gestalten«.

Mike Samuel Delberg, Repräsentant der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, dankte Rabbiner Teichtal für seine Initiative. »Insbesondere vor dem Hintergrund der hohen Nachfrage an den Schulen der Berliner Gemeinde sehe ich den Jüdischen Campus als eine willkommene Ergänzung zum bereits bestehenden Angebot«, sagte Delberg der Jüdischen Allgemeinen. Die Vielfalt sei »Ausdruck des selbstbewussten jüdischen Lebens in Berlin«.

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