Gedenken

Schwierige Spurensuche in Berlin

Eran Witt kannte die genaue Adresse seiner Familie in Berlin nicht. Alles, was er in der Hand hatte, waren Namen. Als wir 2013 mit Schülern Israel besuchten und in der Sekundarschule Zulam Zor in Gesher HaZiv zu Gast waren, fragte er uns, ob wir möglicherweise erforschen könnten, wo seine Familie in Berlin gelebt hat, und was mit den Großeltern und dem Onkel geschehen ist.

Zurück in Berlin begaben sich die Schüler des Hannah‐Arendt‐Gymnasiums sofort auf Spurensuche. Ihre Recherche erwies sich als mühsam. Sie erforderte viel Ausdauer und zog sich mehrere Jahre hin – mit Erfolg: Seit dem 23. Januar wird nun im Rathaus Schöneberg in der Ausstellung »Wir waren Nachbarn« ein Album für die Familie Witt ausgestellt.

adressbücher Zunächst waren nur die Vornamen der Großeltern vage bekannt, Anna und Hugo beziehungsweise Jakob Witt – so wurde uns beim Besuch in Israel angedeutet. Die Schüler recherchierten in den Berliner Adressbüchern und kamen nicht voran. Erst die Kopie des Führerscheins des Vaters von Eran, Hans Witt, brachte die jungen Forscher der Geschichtswerkstatt »AG Stolpersteine« voran.

Nun gab es den Hinweis auf den Bezirk Schöneberg und das Geschäft des Großvaters: Dieser benutzte zu Lebzeiten sowohl den Vornamen Hugo als auch Jakob Witt – wie verwirrend. Die Suche in den Adressbüchern war nervenaufreibend, aber letztendlich erfolgreich. Denn nun konnten die Wohnanschriften herausgefunden werden.

Von Jakob Witt und seinem Bruder Moritz konnten sogar die Gräber auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee gefunden werden. Sowohl die Verwandten in Israel als auch die Schüler staunten über die umgefallenen Grabsteine und waren froh über ihre Entdeckung: Es gibt noch Gräber der Familie Witt in Berlin‐Weißensee.

mosaikstücke Bei der weiteren Recherche deutete sich an, dass die Großmutter, Anna Witt, wohl in Auschwitz ermordet wurde. Genauere Informationen waren aber in den Berliner und bundesdeutschen Gedenkbüchern nicht zu finden. Onkel Ernst blieb vorerst auch noch verschollen.

Mit Unterstützung des »Vereins für kulturelle Bildung und Jugendförderung« kamen neue Informationen zur Herkunft der Familien Cohn aus Königsberg und Witt aus Samter hinzu. Die Vereinsrecherche in Holland lieferte weitere Mosaikstücke, was in Holland geschehen war.

So konnte die Familiengeschichte nahezu lückenlos rekonstruiert werden: Jakob Witt verstarb 1925, als seine Söhne Hans und Ernst noch in der Ausbildung waren. Hans schaffte das Abitur und studierte Architektur. Ernst machte die Mittlere Reife und dann eine Ausbildung. Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 heiratete Hans die Nachbarstochter Lilli Behrens, und die beiden emigrierten nach Israel. Dort wurden Eran und seine Schwester Noemi in Jerusalem geboren.

wunde Ernst Witt arbeitete für eine Firma, die international Schrott verkaufte. Er wanderte nach Holland aus, wo er in verschiedenen Städten arbeitete. Vor Beginn des Zweiten Weltkrieges zog seine Mutter Anna zu ihm nach Holland. Nach der Besetzung Hollands durch die deutschen Truppen versuchten die beiden noch, nach Amerika auszuwandern, jedoch gelang es ihnen nicht mehr, dies zu verwirklichen. Anna Witt wurde verhaftet, ins KZ Westerbork gebracht, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Ernst Witt versuchte zu fliehen, wurde aufgegriffen und kam nach Auschwitz, wo er nach kurzer Zeit erkrankte und ermordet wurde.

Sowohl Hans Witt in Israel als auch die Verlobte von Ernst Witt in Holland versuchten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, die Wahrheit über das Schicksal der beiden Familienangehörigen zu klären, bekamen aber keine umfassenden Antworten auf ihre Fragen zu den Verschollenen.

In Israel wurde dieses Thema in der Familie niemals angesprochen, wie es in den meisten jüdischen Familien aus Deutschland der Fall war, berichtete Eran Witt den Schülern. Es war wie eine offene Wunde, über die man nicht sprechen wollte. Deshalb blieben die Informationen über den Verbleib von Anna und Ernst auch jahrzehntelang im Dunkeln.

FamilienAlbum Durch die langjährige Recherche konnten 2014 für Anna und Ernst Witt in Schöneberg in der Landshuter Straße Stolpersteine verlegt werden. Der Höhepunkt bei der Forschungstätigkeit wurde aber erreicht, als es durch einen Zufall bei einer Internetrecherche gelang, die beiden Koffer von Anna und Ernst Witt im Jüdischen Museum von Amsterdam zu entdecken. Plötzlich tauchten das Familienalbum mit 96 Bildern, das Poesiealbum und weiße Wäsche von Anna Witt auf. Mit den neuen Quellen konnten weitere Familienmitglieder identifiziert werden.

Die Recherche führt nun in der Schöneberger Ausstellung »Wir waren Nachbarn« dazu, dass für Familie Witt ein Album erstellt werden konnte, was durch umfassende Forschungen konkretisiert und im Fall von Ernst Witt auch geklärt wurde, denn nicht alle Hinweise und Quellenangaben waren belegt.

So ist Ernst Witt nicht in der Außenstelle Annaberg aus dem Zug nach Auschwitz geholt worden, sondern kam in Auschwitz an, wo er eine Nummer bekam und nach kurzer schwerer Krankheit ermordet wurde. Unverständlich bleibt den Schülern, weshalb es immer wieder Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung gibt, die in den entsprechenden Gedenkbüchern überhaupt nicht aufgeführt sind.

Ansporn Die Ergebnisse der Schüler und der Historiker füllen mittlerweile mehrere Aktenordner. Eran und seine Schwester Noemi Witt besuchten anlässlich der Albumsübergabe zum Schoa‐Gedenktag auf Einladung des Bezirks Schöneberg Berlin und sind überglücklich, dass sie heute wissen, woher ihre Familie kam. Die Einweihung des Albums erfreut sie ungemein.

Eran besuchte in diesem Zusammenhang in dieser Woche auch das Hannah‐Arendt‐Gymnasium und erzählte den Schülern von seinem Leben im Kibbuz Bet HaEmek und den Ergebnissen der Familienforschung.

Seine Geschichte ermutigt die Schüler, weiter Familienforschung zu betreiben und so eine Gedenkkultur zu gestalten, die auch 72 Jahre nach der Schoa von jüngeren Generationen mit Leben gefüllt wird. Momentan wird die Geschichte von Charlotte Steinthal und Siegfried Heumann erforscht, für die 2017 in Britz und Rudow Stolpersteine verlegt werden sollen.

Hedi Sow ist Leiterin der AG Stolpersteine am Hannah‐Arendt‐Gymnasium.

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