Berlin

Schläge und Pralinen

Die Graefestraße in Kreuzberg ist bunt und multikulturell, ein lebendiger Kiez mit vielen Cafés, Restaurants und Bars, Geschäften, Wohnungen, Büros, Werkstätten, Arztpraxen, Schulen und Kindergärten. Hier lässt es sich gut leben und arbeiten, verspricht zumindest die Webseite der örtlichen Nachbarschaftsinitiative. Hier wohnen Deutsche, Russen, Asiaten, Türken, Araber – und Juden.

Yoni Yahav und seine Freundin Rotem leben seit Februar 2014 hier. Sie sind froh, ihre lichtdurchflutete Neubauwohnung von Israel aus gefunden zu haben. Der nahe Kottbusser Damm ist laut und viel befahren, die angrenzende Graefestraße aber ist wie das ganze Viertel hier verkehrsberuhigt, ein Mix aus Altbauten und modernen Hinterhofappartements, mit Sitzgruppen im Grünen, Spielplätzen und vielen Fahrradparkplätzen vor den Häusern.

gewalt Ein idyllischer Ort mitten in Berlin also – bis er für Yoni Yahav am 24. April plötzlich zur Konfliktzone wird. Der 31-jährige Israeli will an diesem Tag sein Fahrrad vor dem Haus anschließen. Da wird Yahav von einer Gruppe Palästinenser angesprochen. Im späteren Polizeibericht steht, dass einer von ihnen 22 Jahre alt ist und aus Haifa stammt; ein anderer, 17, kommt aus Ramallah. Freunde haben Yahav später ermuntert, über all das auch mit Journalisten zu reden.

Die Gruppe fragt ihn auf Deutsch, woher er komme. Zwar besucht Yahav einen Deutschkurs, aber antworten kann er nur kurz, dass er aus Israel sei. Daraufhin wird er beschimpft, unflätig, in Fäkalsprache. Es fallen die Sätze »Deine Mutter ist eine Hure« und »Wir ficken deine Schwester«. Zur Überraschung der Jugendlichen versteht Yahav ihre Worte und antwortet auf Arabisch: »Ihr kennt nicht meine Mutter, und ihr kennt nicht meine Schwester, und ihr wisst nicht, wer ich bin!«

Verdutzt fragen sie zurück, ob er ein arabischer Israeli sei. Aber er will nicht lügen. Jeder soll ruhig wissen, dass er ein jüdischer Israeli ist. Es folgt eine weitere Kaskade übelster Beschimpfungen. Besonders fällt ihm da schon der hochgewachsene Palästinenser auf, mit Flasche in der Hand, extrem aggressiv, offensichtlich stark alkoholisiert. Nach einigem Hin und Her schickt Yahav die späteren Täter weg, geht ins Bett und erzählt am nächsten Tag seiner Freundin Rotem von dem Zwischenfall.

Frieden Der Israeli kommt aus West-Jerusalem. Seine Eltern sind konservativ-religiös, er selbst hält eher Distanz zum Judentum. Schon oft war er in Ost-Jerusalem, besuchte und unterstützte dort verschiedene Friedens- und Bildungsprojekte. Noch heute setzt er sich für Versöhnung bei der israelisch-palästinensischen Organisation »Combatants for Peace« ein. Seine feste Überzeugung ist, dass es immer besser ist, miteinander zu reden, anstatt zu kämpfen. Eine Einstellung, die ihm ausgerechnet im fernen Deutschland fast zum Verhängnis wurde.

Bereits nach seiner Schulzeit lernte er in Givat Haviva, einem israelischen Zentrum für Friedensstudien, sowohl das mittelalterliche Arabisch des Korans sowie auch das heutige Alltagsarabisch. Finanziert haben ihm das Studium zur Hälfte seine Eltern und zur anderen Hälfte das israelische Militär. DieVerteidigungsstreitkräfte seien an jedem jüdischen Israeli interessiert, der gutes Arabisch beherrscht, erklärt Yahav.

Vier Jahre diente er danach bei der Armee. Nicht bei einer Kampfeinheit, weshalb er in der aktuellen Gaza-Krise nicht damit rechnet, als Reservist eingezogen zu werden. Nach dem Militärdienst absolvierte er Middle Eastern Studies an der Hebräischen Universität Jerusalem. Nach Berlin ist er gekommen, um an der Freien Universität an einem arabisch-israelischen Programm teilzunehmen.

