Darmstadt

Sarrazin contra Anne Frank

Tagebuch: Mit 13 bekam Anne Frank ein Heft geschenkt, dem sie fortan ihre Erlebnisse im Versteck anvertraute. Foto: Archiv

Die Vorbereitung auf diese Diskussionsrunde hat Daniel Neumann gar nicht geschmeckt. »Ziemlich sauer« habe sie ihn gemacht, lässt der Geschäftsführer des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen das Publikum im Offenen Haus Darmstadt wissen. Neumann musste im Vorfeld ein Buch lesen, das weit oben auf den deutschen Bestsellerlisten steht. Die Rede ist von Thilo Sarrazins Deutschland schafft sich ab. Die Thesen des ehemaligen Bundesbankvorstands werden ein Thema sein, das im Rahmen dieser Veranstaltung diskutiert wird, auch wenn Daniel Neumann dazu nur bedingt Lust verspürt. »Denn der Genetik‐Humbug, den er da aufmacht, ist gar nicht diskussionswürdig.«

Ausverkauft Die Sitzplätze im Saal des Offenen Hauses, einer Einrichtung des Evangelischen Forums Darmstadt, sind restlos besetzt. Dicht an dicht sitzen einige Hundert Gäste zu Füßen des Podiums, auf dem sich nicht weniger als elf Diskutanten niedergelassen haben. Die beiden großen Kirchen wie auch die Parteien im hessischen Landtag sind vertreten. »Der Fall Sarrazin und die Folgen« lautet das Thema im Rahmen der Darmstädter Anne‐Frank‐Tage.

Dabei sollte Sarrazin gar nicht so sehr im Mittelpunkt stehen. »Gibt es Strategien für Demokratie, Vielfalt und Zivilcourage in Stadt und Land?«, lautet der Untertitel der Diskussion. Weder Überschrift noch Untertitel formulieren die Frage nach dem Stand der Erinnerungskultur in Deutschland. Und an dieser Stelle kommt ein zweites Buch ins Spiel, eines das im völligen Gegensatz zu dem des ehemaligen Bankers steht: Das Tagebuch der Anne Frank.

Zustimmung Die eigentliche Diskussion beginnt mit Diagnosen, die nicht wirklich neu sind. Eine neue Studie der Friedrich‐Ebert‐Stiftung zeigt, dass ein Viertel der Befragten ausländerfeindlichen Thesen zustimmt, ein Drittel sich einen »starken Führer« für das Land wünscht und mehr als die Hälfte eine Einschränkung der Religionsausübung bei Muslimen für gerechtfertigt halten. Vor diesem Hintergrund fragt Moderator Martin Frenzel: »Ist Anne Frank noch aktuell?«

Eine Frage, die man Dalia Moneta, Leiterin der Sozialabteilung der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, nicht stellen muss. »Ich hatte schließlich ›Anne Franks‹ in der Familie.« Vor diesem Hintergrund erachte sie das Tagebuch immer noch als aktuell, als ein Stück greifbarer Erinnerungskultur, die es zu pflegen und zu vermitteln gelte. In diesem Punkt herrscht Einigkeit auf dem Podium.

Widerspruch Der deutsch‐afghanische Philosoph und Religionswissenschaftler Ahmad Milad Karimi gehört nach eigener Aussage einer Gruppe an, »die nach Sarrazins Definition gar nicht existieren dürfte«, derjenigen der gut integrierten, noch dazu beruflich erfolgreichen Muslime. Das entscheidende Moment bei der Lektüre des Tagebuchs sei die emotionale Verbundenheit, die man zum Schicksal dieses Mädchen aufbaue. »Sie war eine Person, die ich verstehen konnte«, so Karimi, »vor allem das Bedürfnis nicht immer nur für alle ›Jude‹, sondern einfach ›Mensch‹ sein zu können.«

Problematisch an der derzeitigen Integrationsdebatte findet Karimi nicht den Rassismus, sondern dass dieser »salonfähig« geworden sei. Seine Religion dürfe jederzeit kritisiert werden. »Aber wenn sie mich kritisieren, dann bitte als einen der Ihrigen.« Daniel Neumann beurteilt die Sachlage ähnlich. Auch wenn er findet, dass einige Punkte in Sarrazins Buch dann doch »diskussionswürdig« sind, etwa der gesellschaftliche Umgang mit bildungsfernen Schichten. »Der Punkt ist aber«, so Neumann, »den gibt’s bei Muslimen wie bei Christen.«

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