Erziehung

Schwere Geschichten für kleine Leute

Heute ist es ungemütlich kalt in Langen. Mitten im Ballungsraum Rhein‐Main lärmt der Durchgangsverkehr. In den 70er‐Jahren hat die Verwaltung zwei hässliche Hochhäuser mitten ins Stadtzentrum geklotzt. Doch ein paar Meter weiter säumen Fachwerkhäuschen die Ränder der kleinen Seitenstraßen. Marion Imperatori deutet auf ein unrenoviertes Haus direkt neben der Stadtkirche. »Das ist das Haus der Familie Kahn. Der Vater war Metzger und der Sohn Bernhard Kahn ging nach Frankfurt und lernte dort Fußballvereine kennen. Nach seiner Rückkehr beschloss er, andere fußballbegeisterte Männer zu suchen und gründete den 1. FC Langen«.

Die dunkelhaarige Frau klappt ein leuchtend blaues, dickes Heft auf und deutet auf ein Schwarz‐Weiß‐Foto: Um 1930 sah das Haus irgendwie schöner aus. Wer mit der angehenden Grundschullehrerin einen Stadtrundgang macht, lernt viele Kinder und Familien aus dem Jahr 1930 kennen. Neben den Kahns zum Beispiel das Schulmädchen Trude oder die Bürstenmacherin Selma. Ihre Geschichten hat Marion Imperatori erforscht und niedergeschrieben: Als die Kinder in Langen samstags zur Synagoge gingen, heißt ihr Kinderstadtführer für den Grundschulunterricht. Sie hat ihn als Examensarbeit verfasst und damit ein neuartiges Konzept entwickelt. Es ermöglicht Grundschulpädagogen, das Thema Schoa ab der vierten Klasse kindgerecht umzusetzen.

lebenswelten Problematisch sei, dass die Schulbücher jüdisches Leben ausschließlich anhand der Verfolgung thematisierten, findet die angehende Pädagogin. Juden würden so auf eine Opferrolle reduziert. Das sei nicht nur historisch falsch, sondern auch pädagogisch unsinnig: »Opfer sind nicht sympathisch, man möchte sich nicht mit ihnen identifizieren«, erläutert sie. »Ich versuche, den Schülern den Alltag zu zeigen und möchte ihnen positive Aspekte vermitteln.«

Wolfgang Geiger, Jurymitglied des Leo‐Baeck‐Programms »Jüdisches Leben in Deutschland – Schule und Fortbildung«, teilt Imperatoris Kritik. Die Vermischung von jüdischem Leben, Antisemitismus und Verfolgung lasse jüdische Geschichte als Vorgeschichte des Holocausts erscheinen. Als negative Konsequenz beobachtet der Geschichtslehrer ein »Verfolgungsparadigma« in den Köpfen seiner Schüler.

Bei dem Rundgang, den Schüler real oder anhand des Buchs im Klassenzimmer unternehmen, tauchen die Viertklässler zunächst in die gemeinsame Lebenswelt jüdischer und nichtjüdischer Menschen ein. Der Clou: Die nahezu ausschließlich nichtjüdischen Kinder erfahren erst im Laufe der Zeitreise, dass ihre Freunde von 1930 Juden sind. So machen die Schüler zunächst die Erfahrung des Gemeinsamen, bevor die NS‐Verfolgung sie voneinander trennt.