Islam Darin geht es um die Geistesgeschichte der islamischen Welt, islamisches Recht, Philosophie und die muslimische, jüdische und christliche Mystik im arabischsprachigen Raum. Nur eine kleine zwölfköpfige Gruppe aus aller Welt belegt den zweisemestrigen Online-Masterstudiengang. Seine Kommilitonen leben in den USA, Peru, Indonesien und Iran. Yahav ist der einzige, der dafür extra nach Berlin gekommen ist. Er wollte hier Land, Leute und die Sprache kennenlernen.

»Es gibt eben diese besondere Beziehung zwischen unseren beiden Ländern, aus der Geschichte heraus. Und es gibt seit Jahrzehnten diese gegenseitigen Besuche, um sich besser kennenzulernen. Das war ein Riesenanreiz«, erklärt der Israeli. Die deutsche Hauptstadt hat im jüdischen Staat zudem den allerbesten Ruf: weltoffen, relaxed, tolerant, hipp, friedlich, kostengünstig, gastfreundlich.

Als er einen Tag nach dem ersten Zwischenfall mit den Palästinensern zu seinem Fahrrad geht, bemerkt er, dass daran Teile abgebaut wurden. Und wieder tauchen die Jugendlichen vom Vorabend auf. Er stellt sie zur Rede: »Wer hat euch beigebracht, zu stehlen? Habt ihr keine Ehre, keinen Respekt?«, fragt er.

Schlag Sie antworten ihm, sie hätten doch schon den Respekt gehabt, ihn nicht gleich zusammengeschlagen zu haben. Danach werfen die palästinensischen Jugendlichen ihm die Politik Israels vor. Als Yahav schließlich sagt, dass er die israelische Politik und besonders Benjamin Netanjahu kritisiert, aber in der Armee gewesen sei, schlägt ihm der hochgewachsene Palästinenser frontal ins Gesicht.

»Da waren andere Jugendliche und Mütter in der Nähe, aber keiner schritt ein. Ich verlor kurz das Bewusstsein. Dann sah ich sie aus den Augenwinkel weggehen«, erinnert sich Yahav. Kurz darauf kommt die Polizei. Schnell wird den Behörden klar, dass die Tat einen antisemitischen Hintergrund hat. Er wird ins Krankenhaus gebracht. Eine Behandlung wird notwendig, damit sein Auge keinen bleibenden Schaden nimmt.

Aus versicherungstechnischen Gründen muss er aber nach Israel reisen, um sich den Eingriff leisten und seine Familie sehen zu können. Lange diskutieren sie, ob er überhaupt wieder nach Berlin zurückkehren soll. Schließlich kann er sein Studium auch online von Jerusalem aus zu Ende bringen. Aber Yahav und seine Freundin entscheiden sich wieder für Berlin.

Geschenke Wichtig ist für ihren Entschluss auch, dass in ihrer Abwesenheit der Täter zwei Mal an ihrer Wohnungstür klingelt, um sich mit Pralinen und Blumen zu entschuldigen. Eine Kommilitonin hütet während ihrer Abwesenheit die Wohnung und nimmt die Geschenke entgegen. Auch wenn er den Täter seither von Weitem oft im Kiez gesehen hat, eine direkte Aussprache hat es bis heute nicht gegeben. Yahav geht davon aus, dass es dem Palästinenser wirklich leidtut und er sich tatsächlich schämt.

Wichtig sei es jetzt, sich nicht zu verstecken, findet er. Wenn er das nächste Mal gefragt wird, will er wieder sagen, dass er jüdischer Israeli ist. Einer, der sein Land über alles liebt und gemeinsam mit den Palästinensern in Frieden leben möchte. In Deutschland will Yahav nicht auf Dauer bleiben. Berlin ist für ihn eine Durchgangsstation.

»Ich liebe Berlin, aber immer mehr fühle ich, dass es nicht meine Heimat ist. Auch wenn es zu Hause eine Menge Probleme gibt und ich die derzeitige Politik kritisiere, so ist Israel für mich ein sicherer Platz«, betont Yahav. »Das Land ist meine Geschichte und meine Identität. Wir werden vielleicht Kinder haben, und die möchte ich doch lieber zu Hause in Israel großziehen.«

Versöhnung Nach wie vor aber will er sich vor allem für die Versöhnung von Juden und Arabern in Israel einsetzen. Auch wenn er selbst nicht religiös ist, hofft er doch, dass letztlich auch Judentum und Islam ihren Teil zur Befriedung beitragen können.

»Mit Gewalt lösen wir keine Probleme. Beide Seiten, Israelis und Palästinenser, müssen einsehen, dass sie einfach zusammen leben müssen«, sagt Yahav. »Es ist leicht zu sagen, aber nur schwer umzusetzen: Wir müssen eine Pufferzone des friedvollen Miteinanders zwischen beiden Gruppen schaffen.«

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