Potsdam

Salomonische Vorentscheidung

Der Streit um den Synagogenbau in Potsdam geht vier Jahre nach dem Baustopp in eine neue Richtung. Das Land Brandenburg hat die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) als Partner mit ins Boot geholt, mit deren Hilfe in Potsdams Innenstadt ein jüdisches Zentrum errichtet werden soll – mit der lang ersehnten Synagoge als Kern. Die ZWST, einer der sechs Spitzenverbände der freien Wohlfahrt in Deutschland, soll dabei die Trägerschaft der Einrichtung übernehmen.

Fast noch wichtiger ist allerdings ihre Funktion als Vermittler zwischen den verschiedenen jüdischen Gemeinden Potsdams, an deren Uneinigkeit der Bau einer Synagoge bislang gescheitert ist. Somit soll die ZWST mit den Gemeinden Verhandlungen über die äußere Gestaltung des zukünftigen Gebäudes führen.

Wie Sabine Kunst, Brandenburgs Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur, ihr Staatssekretär Martin Gorholt sowie Abraham Lehrer, ZWST‐Vorstandsvorsitzender und Zentralratsvizepräsident, auf einer Pressekonferenz am Dienstag mitteilten, werde das Land dabei sowohl für die Baukosten in Höhe von etwa fünf Millionen Euro als auch für die Betriebskosten des jüdischen Zentrums aufkommen. Letztere schätzt das Land auf 300.000 bis 500.000 Euro im Jahr. Ministerin Sabine Kunst bezeichnete die Entwicklungen als »Durchschlagung des Gordischen Knotens«, da sie einen wichtigen Schritt in Richtung der Potsdamer Synagoge darstellten.

baubeginn »Wir wollen in der Schlossstraße ein Zentrum errichten, das von allen jüdischen Gemeinden Potsdams genutzt werden soll«, sagte sie. Neben Kulturveranstaltungen wie Konzerten, Ausstellungen und Lesungen sollen dort auch Schulungsveranstaltungen stattfinden. ZWST‐Vorsitzender Abraham Lehrer betonte, dass den Kern dabei aber die Synagoge bilde.

»Synagoge bleibt Synagoge«, betonte Lehrer. »Schließlich wollen wir ein Zentrum für jüdisches Leben aufbauen, und ohne Religion gibt es kein jüdisches Leben.« Zwei Drittel des Gebäudes sollen später für gemeindliche Tätigkeiten genutzt werden, wobei ein Veranstaltungsraum mit 250 Plätzen geplant ist. Die Synagoge soll Platz für 170 Beter bieten.

So wie Sabine Kunst blickt auch Lehrer dem baldigen Bau positiv entgegen. Der ZWST‐Vorsitzende sprach sogar schon von einem »bezugsfertigen Gebäude im Herbst 2017«. Ob der Bau allerdings wirklich so schnell fertig sein wird, muss sich erst zeigen, denn einen konkreten Termin für den Baubeginn gibt es bislang noch nicht.

signale »Bevor wir beginnen, wollen wir uns erst mit den jüdischen Gemeinden absprechen«, sagte Lehrer. »Die Signale der ersten Gespräche am Montagabend waren schon sehr positiv.« Allerdings räumte er auch ein, dass auf die kurzfristige Einladung zur gemeinsamen Besprechung nur die Jüdische Gemeinde Stadt Potsdam und die Synagogengemeinde reagiert hätten. Diese stünden dem Projekt indes offen gegenüber. Sowohl die Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde als auch die Mitzwa‐Gemeinde hingegen müssten noch überzeugt werden. Die Hochschulgemeinde Beth Hillel Berlin‐Brandenburg halte sich aus der Diskussion um eine Synagoge eher heraus. Bei der Pressekonferenz am Dienstag war keine der fünf jüdischen Gemeinden vertreten.

»Wir sind sehr daran interessiert, einen Konsens zwischen allen Gemeinden zu finden, schließlich soll das Zentrum auch von allen genutzt werden«, unterstrich Lehrer. »Uns ist nicht daran gelegen, ein Haus losgelöst von den Gemeinden zu betreiben, schließlich wollen wir die Menschen erreichen.« Allerdings werde das Projekt auch dann starten, wenn es zu keiner Einigung kommt. Wie Sabine Kunst sagte, würde dann die ZWST die Verantwortung dafür tragen, dass das Zentrum mit Leben gefüllt wird.

gestaltung Wie lange die Gespräche mit den jüdischen Gemeinden andauern sollen, bis eine endgültige Entscheidung zum Bau gefällt werden wird, konnte Lehrer am Dienstag noch nicht mit Bestimmtheit sagen. »Das ist ein Prozess, der Zeit braucht«, meinte der ZWST‐Vorsitzende. »Im besten Fall können wir diesen Herbst anfangen zu bauen.« Doch im Moment seien sich die Jüdische Gemeinde Stadt Potsdam und die Synagogengemeinde nur in Bezug auf die innere Aufteilung des Gebäudes mit der ZWST einig – über das Äußere wurde laut Lehrer noch nicht gesprochen. Er gab aber an, die bereits vorhandenen Haberland‐Entwürfe zu kennen und sagte, dass das jüdische Zentrum auf deren Grundlage gestaltet werden solle.

Der Entwurf des Berliner Architekten Jost Haberland, der 2009 als Sieger in einem Architektenwettbewerb zur Potsdamer Synagoge hervorgegangen war, führte damals zum Anfang des Synagogenstreits: Eine Gruppe Potsdamer Juden um den in Israel geborenen Musiker Ud Joffe, die vor allem die Außenfassade im Stil der 30er‐Jahre als zu wenig würdig empfindet, gründete 2011 die Synagogengemeinde und stellte einen alternativen Entwurf vor. Dieser sieht lediglich eine »erhabene Synagoge« mit Gemeindesaal und Ritualbad vor.

baustopp Da sich die zwei Gemeinden nicht einigen konnten, verhängte das Land 2011 einen Baustopp. Die von Staatsekretär Gorholt geführten Verhandlungen und Mediationsrunden verliefen ohne Erfolg. Den Anfang des Jahres bekannt gegebenen Vorschlag Joffes, die fünf Millionen des Landes einfach auf die verschiedenen Potsdamer jüdischen Gemeinden aufzuteilen, lehnte Gorholt ab. Dabei hieß es noch, dass im Frühjahr veröffentlicht werden solle, ob der Haberland‐Entwurf umgesetzt wird oder nicht.

Abraham Lehrer ist nun sehr daran gelegen, einen regen Austausch mit den Gemeinden zu erreichen. Über die verschiedenen einzelnen Anliegen sei er nicht unbedingt im Detail informiert, wolle es aber auch gar nicht. »Ich denke, es kann nützlich sein, wenn man nicht alles Vergangene so genau weiß, schließlich schauen wir nach vorne«, bekundete Lehrer. Ihn interessierten weniger die persönlichen Befindlichkeiten als sachliche Argumente. »Wenn wir mit dieser Einstellung herangehen, sind wir guten Mutes, dass sich die Gemeinden nicht verschließen und wir einen Schritt nach vorne gehen können.«

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