Düsseldorf

Schüler bitten Politiker um Hilfe

Das Haus an der Teutonenstraße Foto: privat

Düsseldorf

Schüler bitten Politiker um Hilfe

Neuntklässler des Albert-Einstein-Gymnasiums wünschen sich ein Erinnerungszeichen für die sogenannten Judenhäuser

von Christine Schmitt  18.04.2023 06:53 Uhr

Noch nicht einmal ein Foto gibt es von ihm. »Ich weiß gar nicht, wie er ausgesehen hat«, sagt Roni über Erich Besen. Die 15-jährige Schülerin wollte mehr über ihn wissen und hat in Archiven nach dem jungen Mann gesucht – »denn durch den Holocaust wurde er ausgelöscht«, wie Roni betont.

Sie habe kaum etwas über ihn gefunden, nur erfahren, dass er Ende 20 war, Zwangsarbeit leisten musste, ins Gefängnis gesperrt wurde und mit seiner Mutter in ein sogenanntes Judenhaus zwangsumziehen musste. Dieses Haus stand und steht in der Teutonenstraße 9 in Düsseldorf-Oberkassel – und kaum einer kennt dessen Geschichte.

Projekt Wenn es nach dem Willen der Neuntklässler des Albert-Einstein-Gymnasiums (AEG) geht, dann soll sich das schnell ändern. Deshalb waren jüngst Lokalpolitiker bei ihnen zu Besuch, denen sie ihre Rechercheergebnisse vorstellten. »Im Oktober 2022 haben wir im jüdischen Religionsunterricht ein Projekt gestartet, das uns sehr am Herzen liegt, und die Geschichte des Hauses Teutonenstraße 9 und ihrer Bewohner erarbeitet«, sagt Roni.

In sieben Teams haben sie sich mit dem Haus, seinen ehemaligen Bewohnern, dem Erinnerungsort Alter Schlachthof sowie den Deportationen auseinandergesetzt und alle Informationen zu einer Präsentation verarbeitet. »Unsere Ergebnisse sind sehr interessant. Bis zu diesem Projekt habe auch ich nichts von den Judenhäusern gewusst«, sagt Roni. In Düsseldorf gebe es keine Erinnerungszeichen davor.

»Wir hatten den Politikern berichtet, dass wir uns wünschen, dass unsere Idee, ein Erinnerungszeichen aufzustellen, auch finanziell gefördert werden sollte«, sagt der 14-jährige Mark. Am liebsten möchte er noch einen QR-Code dazustellen, damit Interessierte sich mit der Schule verlinken und so mehr erfahren können.

Wohnung Während der Nazizeit wurden Juden gezwungen, aus ihren Wohnungen in ein »Judenhaus« zu ziehen. Rund 40 mussten in der Zeit von 1938 bis 1945 in diesem Haus an der Teutonenstraße leben, immer mit drei Familien in einer Wohnung.

Wenn jemand deportiert wurde, zog der Nächste ein. »Da sie nicht mehr selbst ihre Geschichte erzählen können, wollen wir das stellvertretend übernehmen. Nach heutigem Wissensstand gab es mindestens 40 solcher Häuser in Düsseldorf«, so Mark. Nur wenige wurden bislang erforscht.

Das Haus in der Teutonenstraße 9 wurde 1911 gebaut. Bauherr und Besitzer war David Salomon, der ebenfalls deportiert wurde. Seine erwachsene Tochter konnte noch rechtzeitig emigrieren, seine beiden Enkelsöhne kamen mit einem Kindertransport nach England. Einer von ihnen wurde später unter dem Namen Harold Orbach ein berühmter Kantor.

Homepage »Es wäre toll, wenn zu möglichst vielen recherchiert werden würde«, sagt Isabel. Wenn die 14-Jährige nun mit der S-Bahn in die Nähe der Teutonenstraße kommt, muss sie immer an die Schicksale der Juden denken. »Mit der Vorstellung auf der Homepage der Schule möchten wir allen die Informationen zugänglich machen. Dies verstehen wir als digitales Gedenken«, so Jonathan Grünfeld, der Fachleiter Jüdische Religion am AEG. Das Projekt wurde zusammen mit Sabine Reimann vom Erinnerungsort Alter Schlachthof durchgeführt.

Erich Besen verrichtete im Ziegelwerk Zwangsarbeit. Im August 1940 musste er mit seiner Mutter in das »Judenhaus« ziehen. Ein Jahr später erhielten sie einen Deportationsbefehl ins Minsker Ghetto. Sie wurden zum Güterbahnhof Derendorf gebracht, die Deportation dauerte 96 Stunden, erklärt Isabel. Ob Erich Besen die Fahrt überlebte, ist nicht bekannt. »Was mit ihm geschah, wissen wir nicht. Nur so viel, dass er das Kriegsende nicht erlebte.«

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