Warendorf

Seit 70 Jahren in Familienbesitz

Es ist ein unauffälliges, graues Hinterhofhaus, mitten in der westfälischen Kleinstadt Warendorf bei Münster. Von außen erinnert nichts mehr an die einstige Synagoge. Das Haus ist verfallen, die Fenster sind blind. Seit dem letzten jüdischen Gottesdienst am 7. September 1945 wurde das Haus nur noch zu Wohn‐, Lager‐ und Geschäftszwecken genutzt. Nun, nach Jahrzehnten, haben die Erben des Hauses, Stefanie und Matthias Elpers, mit Renovierungsarbeiten begonnen. Der ehemalige Gebetsraum soll jetzt ein Schlafzimmer werden.

Darüber ist nun ein heftiger Streit entbrannt. Ausgerechnet die Stadt Warendorf, die mit Stolz den verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, ihren Ehrenbürger nennt, hat die Baugenehmigung erteilt. Nun wird ihr vorgeworfen, nicht sensibel genug mit ihrer jüdischen Vergangenheit umzugehen – immerhin ist Warendorf der Geburtsort von Paul Spiegel (1937–2006).

Mit den Renovierungsarbeiten wird ein Stück jüdischer Kultur verschwinden. Für die jüdische Gemeinde im Münsterland ist dieses Giebelhaus ein Stück Heimat, ein Symbol für den Neuanfang nach dem Holocaust. Hier fand der erste jüdische Gottesdienst im Münsterland nach Ende des Zweiten Weltkriegs statt. »Wir sind erschüttert«, sagt der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Sharon Fehr, und warnt vor einer »kulturpolitischen Katastrophe.«

befürchtungen Warendorf stellte einst die größte jüdische Gemeinde im Münsterland. Ihre Mitglieder beteten seit 1801 in der Synagoge. »Jetzt soll das alles in Vergessenheit geraten?« kritisiert Fehr. Und nicht nur er. In dem Streit haben sich gleich drei renommierte Institutionen zu Wort gemeldet, die sich für die Erinnung an das Unrecht engagieren, das Juden durch die Nationalsozialisten zugefügt wurde: Alfons Kenkmann, Vorsitzender der NS‐Gedenkstätten in Nordrhein‐Westfalen, Andreas Determann, Geschäftsführer der Gesellschaft für Christlich‐Jüdische Zusammenarbeit Münster, und Michael Seligmann, Vorsitzender des Vereins zur Förderung einer Erinnerungs‐, Forschungs‐ und Bildungsstätte in der ehemaligen Villa Ten Hompel sind erschrocken: »Wir befürchten ein zweites Verschwinden jüdischer Kultur in Warendorf.«

Hugo Spiegel, Vater von Paul Spiegel, so argumentieren sie, sei 1945 nach Warendorf zurückgekehrt und habe die Hand zur Versöhnung ausgestreckt. Als Schützenkönig sei er sichtbar in die Gesellschaft integriert gewesen. Mit der Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Hugo und später an Paul Spiegel sowie der Umbenennung des Berufsschule in Paul‐Spiegel‐Kolleg sei viel Positives in Warendorf geschehen.

Mit dem Umbau der Synagoge zu Wohnzwecken würden diese Bemühungen zur Versöhnung auf »das Schärfste konterkariert«. Wenn der Gebetssaal als das Zentrum lokaler Religiösität nun verschwindet, verpasst die Stadt die Chance »biografische Erinnerung, jüdische Kultur und erinnerndes Lernen anschaulich zu verzahnen«. In ihrem Brief an Jochen Walter, Bürgermeister der Stadt Warendorf fragen sie: »Sollte die nationalsozialistische Diktion – nach der die Synagoge in Warendorf aus dem Stadtbild und damit aus dem Bewusstsein der Bürger getilgt werden sollte – letztlich doch Erfolg haben?«

