Fussball

Rückspiel

Der 26. Juni 1938 war ein milder Sommertag. Fast 400 Zuschauer kamen auf den Sportplatz im Kölner »Fort Deckstein« zum Endspiel um die deutsche Fußballmeisterschaft. Doch Ausrichter war damals nicht der Deutsche Fußballbund. An diesem Tag fand zum letzten Mal ein Finale des jüdischen Sportbundes »Schild« statt. Dabei trafen der TSV Schild Bochum und der Vorjahresmeister TSV Schild Stuttgart aufeinander. Der Verein aus dem Ruhrgebiet gewann mit 4:1 und holte so die einzige deutsche Meisterschaft eines Vereins aus Bochum.

aufarbeitung Zum 75. Jubiläum seiner Vereinsgründung erinnert sich der VfL Bochum 1848 nun dieses historischen Ereignisses und arbeitet die Geschichte in der NS‐Zeit auf. Denn anders, als es die Jahreszahl im Vereinsnamen vermuten lässt, wurde der Klub nicht Mitte des 19. Jahrhunderts, sondern erst 1938 gegründet. Der VfL ist ein Fusionsprodukt der Vereine Germania, TuS 08 und TV 1848 Bochum.

Der Historiker Henry Wahlig befasst sich seit einigen Jahren mit dem dunkelsten Kapitel der Vereinsgeschichte. Ein Antrieb war für ihn das langjährige Schweigen der Verantwortlichen zur Vergangenheit des Klubs. »Die Offiziellen haben lange völlig ignoriert, dass ihr Verein eigentlich in der NS‐Zeit gegründet worden ist«, so Wahlig. Dabei lagen zentrale Dokumente zu dieser Geschichte quasi im eigenen Haus, im Archiv des Gesamtvereins.

Zum noch verdrängten 70‐jährigen Jubiläum vor fünf Jahren schrieb Wahlig einen Artikel, in dem er sich mit der Gründung des VfL auseinandersetzte und so auch das Bewusstsein des Vereins weckte. Fußballklubs täten sich immer noch schwer, ihre »braune« Vergangenheit aufzuarbeiten, sagt Wahlig. »Auch wenn sich in den vergangenen Jahren einige Vereine ihrer Geschichte gestellt haben, gibt es noch sehr viel Nachholbedarf.« Die NS‐Geschichte der meisten Klubs im deutschen Profifußball ist immer noch völlig unerforscht.

auswertung In Bochum ist man inzwischen etwas weiter – vielleicht auch, weil die Quellen belegen, dass der VfL nicht ausschließlich ein Verein von NS‐Gnaden war. »Von einer Zwangsfusion zu sprechen, wäre zu kurz gegriffen«, sagt Christian Schönhals, Sprecher des VfL Bochum 1848. Er unterstützt die Auswertung der Akten, in die auch Historiker der Ruhr‐Universität Bochum eingebunden sind.

Anhand der Quellen werde unter anderem deutlich, dass es schon vor 1933 derartige Überlegungen gegeben habe, die aber am Widerstand der jeweiligen Mitglieder scheiterten, erklärt Schönhals. »Hierbei scheinen vor allem finanzielle Motive eine Rolle gespielt zu haben.« Der Arbeiterklub Germania Bochum hatte immer mit Geldproblemen zu kämpfen. Im Jahr 1938 kam es, auch auf Drängen des Oberbürgermeisters Otto Piclum, zur Fusion mit dem wohlhabenderen TuS und dem TV. Die Nazis erhofften sich dadurch auch einen Imagegewinn für die Hauptstadt des Reichsgaues Westfalen‐Süd.

Zu diesem Zeitpunkt waren jüdische Fußballer längst nicht mehr in ihren alten Vereinen aktiv. »Bereits kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 schlossen die meisten Sportvereine aus vorauseilendem Gehorsam ihre jüdischen Mitglieder aus«, sagt Henry Wahlig. Entsprechende Anweisungen vonseiten des DFB oder der NSDAP habe es nicht gegeben.

nachzügler Einige jüdische Sportler schlossen sich aber auch schon vor 1933 in eigenen Vereinen zusammen. Das Ruhrgebiet galt dabei als Nachzügler. Der erste Verein, der in den Quellen genannt wird, ist Hakoah Essen von 1924. Ein Jahr später wurde Hakoah Bochum gegründet. Im gleichen Jahr stellten die jüdischen Klubs den Antrag auf Aufnahme in den Westdeutschen Spielverband (WSV).

