Treffen

Schabbaton in Radebeul

Joel, Joshua, Madita und die anderen Kinder kennen sich aus. »Darf ich am Schabbat Geld annehmen?« »Nein!«, rufen die Vier- bis Sechsjährigen entschieden. »Und darf ich den Fernseher laufen lassen, um meine Lieblingsserie zu sehen?« Auch hier schütteln die Kids nach kurzer Diskussion die Köpfe.

Offensichtlich sind die Kleinen in der jüdischen Tradition schon recht sattelfest, denn darauf legen ihre Eltern Wert. Deshalb sind sie auch am vergangenen Wochenende zum vierten Grande Schabbaton des Bundes traditioneller Juden (BtJ) und der Mitveranstalter Jewish Experience, Morasha Germany und 3-Rabbiner-Seminar nach Radebeul bei Dresden gekommen.

Motivation Rund 300 jüdische Familien und Singles aus ganz Deutschland nahmen teil. Das Anliegen des BtJ ist es, junge Menschen für das Leben nach der jüdischen Tradition zu gewinnen und sie zur Mitarbeit in den jüdischen Gemeinden zu motivieren. Seit der Gründung des BtJ im Jahr 2012 sind dem Verein 19 Gemeinden mit insgesamt rund 20.000 Mitgliedern beigetreten. Für den Schabbaton in Radebeul gab es mehr Anmeldungen als Plätze.

Zu lernen gab es bei diesem Seminar nicht nur etwas für die Kinder. Mit der Psychologin Lisa Aiken und Rabbiner Josh Spinner, Geschäftsführer der Ronald S. Lauder Foundation, sowie weiteren Rabbinern hatte der BtJ namhafte Redner gewinnen können. Im Mittelpunkt der Vorträge stand »Lebenshilfe auf jüdischem Fundament«. So empfahl Talya Rose, die mit ihrem Mann, Rabbiner David Rose, Lern- und Gesellschaftsprogramme für jüdische Studenten gestaltet, die Tora als Gebrauchsanweisung für Leben und Ehe.

Partnersuche »Wie findet man den passenden Ehepartner?«, »Wie lässt sich das Leben einer modernen Frau mit jüdischen Werten in Einklang bringen?« – mit der Beantwortung solcher Fragen will der BtJ es jungen Juden leichter machen, Traditionen in ihr Leben zu integrieren.

Viele junge Leute müssen die Verbindung zur Religion erst wieder knüpfen, weil sie ohne jüdische Rituale aufgewachsen sind. Das geht nicht nur Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion so, sondern auch Alteingesessenen.

»Bei vielen ist ein deutlicher Wunsch da, jüdisch zu heiraten«, sagt Michael Grünberg, Vorsitzender des BtJ und der Jüdischen Gemeinde Osnabrück. »Ein jüdischer Mann, der nicht jüdisch heiratet, muss wissen, dass er die jüdische Linie seiner Familie abschneidet«, ergänzt Grünberg.

Keine Frage, dass so mancher Teilnehmer hofft, während des Seminars nicht nur seine jüdische Identität zu stärken, sondern auch von Amors Pfeil getroffen zu werden. Das klappt auch immer wieder mal, wie Michael Grünberg erfreut feststellt: »Es gibt Paare, die haben sich beim ersten Schabbaton kennengelernt, beim zweiten waren sie verheiratet, und inzwischen kommen sie mit ihrem Kind. Das ist eine ganz tolle Entwicklung.«

Zukunftssicherung Für den BtJ ist das so etwas wie eine Zukunftsversicherung, denn die Kinder wachsen mit der Religion und den jüdischen Bräuchen auf. Und schon die Kleinen knüpfen während der BtJ-Seminare Kontakte zu Gleichaltrigen aus traditionell ausgerichteten Familien in ganz Deutschland. »Diese Chance hatten wir in unserer Jugend nicht«, bedauert Michael Grünberg.

Doch in Bezug auf die Partnersuche bleibt Michal Abramova skeptisch. Die attraktive 36-Jährige wünscht sich einen Ehemann, der wie sie religiös ist. Beim großen Schabbaton ist sie zum ersten Mal, aber sie hat schon andere jüdische Veranstaltungen besucht. Den Richtigen hat sie dabei noch nicht getroffen. »Obwohl es immer mehr Angebote zum Kennenlernen gibt, bleiben trotzdem viele Single. Das ist wirklich zum Problem geworden«, seufzt die Hamburgerin, die gerne eine Familie gründen würde.

Einige Schabbaton-Teilnehmer, die sich den Traum von einer Familie schon erfüllt haben, nutzen das BtJ-Seminar als Kurzurlaub. Koscheres Essen, ein Kinderprogramm, ein Eruv für Schabbat, ungezwungen Kippa tragen – für eine Gruppe aus dem Rheinland ist das Erholung pur.

Kompromisse Im Alltag erfordert das Leben nach religiösen Vorschriften hingegen oft Kompromisse. Kaum ein Seminarteilnehmer, der auf der Straße oder im Job die Kippa trägt. Man behilft sich stattdessen mit Mütze oder Hut: »Ich will mich nicht verstecken, ich bin stolz, Jude zu sein. Aber man muss ja nicht provozieren«, meint Roman Melz aus Köln. Auch das Einhalten der Feiertagsgebote klappt nicht immer reibungslos. Was tun, wenn der Chef nicht mitspielt? Und wenn der Nachwuchs immer wieder ausgerechnet am Schabbat zum Kindergeburtstag eingeladen wird?

Trotzdem, da sind sich alle einig, ist es nicht kompliziert, in Deutschland jüdisch zu leben. Alles sei eine Frage des Wollens und der Organisation. »Der jüdischen Gemeinschaft ist es in Deutschland nie besser gegangen«, unterstreicht Michael Grünberg. Die Zukunftsaussichten der jüdischen Gemeinden seien positiv.

Dennoch betrachtet es der BtJ als seine Aufgabe, die Gemeinden zu stärken, damit sie mehr Angebote für traditionsbewusste Juden machen können. Der Verein stellt zu diesem Zweck vor allem seine Kontakte zur Verfügung. »Die jüdische Familie muss zusammenstehen«, unterstreicht der BtJ-Vorsitzende.

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