Karneval

Selbstredend jeck

Der Entwurf des neues Wagens stammt wie der des Jahres 2018 von Jacques Tilly.

Es ist erwiesenermaßen mehr als nur ein Gerücht, dass zwischen Düsseldorf und Köln eine gewisse Rivalität besteht. Alleine beim Bier – Alt oder Kölsch – treffen Welten aufeinander, die zwar geografisch nah beieinanderliegen, dennoch eher wie Galaxien voneinander entfernt sind.

Und bis zu einem gewissen Punkt lässt sich dieses ganz spezielle Verhältnis auch auf die beiden großen jüdischen Gemeinden am Rhein übertragen, sprich: auf die Jüdische Gemeinde Düsseldorf und die Synagogen-Gemeinde Köln. Ob beim sportlichen Kräftemessen der örtlichen Makkabi-Vereine oder bei anderen Vergleichen – man schaut schon mal genauer rüber zum Nachbarn.

Der Karneval hält Einzug in die Gemeinden. Neben dem jüdischen Schaltmonat Adar in diesem Jahr gibt es also die fünfte Jahreszeit »on top«.

lokalstolz Das geht weit über die Gemeindegrenzen hinaus, und der ganze Lokalstolz kommt zum Vorschein. Die einen rühmen sich des Doms, die anderen der Tatsache, Landeshauptstadt zu sein. Und doch haben beide Gemeinden seit diesem Jahr etwas gemeinsam, was man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vor wenigen Jahren als Scherz belächelt hätte: Der Karneval hält Einzug in die Gemeinden. Neben dem jüdischen Schaltmonat Adar in diesem Jahr gibt es also die fünfte Jahreszeit »on top«. Nicht umsonst sagt man den Rheinländern nach, sie seien Froh- und Feiernaturen.

Die Kölner mögen es mir nachsehen, aber wer hat’s erfunden? Die Jüdische Gemeinde Düsseldorf, die am Rosenmontagszug im vergangenen Jahr erstmals mit einem eigenen Wagen durch die jubelnde Menge der Jecken fuhr und rund eine Tonne koschere Kamellen unters verkleidete Düsseldorfer Volk brachte. Und dies unter bundesweiter medialer Beachtung.

In diesem Jahr ist das Konzept ein anderes: Es ist ein Toleranzwagen der Religionen, auf dem Juden, Christen und Muslime gemeinsam fahren werden. Ein eindeutiges Bekenntnis zum friedlichen Miteinander und vor allem das Signal in die Mehrheitsgesellschaft: Wir sind mittendrin dabei, wir identifizieren uns mit Land, Leuten, Sitten und Gebräuchen. Wir gehören hierhin und wollen auch hier bleiben, als fester Bestandteil der Stadt – nicht im Sinne von Assimilation, sondern Integration.

Die Wiederbelebung der 1933 erzwungenermaßen zu Ende gegangenen jüdischen Karnevalstradition in Köln folgt einer anderen Idee. Die »Kölsche Kippa Köpp« sind keine Einrichtung der Synagogen-Gemeinde Köln, sondern ein Karnevalsverein, in dem Juden und Nichtjuden Mitglied werden können – um gemeinsam dem Kölschen Karnevalstreiben zu frönen. Es geht eben nicht um jüdischen Karneval, sondern um Juden im Karneval. Gewissermaßen hat Köln damit Düsseldorf überholt und eine neue jüdische Karnevalstradition institutionalisiert.

Es geht nicht um
jüdischen Karneval,
sondern um Juden im Karneval.

Das erinnert mich an meinen g’ttseligen Opa mütterlicherseits – ein waschechter Kölsche Jung, dem während seiner Zeit in Palästina und später Israel ohne »seinen« Dom etwas Essenzielles im Leben fehlte. Ein »Jecke« im besten Sinne des Wortes. Und was gilt gemeinhin als typisch deutsch, also »jeckisch«? Die Gründung eines Vereins. Dass der erste Karnevalsverein jüdischer Prägung nun also in Köln gegründet wurde, dürfte wenig überraschen. Mich zumindest nicht, so kennen wir die Kölner. Wenn schon, dann auch richtig. Und das ist auch gut so.

normalität Nur so kann man Normalität erreichen, und gerade der Karneval bringt Menschen zusammen, die sonst wohl eher keine Berührungspunkte hätten. Und das bereits vor Erreichen einer gewissen Promillehöhe.

Karneval kann man mögen oder auch nicht. Ich selbst hatte – wie erwähnt – einen Kölschen Opa und bin in Düsseldorf geboren. Dennoch kann ich mich nur äußerst beschränkt mit dieser Form der fröhlichen Geselligkeit identifizieren. Ich brauche weder reichlich Alkohol noch ein Kostüm, um fröhlich zu sein.

Und trotzdem hat es mich mit Stolz erfüllt, 2018 auf dem jüdischen Karnevalswagen in Düsseldorf mitzufahren. Vor allem deshalb, weil es während der mehrstündigen Fahrt ausschließlich positive Reaktionen am Straßenrand gab. Karneval gehört zur DNA des Rheinlands, und unsere Gemeinden gehören zum Rheinland. Warum sollte man also nicht mit einem eigenen Karnevalswagen oder Verein dabei sein?

Ob Karneval und jüdische Identität zusammenpassen, ist letztendlich nichts anderes als die Auseinandersetzung mit der Frage, ob man sich selbst als Jude in Deutschland oder als jüdischer Deutscher versteht.

identität Ich denke, eine gewisse Gelassenheit bei diesem Thema täte uns und unserem Verhältnis zu Identität mehr als gut. Man kann sehr wohl bewusst jüdisch leben und gleichzeitig Teil der hiesigen Gepflogenheiten sein, wenn man denn mag. Ob Karneval und jüdische Identität zusammenpassen, ist letztendlich nichts anderes als die Auseinandersetzung mit der Frage, ob man sich selbst als Jude in Deutschland oder als jüdischer Deutscher versteht.

In diesen Tagen ist in Köln wie in Düsseldorf häufig die Frage zu hören, warum Juden überhaupt Teil des karnevalistischen Lebens sein sollten. Meines Erachtens muss sie stattdessen lauten: Warum sollten sie es im Jahr 2019 denn nicht sein? Wer jüdische Kindergärten, Grundschulen und Gymnasien gründet, sieht eine jüdische Zukunft in Deutschland. Und »jeck« zu sein, gehört im Rheinland und anderswo zum Selbstverständnis. Wir sollten daher die Gelassenheit aufbringen, gemeinsam »jeck« zu sein. Denn auch wir gehören zu Deutschland.

Der Autor ist Geschäftsführer des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein.

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