Vor allem treten jüdische Menschen als individuelle, lebensbejahende und gleichwertige Personen auf. »Jüdisch sein heißt so viel mehr, als Opfer des Nationalsozialismus zu sein«, sagt Marion Imperatori. Bei ihrem Rundgang nutzt sie das Denkmal für die ehemalige Synagoge in Langen, um über jüdische Feste und Gebräuche zu sprechen. Hier endet der Rundgang für die Kinder. Wie es nach Hitlers Machtergreifung für die jüdischen Familien weiter‐ geht, erfahren die Schüler erst, wenn sei wieder zurück im Klassenzimmer sind.

kindgerecht Im zweiten Teil des Buches geht es um die allmähliche Ausgrenzung und Deportation, wohlgemerkt nicht der »Juden«, sondern der »jüdischen Deutschen«. Keine Nazidiktionen, kindgerechte Sprache, das waren Marion Imperatoris Leitgedanken. Ihr Buch erzählt das Schicksal der Toten wie der Überlebenden. Trude wanderte in die USA aus und besuchte Langen in den 80er‐Jahren. Für sie ist ein Stolperstein in den Gehweg eingelassen.

Dass der Unterricht über die Schoa auch Überlebende einbezieht, hält Monica Kingreen für elementar. Sie ist Mitarbeiterin des »Pädagogischen Zentrums« in Frankfurt, das im Auftrag des Jüdischen Museums und des Fritz‐Bauer‐Instituts zur Erforschung von Geschichte und Wirkung des Holocausts neue Konzepte zum Thema NS‐Verfolgung erarbeitet. Sie hat den Kinderstadtführer mit Anmerkungen für den Unterricht versehen und herausgegeben.

Verständnis Sind Grundschulkinder wirklich in der Lage, die Schoa zu begreifen? Viermal wurde Marion Imperatori als Stadtführerin angefragt. Sie selbst findet das enttäuschend wenig. Den Grund sieht sie aber weniger in der Scheu mancher Pädagogen vor dem Thema, sondern im Zeitmangel. Der Lehrplan für die vierte Klasse sieht zwar die Lokalgeschichte vor. Jüdisches Leben oder NS‐Verfolgung sind aber zusätzlicher Stoff.

Für Grundschulen gebe es keine Systematik, wie das Thema nationalsozialistische Judenverfolgung vermittelt werden könne, erklärt Isabel Enzenbach. Sie forscht am Berliner Institut für Antisemitismusforschung aktuell über dieses Thema. »Durch Gedenkkultur, Medien, Familiengedächtnis und durch den Rechtsextremismus« dränge die Erinnerung an die NS‐Zeit in die Lebenswelt von Kindern. Dass diese mit dem Thema überfordert seien, schließt die Wissenschaftlerin aus.

Eine Umfrage in jüdischen Grundschulen scheint dies zu bestätigen. Wichtig sei das gemeinsame Begehen von Gedenktagen wie Jom Haschoa. Alle vier befragten Schulen berühren die Zeit der Vernichtung im Unterricht, wenn auch auf schonende Weise für die Schüler. »Sie dürfen erzählen: Wen haben sie verloren, welche Verwandten«, sagt Lea Wolff, Lehrerin an der Frankfurter I.-E.-Lichtigfeld-Schule.

Noga Hartmann, Leiterin der Berliner Heinz‐Galinski‐Schule, spricht mit Grundschülern nicht über die Vernichtung, sondern über Hass und grundlose Verfolgung. Wichtig ist ihr auch, dass es Menschen gab, die Juden geholfen haben, »und dass wir auch so sein sollen. Keine Mitläufer.«

fortbildung Geschichten von Familien, von denen mindestens ein Mitglied überlebt hat, sucht Natascha Knoll aus, die die Düsseldorfer Yitzak‐Rabin‐Schule leitet: »Wir versuchen, Hoffnung mit reinzubringen.« An ihrer Schule setzen Deutsch‐, Sachkunde‐ und Religionslehrer in der vierten Klasse einen gemeinsamen, mehrwöchigen Schwerpunkt. Wie hoch der Bedarf an Konzepten und Material noch ist, zeigt die Begeisterung Noga Hartmanns über eine Schulleiter‐Fortbildung in der Gedenkstätte Yad Vashem: »Es gab so viel Input, historisch und pädagogisch«, freut sie sich. Ein Konzept wie das von Marion Imperatori wäre auch für jüdische Schulen geeignet.

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