Constans Jersch, damals Präsident des TuS Bochum, Vorsitzender des WSV und noch bis in die 50er‐Jahre Funktionär des VfL Bochum, lehnte den Antrag ab. Die offizielle Begründung lautete: Die Spielklassen seien zu voll. »Ob sich hinter dieser Entscheidung auch antisemitische Motive befanden, muss offen bleiben. In jedem Fall wurde dies vom jüdischen Verein so interpretiert«, erklärt Wahlig.

vintus‐liga Die jüdischen Vereine mit den Namen Hakoah, Makkabi oder Bar Kochba machten sich in der sogenannten Vintus‐Liga selbstständig. 14 jüdische Mannschaften aus Westdeutschland spielten damals gegeneinander. 1933 löste sich der Verband auf, und die Vereine organisierten sich im Schild‐ oder Makkabi‐Verband. »Obwohl viele Quellen und Mitgliederlisten aus der Zeit verschwunden sind, kann man davon ausgehen, dass über 40.000 Juden während der NS‐Zeit in Sportvereinen aktiv waren«, sagt Wahlig. Die Sportverbände seien damit eine der größten Organisationen im jüdischen Leben gewesen.

»In der historischen Forschung wurde diese Tatsache bislang eher ignoriert«, weiß Wahlig. Erst eine neue Generation Wissenschaftler setze sich mit der Geschichte des jüdischen Sports auseinander. »Dabei spielte der Sport für das Selbstverständnis vieler Juden in Deutschland in Abgrenzung zur Nazi‐Ideologie eine wichtige Rolle«, so Wahlig weiter.

schoa Aus dem Verein Schild Bochum konnten bislang 14 Biografien rekonstruiert werden. Eine davon befasst sich mit dem früheren Mannschaftskapitän Erich Gottschalk. Der Verteidiger gehörte zu den Spielern, die die Schoa überlebten. Direkt nachdem alle jüdischen Sportvereine nach den Pogromen des 9. November 1938 von den Nazis zur Selbstauflösung gezwungen wurden, flüchtete Gottschalk in die Niederlande, wurde dort jedoch nach der NS‐Invasion inhaftiert und später mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert. Gottschalks Eltern, seine Ehefrau und das gemeinsame dreijährige Kind sowie der Bruder des Bochumer Fußballers wurden in den Gaskammern von Auschwitz ermordet. Er selbst konnte während eines Todesmarsches vor der SS fliehen und lebte bis zu seinem Tode 1996 in den Niederlanden.

Als der VfL Bochum am 14. April anlässlich der Aufarbeitung seiner Geschichte zu einer Matinée lud, war Erich Gottschalks Neffe, Paul van der Vooren, anwesend. Er beschrieb seinen Onkel als zurückhaltenden Mann, der es nie wirklich überwunden habe, dass er als einziges Familienmitglied die Schoa überlebt hat. Über die Zeit als Fußballer in Deutschland habe er nur äußerst selten gesprochen. Wenn er ausnahmsweise einmal Leuten erzählt habe, er sei sogar Kapitän einer deutschen Meistermannschaft gewesen, habe dies niemand ernst genommen, so van der Vooren.

Ob Erich Gottschalk seine Stadt jemals wieder besucht hat, ist nicht bekannt. Schüler der Erich Kästner‐Schule in Bochum versuchen derzeit, seine Familiengeschichte zu rekonstruieren. Im Oktober sollen vor dem früheren Wohnhaus der Familie Stolpersteine verlegt werden. »Der VfL Bochum«, sagt Vereinssprecher Schönhals, »wird die Patenschaft für die Steine übernehmen«.

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