Hinterhof Rechtmäßig erworben Gegen ein solches Argument verwahrt sich Heidelies Möllmann, die 67‐jährige Mutter der jetzigen Eigentümerin auf das Schärfste. »Es war kein Zwangsverkauf, wie der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Münster, Sharon Fehr, behauptet«, betont sie. Bereits seit 1926 sei die jüdische Gemeinde auf der Suche nach einem Käufer gewesen. Im November 1938 habe ihr Vater Heinrich Kottenstedte das Haupthaus und die im Hinterhof befindliche Synagoge von der jüdischen Gemeinde Warendorf für einen damals üblichen Marktpreis von 8.000 Reichsmark gekauft. »Die Auflage war, dass mein Vater das Haus so umzubauen hatte, dass es als Synagoge nicht mehr zu erkennen war.« Der Kürschnermeister Kottenstedte verlegte sein Pelzgeschäft in das Haus und wohnte dort. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ er den vorderen Teil abreißen und neu bauen.

Dass die Familie 1938 durch Enteignung oder Zwangsverkauf an das Haus gekommen sei, schließt auch Laurenz Sandmann aus. »Die Familie hat durch den Kauf die Synagoge vor dem Abriss durch die Nationalsozialisten gerettet«, sagt der Vorsitzende der Altstadtfreunde, der sich ebenso wie Matthias M. Ester vom Arbeitskreis Jüdisches Leben in Warendorf für ein Museum in der ehemaligen Synagoge stark machte. Das Wissen um die Geschichte dieses Hauses sollte bekannt gemacht werden.

Zehn Jahre lang hatten der Arbeitskreis Jüdisches Leben in Warendorf, die Stadt und die Altstadtfreunde darum gerungen, aus dem ehemaligen Gebetsraum im ersten Stock des Hinterhauses ein Museum zu machen. Mit separatem Eingang, so dass die dort lebende Familie Elpers nicht durch Besuchergruppen gestört wird.

Enttäuschung »Eine Synagoge ist das schon seit 65 Jahren nicht mehr«, erzählt Heidelies Möllmann. Sie hat einen Teil ihrer Kindheit in dem Haus verbracht. Enttäuscht und verletzt ist sie über den jetzt losgetretenen Streit. Enttäuscht, weil sie jahrelang hingehalten worden ist. »Immer wieder gab es Zusagen, dass für ein Museum Fördergelder von 260.000 Euro fließen könnten. Wir hatten nichts gegen ein Museum. Ein Förderverein sollte gegründet werden. Doch nichts passierte. Das Haus wurde über die Jahre hinweg immer baufälliger. Bevor es ganz verfällt, mussten wir reagieren.«

Matthias M. Ester, Sprecher des Arbeitskreises Jüdisches Leben in Warendorf, wirft der Eigentümerfamilie Möllmann/ Elpers jetzt vor, »kein historisches Bewusstsein« zu haben: »Für die ist die Synagoge nur eine Immobilie.« Er hingegen habe von einer öffentlichen, kulturellen Nutzung geträumt, von einem Lern‐ und Geschichtsort für Schulklassen. »Wir wollten das Haus zum Sprechen bringen«, sagte Ester. Aufgeben wollen die Historiker trotz allem nicht. »Die Geschichte ist noch nicht zu Ende.« Matthias Elpers, Ehemann der Hauserbin, wollte sich nicht zu den neuen Vorwürfen äußern. Er denkt jetzt über juristische Schritte nach.

Am Sonntag meldete sich Warendorfs Bürgermeister Jochen Walter erneut zu Wort: »Öffentlicher Druck ist aus meiner Sicht nicht angemessen.« Andern die Schuld zuzuweisen, sei zwar menschlich verständlich, aber nicht der Sache dienlich. »Es gehört sich nicht, Menschen an den Pranger zu stellen«, sagte Walter. Er könne sich vorstellen, den Jüdischen Friedhof zum Zentrum der Erinnerung zu machen. Außerdem wolle er noch all jene Organisationen zum Gespräch einladen, von denen er kritische Briefe erhalten habe – unter anderem auch Vertreter des Zentralrats der Juden. »Friedhof und Vorplatz sind nach den Vorstellungen von Paul Spiegel gestaltet worden«, betont Walter. Hier hat Paul Spiegel Ruhe gesucht und die Gräber seiner Eltern besucht.«

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